Und dann erzählte sie: »Es lebte in meiner Jugend ein Mädchen auf Haug, das war die Enkelin eines alten, gelehrten Schulzen. Er nahm sie früh zu sich, um in seinen alten Tagen Freude an ihr zu haben, und lehrte sie natürlich Gottes Wort und gute Sitten. Sie lernte leicht und gern, so daß sie uns in kurzer Zeit weit hinter sich ließ; sie schrieb und rechnete, wußte ihre Schulbücher und fünfundzwanzig Kapitel aus der Bibel auswendig, als sie fünfzehn Jahre alt war. Ich erinnere mich dessen, als wäre es gestern gewesen. Sie mochte lieber lesen als tanzen, so sah man sie nur selten dort, wo Lustbarkeit war, desto häufiger aber in des Großvaters Bodenstube, wo seine vielen Bücher standen. So kam es, daß sie jedesmal, wenn wir mit ihr zusammen waren, so dastand, als wären ihre Gedanken anderswo, und wir sagten zueinander: ›Wären wir bloß so klug wie Karen Haugen!‹ Sie sollte den Alten beerben, und viele brave Burschen erboten sich, halbpart mit ihr zu machen; sie erhielten sämtlich einen Korb. Um diese Zeit kehrte der Sohn des Pfarrers von seiner Priesterlehre zurück; es war nicht gut mit ihm gegangen, denn er hatte mehr Sinn für ein wildes Leben und für alles Böse gehabt als für das Gute; jetzt trank er. ›Hüte dich vor ihm!‹ sagte der alte Schulze; ›ich bin viel mit den Vornehmen zusammen gewesen, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß sie unser Vertrauen weit weniger verdienen als die Bauern.‹ – Karen hörte stets mehr auf seine Stimme als auf die aller andern, und als sie später zufällig mit dem Sohne des Pfarrers zusammentraf, ging sie ihm aus dem Wege; denn er trachtete ihr nach. Seither konnte sie nirgends gehn, ohne ihm zu begegnen. – ›Geh!‹ sagte sie, ›es nützt dir doch nichts!‹ – Er aber ging ihr nach, und so kam es, daß sie doch endlich stehnbleiben und ihn anhören mußte. Er war sehr schön, als er aber sagte, er könne nicht ohne sie leben, da lief sie erschreckt davon. Er trieb sich um ihren Hof herum, aber sie kam nicht heraus; er stand des Nachts vor ihrem Fenster, aber sie kam nicht zum Vorschein; er sagte, er wolle seinem Leben ein Ende machen, Karen aber wußte, was sie davon zu denken hatte. Da fing er wieder an zu trinken. – ›Sei auf deiner Hut! Das sind alles nur Teufelskünste,‹ sagte der alte Großvater. Da stand der Bursche eines Tages plötzlich mitten in ihrem Zimmer, niemand wußte, wie er dahingelommen war. ›Jetzt will ich dich ermorden!‹ sagte er. – ›Ja, tu du das nur,‹ sagte sie. Da aber weinte er und sagte, es stünde in ihrer Macht, ihn zu einem braven Menschen zu machen. – ›Könntest du dich nur ein halbes Jahr des Trinkens enthalten!‹ sagte sie. Und da enthielt er sich ein halbes Jahr des Trinkens. – ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er. – ›Nicht ehe du ein halbes Jahr von allen Festlichkeiten und Gelagen ferngeblieben bist.‹ – Das tat er. – ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er. – ›Nicht ehe du hingehst und deine geistlichen Studien beendest.‹ – Auch das tat er, und im folgenden Jahre kehrte er als ausgelernter Pfarrer zurück. – ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er und hatte obendrein Talar und Halskrause um. – ›Jetzt will ich dich ein paarmal Gottes Wort verkünden hören,‹ sagte Karen. Und das tat er wahr und lauter, wie es sich für einen Geistlichen geziemt; er sprach von seiner eignen Sündhaftigkeit, und wie leicht es sei zu siegen, wenn man nur erst den Anfang gemacht habe, und wie schön Gottes Wort sei, wenn man es nur erst gefunden habe. Darauf begab er sich abermals zu Karen. – ›Ja, nun glaube ich, daß du nach dem leben wirst, was du selber weißt,‹ sagte Karen, ›und nun will ich dir auch erzählen, daß ich seit drei Jahren mit meinem Vetter, Anders Haugen, verlobt bin; du sollst uns am nächsten Sonntag aufbieten.‹« – –
Hier schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs nur geringe Teilnahme für die Erzählung bezeugt, dann aber war ihre Interesse erwacht, und nun folgte sie mit Spannung jedem Wort. – »Kommt nicht noch mehr?« fragte sie ganz erschrocken. – »Nein,« sagte die Mutter. Der Vater sah die Mutter an, da glitt ihr Blick unsicher zur Seite, und nachdem sie sich einen Augenblick besonnen hatte, fuhr sie fort, indem sie mit dem Finger über die Tischplatte hinstrich: »Vielleicht könnte noch etwas kommen – aber das tut nichts zur Sache.« – »Ist da noch mehr?« wandte sich Synnöve nun an den Vater, der es zu wissen schien. – »Hm – ja! Aber es verhält sich so, wie die Mutter sagt – es tut nichts zur Sache.« – »Wie erging es ihm denn?« fragte Synnöve. – »Ja, das ist es eben,« sagte der Vater und sah zu der Mutter hinüber. Diese hatte sich an die Wand gelehnt und sah sie beide an. – »Wurde er unglücklich?« fragte Synnöve leise. – »Wir müssen schließen, wo der Schluß sein soll,« sagte die Mutter und stand auf. Der Vater tat ebenso, und Synnöve stand dann auch auf.
