An der Kirchentür war großes Gedränge, und als sie näher zusahn, war sie noch nicht geöffnet. Gerade als sie näher herangingen, um nach der Ursache zu fragen, wurde sie geöffnet, und die Leute gingen hinein; einige aber kamen auch wieder zurück, wodurch die Ankommenden voneinander getrennt wurden. An die Wand gelehnt standen zwei Männer und sprachen miteinander; der eine groß und stark mit blondem, ein wenig struppigem Haar und einer Stulpnase, und das war Knud Nordhaug. Als er die Leute von Granliden kommen sah, hörte er auf zu sprechen, wurde ein wenig verlegen, blieb aber trotzdem stehn. Sämund mußte nun gerade an ihm vorüber, er sah ihn scharf an, Knud schlug aber seine Augen nicht zu Boden, wenn auch sein Blick nicht ganz sicher war. Nun kam Synnöve, und als sie Knud so unerwartet erblickte, wurde sie leichenblaß. Da schlug Knud die Augen nieder und richtete sich von der Wand auf, um zu gehn. Er hatte nur ein paar Schritte gemacht, da sah er vier Gesichter auf sich gerichtet, Guttorms, Karens, Ingrids und Thorbjörns. Verwirrt wie er war, ging er gerade auf sie zu, so daß er, ohne es selber zu wissen, bald von Angesicht zu Angesicht mit Thorbjörn selber stand; es schien, als wolle er sich sofort zurückziehn, aber es waren mehr Leute herzugekommen, und es ließ sich nicht so leicht bewerkstelligen. Dies trug sich gerade auf der Fliesenplatte zu, die vor der Fagerlidkirche liegt; oben auf der Schwelle zum Waffenhause war Synnöve stehngeblieben, während Sämund etwas weiter hinein stand; sie konnten, da sie höher standen, deutlich von allen draußen gesehn werden, wie auch sie alle sehn konnten. Synnöve hatte alles um sich her vergessen und stand da und starrte Thorbjörn an; dasselbe taten Sämund, seine Frau, die Leute aus Solbakken und Ingrid. Thorbjörn fühlte das und stand wie festgenagelt; Knud aber fühlte, daß er hier etwas tun müsse, und so streckte er denn die eine Hand ein wenig vor, sagte aber nichts. Thorbjörn streckte die seine ebenfalls ein wenig vor, jedoch nicht weit genug, daß sie einander hätten berühren können. »Hab Dank für –«, begann Knud, besann sich jedoch, daß das hier kein richtiger Gruß sei, und wich einen Schritt zurück. Thorbjörn sah auf, und sein Auge traf Synnöve, die weiß wie Schnee war. Er tat einen langen Schritt vorwärts, faßte Knuds Hand mit einem kräftigen Griff und sagte so laut, daß die Zunächststehenden es hören konnten: »Hab Dank für das letztemal, Knud! Vielleicht ist es für uns beide – gut gewesen.«

Knud gab einen Laut von sich, der ungefähr wie ein Schlucken klang, und es sah aus, als nähme er mehrmals einen Anlauf zum Sprechen, aber es kam nicht dazu. Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen, er wartete – sah nicht auf, sondern wartete nur. Es fiel indes kein Wort, und als nun Thorbjörn dastand und sein Gesangbuch in der Hand hin und her drehte, ließ er es unversehens fallen. Sofort beugte sich Knud hinab, nahm es auf und reichte es ihm. »Danke,« sagte Thorbjörn, der sich selbst hinabgebeugt hatte; er sah auf, da aber Knud wieder niedersah, dachte Thorbjörn, es ist wohl am besten, wenn ich gehe. Und so ging er denn.