8
Einige Wochen später an einem frühen Morgen machten sich sämtliche Bewohner von Solbakken zum Kirchgang fertig; es war Konfirmation, die in diesem Jahre etwas früher fiel als gewöhnlich, und bei einer solchen Gelegenheit wurden alle Häuser abgeschlossen; denn dann mußten alle mit. Fahren wollten sie nicht, da das Wetter klar war, wenn auch ein wenig kalt und scharf in der frühen Morgenstunde; der Tag versprach schön zu werden. Der Weg führte durch das Kirchspiel, an Granliden vorbei, bog dann rechts ab, und eine gute Viertelstunde weiter lag die Kirche. Das Korn war an den meisten Stellen gemäht und in Hocken gesetzt, die Kühe waren fast überall aus den Bergen heruntergeholt und weideten angepflöckt, die Wiesen waren entweder zum zweitenmal grün oder auf magerm Boden grauweiß; ringsumher stand der vielfarbige Wald, die Birke schon müde, die Espe ganz blaßgelb, die Eberesche mit trocknen, zusammengeschrumpften Blättern und vielen Beeren. Es hatte mehrere Tage stark geregnet, das niedrige Gestrüpp, das am Wege entlang wuchs und sonst im Staube der Landstraße dastand und nieste, war jetzt reingewaschen und frisch. Die Felswände aber begannen sich schwer auf das Tal zu legen, jetzt, wo der plündernde Herbst sie entkleidete und ihnen ein ernsthaftes Angesicht gab, während sich die Felsenbäche, die im Sommer nur hin und wieder Leben gezeigt hatten, jetzt übermütig aufbäumten und mit lautem Lärm hinunterschäumten. Der Granlider Gießbach nahm einen schwerern, ruhigern Gang an, namentlich bis er an den Granlider Steingrund hinabkam, wo der Fels ihn auf einmal nicht weiter begleiten wollte, sondern sich von ihm zurückzog. Da machte er einen Sprung über die Steine und brauste brüllend dahin, so daß der Fels erbebte. Ihm wurde für seine Verräterei gründlich der Kopf gewaschen, denn der Gießbach sandte ihm höhnisch einen Spritzstrahl gerade ins Gesicht. Einige neugierige Erlenbüsche, die sich der Schlucht genähert hatten, wären beinahe von der Flut mit fortgeschwemmt worden; sie standen nun da und schnauften in dem Wasserbade, denn der Gießbach war heute nicht geizig.
Thorbjörn, seine beiden Eltern und seine beiden Geschwister sowie die übrigen Hausbewohner kamen gerade vorüber und beobachteten dies alles. Thorbjörn war jetzt wieder gesund, er zog kräftig wie ehemals seinen Strang bei der Arbeit des Vaters. Die beiden gingen jetzt immer zusammen, so auch hier. – »Ich glaube fast, wir haben die Leute von Solbakken gerade hinter uns,« sagte der Vater. Thorbjörn sah nicht zurück, die Mutter aber sagte: »Ja, so ist es; aber ich sehe nicht – ach ja, da ist sie – ganz hinten.« – Entweder gingen die Granlider jetzt schneller, oder die Leute von Solbakken hatten ihren Schritt gemäßigt, aber der Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, schließlich sah man einander kaum noch. Es schien, daß heute viel Volk bei der Kirche zusammenkommen würde; der lange Weg war schwarz von gehenden, fahrenden, reitenden Menschen; die Pferde waren jetzt in der Erntezeit übermütig und wenig daran gewöhnt, mit andern zusammen zu sein, deswegen war ein Gewiehere und eine Unruhe unter ihnen, die die Fahrt gefahrvoll, aber sehr lebhaft machten.