Die andern gingen auch, und als Thorbjörn sich gesetzt hatte und nach einer Weile nach dem Frauenstuhl hinübersah, begegnete er Ingebjörgs Gesicht, die ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken hatte offenbar erwartet, daß er hinübersehn würde, denn in demselben Augenblick, als er das tat, nickte sie ihm dreimal zu, und als er darüber staunte, nickte sie noch dreimal, und zwar noch freundlicher als vorhin. Sämund, sein Vater, flüsterte ihm ins Ohr: »Das hatte ich mir gedacht.« – Sie hatten das Einleitungsgebet gehört und einen Gesang gesungen, jetzt stellten sich schon die Konfirmanden auf, als er ihm nochmals zuflüsterte: »Aber Knud wird es schwer, gut zu sein; laß es immer weit von Granliden bis Nordhaug sein.«

Die Konfirmation nahm ihren Anfang, der Geistliche trat vor, und die Kinder stimmten das Konfirmationslied von Kingo an. Sie alle auf einmal und allein so zuversichtlich singen zu hören – das pflegt die Leute zu ergreifen, namentlich die noch nicht so weit gekommen sind, daß sie sich ihres eignen Konfirmationstages nicht mehr erinnern. Wenn dann eine tiefe Stille folgt und der Geistliche, seit mehr als zwanzig Jahren ist es derselbe, derselbe, der wohl in einer stillen Stunde jedem einzelnen von ihnen einmal zum Guten geredet hat – wenn er nun die Hände über der Brust faltet und zu reden beginnt, so ist die Bewegung am höchsten. Die Kinder aber fangen an zu weinen, wenn der Pfarrer sich zu den Eltern wendet und sie auffordert, zu Gott für ihre Kinder zu beten. Thorbjörn, der noch vor kurzem dem Tode nahe gewesen war, und der dann später geglaubt hatte, er würde zeitlebens ein Krüppel bleiben, weinte viel, besonders aber als die Kinder ihr Gelöbnis ablegten und alle so fest überzeugt waren, daß sie es halten würden. Er sah nicht ein einziges Mal zum Frauenstuhl hinüber; aber nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid, seiner Schwester, hinüber und flüsterte ihr etwas zu, worauf er sich schnell durch die Menge und hinausdrängte – einige wollten wissen, er sei, statt die Landstraße einzuschlagen, am Bergesabhang entlang in den Wald hinaufgegangen; aber sie waren sich dessen nicht sicher. Sämund suchte nach ihm, gab es aber auf, als er sah, daß auch Ingrid verschwunden war. Er sah sich dann nach den Leuten von Solbakken um; diese liefen über den ganzen Friedhof und fragten nach Synnöve, von der niemand etwas gesehn hatte. Da zogen sie heim – jedes Paar für sich, und ohne ihre Kinder.

Weit voran auf dem Wege aber waren Synnöve und Ingrid. »Ich bereue es fast, daß ich mitgekommen bin,« sagte die erste. – »Es ist jetzt nichts Unrechtes mehr, seit der Vater darum weiß,« entgegnete die andre. – »Aber er ist doch nicht mein Vater,« sagte Synnöve. – »Wer weiß?« erwiderte Ingrid, und dann wurde über die Sache nicht mehr gesprochen. – »Ich glaube, es war hier, wo wir warten sollten,« sagte Ingrid, als der Weg eine große Biegung gemacht hatte und sie in einem dichten Walde standen. – »Er hat einen langen Umweg,« sagte Synnöve. – »Aber er ist schon da!« fiel Thorbjörn ein, der sich hinter einem großen Stein aufrichtete.

Er hatte sich im Kopfe alles zurechtgelegt, was er sagen wollte, und das war nicht wenig. Aber heute sollte es flott damit gehn, denn sein Vater wußte darum und wollte es, dessen glaubte er sicher zu sein nach dem, was vor der Kirche geschehn war. Und dann hatte er sich den ganzen Sommer so schrecklich gesehnt, da mußte es ihm doch jetzt leichter werden, mit ihr zu reden, als es bisher gewesen war. »Es ist am besten, wenn wir den Waldweg einschlagen,« sagte er, »der führt schneller vorwärts.« Die Mädchen sagten nichts, folgten ihm aber. Thorbjörn wollte mit Synnöve reden, meinte aber, es sei besser, zu warten, bis sie den Hügel erklommen hatten, und dann, bis sie an dem Sumpfe vorbei wären; als das alles aber glücklich überstanden war, meinte er, es sei das richtigste, anzufangen, sobald sie etwas weiter in den Wald hineingekommen wären. Ingrid, die offenbar der Ansicht war, daß es reichlich langsam mit ihnen ging, begann ihren Gang zu hemmen und blieb mehr und mehr zurück, bis sie fast nicht mehr zu sehn war. Synnöve tat, als merke sie es nicht, sondern begann hie und da eine Beere zu pflücken, die am Wegesrande stand.