Je näher man an die Kirche herankam, desto größern Lärm machten die Pferde, denn jedes, das kam, schrie zu denen hinüber, die schon angebunden dastanden, und diese zerrten an den Leinen, stampften mit den Hinterfüßen und wieherten den Ankömmlingen einen Gruß zu. Alle Hunde des Kirchspiels, die die ganze Woche zu Hause gesessen, einander angehört, sich gegenseitig angeknurrt und herausgefordert hatten, trafen sich jetzt hier bei der Kirche, stürzten sich in die großartigste Beißerei, paarweise und in ganzen Rudeln, weit über die Felder hin. Die Leute standen still an den Häusern und an der Kirchenmauer; sie führten eine flüsternde Unterhaltung und sahen sich nur von der Seite an. Der Weg, der an der Mauer vorbeiführte, war nicht breit, und auf der andern Seite lagen die Häuser dicht nebeneinander; und nun standen die Frauen gewöhnlich an der Mauer, die Männer ihnen gegenüber an den Häusern. Erst später wagten sie es, zueinander hinüberzugehn; auch wenn sich Bekannte von weitem sahen, taten sie, als kennten sie sich nicht, bis dieser Augenblick gekommen war; manchmal geschah es, daß sie sich so nahe gegenüberstanden, wenn der eine Teil kam, daß sie einen Gruß nicht vermeiden konnten; dann geschah es mit halb abgewandtem Gesicht und in kurzen Worten, worauf sich jeder wieder an seinen Platz zurückzog.
Als die Granlider herankamen, wurde es fast noch stiller als zuvor; Sämund hatte nicht viele zu begrüßen, weswegen es mit ihm schnell die Reihe entlang ging; die Frauen dagegen blieben gleich hängen und blieben bei den ersten stehn. Daher mußten die Männer, als man zur Kirche gehn wollte, wieder zu den Frauen zurückkehren. In diesem Augenblick kamen drei Wagen in einer Reihe ungestümer als alle die andern herangefahren und hielten nicht eher an, als bis sie mitten unter den Leuten waren. Sämund und Thorbjörn, die beinahe überfahren worden waren, sahen zu gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saßen Knud Nordhaug und ein alter Mann, im zweiten seine Schwester mit ihrem Manne, im dritten die Altenteiler. Vater und Sohn sahn sich gegenseitig an; Sämund verzog keine Miene, Thorbjörn war sehr bleich. Als ihre Blicke sich trennten, schweiften sie weiter und fielen auf die Leute von Solbakken, die gerade ihnen gegenüber stehngeblieben waren, um Ingebjörg und Ingrid Granliden zu begrüßen. Die Wagen waren zwischen ihnen durchgefahren, die Unterhaltung war unterbrochen worden, die Augen hingen noch an den Dahinfahrenden, und es währte eine ganze Zeit, ehe sie sich davon losreißen konnten. Als sie dann nach dieser Überraschung wieder zu sich gekommen waren und die Augen umherschweifen ließen, um einen Übergang zu suchen, gewahrten sie Thorbjörn und Sämund, die dastanden und starrten. Guttorm Solbakken wandte sich ab, seine Frau aber sah sofort nach Thorbjörns Augen; Synnöve, die einen Blick von ihm erhascht hatte, wandte sich zu Ingrid Granliden und ergriff ihre Hand, wie um sie zu begrüßen, obwohl sie das schon einmal getan hatte. Aber alle fühlten sie auf einmal, daß ihr Gesinde und ihre Bekannten, einer wie alle, sie beobachteten, und nun kam Sämund selber geradeswegs hinüber und reichte Guttorm mit abgewandtem Gesicht die Hand: »Hab Dank für das letztemal.« – »Hab selber Dank für das letztemal.« – Dann reichte er der Frau die Hand: »Hab Dank für das letztemal!« – »Hab selber Dank für das letztemal,« erwiderte sie, ebenfalls ohne aufzusehn. Thorbjörn ging hinterdrein und tat wie der Vater; dieser kam nun zu Synnöve, und sie war die erste, die er ansah. Auch sie sah ihn an und vergaß »Hab Dank für das letztemal« zu sagen. In demselben Augenblick kam Thorbjörn; er sagte nichts, sie sagte nichts, sie reichten einander die Hand, aber nur lose, keins schlug die Augen auf, keins vermochte einen Fuß zu rühren. – »Es wird heute sicher ein gesegnetes Wetter,« sagte Karen Solbakken und ließ den Blick schnell von Synnöve zu Thorbjörn hinüberschweifen. Sämund antwortete ihr: »Ach ja, dieser Wind treibt die Wolken weg.« – »Gut für das Korn, das noch steht und der Trockenheit bedarf,« sagte Ingebjörg Granliden und fing an, Sämund hinten an die Jacke zu klopfen, vermutlich weil sie glaubte, daß er voll Staub sei. – »Gott hat uns ein gutes Jahr beschert, aber es ist noch unsicher, ob alles unter Dach und Fach kommt,« sagte Karen wieder und sah nach den beiden hinüber, die sich seit vorhin noch nicht vom Fleck gerührt hatten. – »Das kommt auf die Zahl der Leute an,« sagte Sämund und wandte sich zu ihr, so daß sie nicht gut dahinsehn konnte, wohin sie sehn wollte. – »Ich habe oft gedacht, wenn nur ein paar Höfe ihre Kräfte zusammenlegen wollten, da würde es besser gehn.« – »Aber es kann ja so sein, daß sie beide das trockne Wetter gleichzeitig benutzen wollen,« sagte Karen Solbakken und machte einen Schritt zur Seite. – »Freilich,« meinte Ingebjörg und stellte sich dicht neben ihren Mann, so daß Karen auch jetzt nicht dahinsehn konnte, wohin sie sehn wollte; – »aber an manchen Stellen reift es früher als an andern; Solbakken ist uns oft um vierzehn Tage voraus.« – »Ja, da könnten wir einander ja gut helfen,« sagte Guttorm und trat einen Schritt näher heran. Karen sah ihn hastig an. – »Aber es gibt immer so manche Umstände, die einem in den Weg kommen,« setzte er hinzu. – »Das ist so,« sagte Karen und trat einen Schritt auf die eine Seite und einen auf die andre, und noch einen, aber dann wieder zurück. – »Ach ja, es kommt einem oft mancherlei in den Weg,« sagte Sämund und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. – »Freilich ist es so,« sagte Guttorm, seine Frau aber fiel ihm ins Wort: »Menschenmacht reicht nicht weit, Gottes Macht ist die größte, und auf ihn allein kommt es an.« – »Er würde doch wohl nichts Wesentliches dagegen einzuwenden haben, daß wir einander bei der Ernte auf Granliden und Solbakken behilflich wären?« – »Nein,« meinte Guttorm, »dagegen kann er wohl nichts einzuwenden haben,« und er sah seine Frau ernsthaft an. Diese gab dem Gespräch eine andre Wendung: »Es sind viele Leute heute zur Kirche gekommen,« sagte sie; »es tut einem wohl, zu sehn, wie die das Haus Gottes aufsuchen.« – Niemand schien hierauf etwas erwidern zu wollen; da sagte Guttorm: »Ich glaube wirklich, es nimmt zu mit der Gottesfurcht, es gehn jetzt mehr Leute zur Kirche als in meiner Jugend.« – »Ach ja – die Menschen vermehren sich,« sagte Sämund. – »Es sind wohl viele unter ihnen, vielleicht der größte Teil, die nur aus Gewohnheit kommen,« meinte Karen Solbakken. – »Vielleicht die Jüngern,« entgegnete Ingebjörg. – »Die Jüngern wollen einander gern treffen,« sagte Sämund. – »Habt ihr gehört, daß der Pfarrer von hier fort will?« fragte Karen und gab dem Gespräch zum zweitenmal eine andre Wendung. – »Das tut mir leid,« sagte Ingebjörg; »er hat alle meine Kinder getauft und auch konfirmiert.« – »Und nun möchtest du wohl, daß er sie auch traute?« sagte Sämund und kaute auf einem Stück Holz, das er aufgenommen hatte. – »Es wundert mich, daß die Kirche immer noch nicht beginnt,« sagte Karen und sah nach dem Eingang hinüber. – »Ja, es ist heute heiß hier draußen,« bemerkte Sämund und lächelte abermals. – »Komm jetzt, Synnöve, wir wollen hineingehn.« – Synnöve fuhr zusammen und wandte sich um, denn sie hatte mit Thorbjörn geredet. – »Willst du nicht warten, bis es geläutet hat?« sagte Ingrid Granliden und sah zu Synnöve hinüber. – »Dann gehn wir alle miteinander,« fügte Ingebjörg hinzu. Synnöve wußte nicht, was sie antworten sollte.
Sämund sah über den Rücken zu ihr hinüber: »Wenn du nur warten willst, dann läutet es bald – für dich,« sagte er. Synnöve wurde dunkelrot, die Mutter sah ihn ärgerlich an. Er aber lächelte ihr zu: »Es kommt alles so, wie Gott es will, sagtest du das nicht vorhin selber?« Und er schritt allen voran auf die Kirche zu, die andern folgten ihm.