›Es wäre doch merkwürdig, wenn ich nicht mit der Sprache herauskäme,‹ dachte Thorbjörn, und dann begann er: »Es ist doch heute noch schönes Wetter geworden.« – »Ja, das ist es geworden,« antwortete Synnöve. Und dann ging es wieder eine Strecke weiter; sie pflückte Beeren, und er ging neben ihr. – »Es war hübsch von dir, daß du mitkamst,« sagte er; darauf erwiderte sie aber nichts. – »Das ist ein langer Sommer gewesen,« sagte er, aber auch darauf erwiderte sie nichts. – ›Nein, solange wir gehn, kommen wir doch nicht zur Aussprache,‹ dachte Thorbjörn. »Ich glaube, wir tun am besten, wenn wir ein wenig auf Ingrid warten,« sagte er. – »Ja, laß uns das tun,« sagte Synnöve und blieb stehn; hier waren keine Beeren, nach denen sie sich hätte bücken können, das hatte Thorbjörn sehr wohl gesehn; Synnöve aber hatte sich einen langen Grashalm gepflückt und stand nun da und zog die Beeren auf den Halm.

»Heute mußte ich so viel an die Zeit denken, als wir zusammen zum Konfirmationsunterricht gingen,« sagte er. – »Ich mußte auch daran denken,« erwiderte sie. – »Es hat sich vielerlei seitdem ereignet« – und als sie nichts sagte, fuhr er fort: »Das meiste ist aber so gekommen, wie wir es nicht erwartet hatten!« – Synnöve zog ihre Beeren noch immer fleißig auf den Halm und hielt den Kopf bei der Arbeit geneigt; er rückte ein wenig beiseite, um ihr ins Gesicht zu sehn; aber als ob sie seine Absicht bemerkt hätte, wußte sie es so zu machen, daß sie sich nach der andern Seite wenden mußte. Da überkam ihn fast die Angst, daß er nichts herausbringen würde. – »Synnöve, du hast mir doch auch wohl ein wenig zu sagen?« Da sah sie auf und lachte: »Was soll ich sagen?« fragte sie. Da kehrte ihm der Mut zurück, er wollte sie um die Taille fassen, aber als er ganz nahe an sie herangekommen war, wagte er es nicht recht, sondern fragte nur ganz kleinmütig: »Ingrid hat wohl mit dir gesprochen?« – »Ja,« antwortete sie. – »Dann weißt du also etwas,« sagte er. – Sie schwieg. – »Dann weißt du also etwas,« wiederholte er noch einmal und kam ihr noch einen Schritt näher. – »Du weißt wohl auch etwas?« erwiderte sie – das Gesicht konnte er nicht sehn. – »Ja!« sagte er und wollte eine ihrer Hände ergreifen; aber sie war jetzt fleißiger als die ganze Zeit zuvor. – »Es ist so unangenehm,« sagte er, »daß du mir allen Mut raubst.« – Er konnte nicht sehn, ob sie dazu lächelte, und deswegen wußte er nicht, was er weiter sagen sollte. – »Kurz und gut!« rief er plötzlich mit lauter, wenn auch ein wenig unsichrer Stimme, »was hast du mit dem Zettel gemacht?« Sie antwortete nicht, sondern wandte sich ab. Er ging ihr nach, legte die eine Hand auf ihre Schulter und beugte sich über sie. – »Antworte mir!« flüsterte er. – – »Ich habe ihn verbrannt!«

Rasch umfaßte er sie und wandte sie zu sich herum, da aber sah er, daß sie dem Weinen nahe war, und nun verlor er den Mut und ließ sie los. – ›Es ist doch auch schlimm, daß sie immer gleich anfängt zu weinen,‹ dachte er. Als sie noch so dastanden, sagte sie leise: »Weshalb hast du den Zettel geschrieben?« – »Das hat Ingrid dir ja gesagt!« – »Freilich, aber – es war grausam von dir.« – »Der Vater verlangte es –« – »Trotzdem –« – »Er glaubte, daß ich mein Leben lang ein Krüppel bleiben würde; von jetzt an werde ich für dich sorgen, sagte er.«