Ingrid wurde unten am Hügel sichtbar, und nun begannen sie sofort wieder zu gehn. – »Es war mir, als sähe ich dich am deutlichsten vor mir, als ich glaubte, daß ich dich nie mehr bekommen würde,« sagte er. – »Man prüft sich selber, wenn man allein ist,« sagte sie. – »Ja, da fühlt man deutlich, wer die größte Macht über uns hat,« sagte Thorbjörn mit klarer Stimme und schritt ernsthaft neben ihr her.

Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. – »Willst du sie haben?« fragte sie und reichte ihm den Grashalm. – »Danke!« sagte er und hielt die Hand fest, die ihm die Beeren reichte. – »Dann ist es wohl am besten, wenn alles beim alten bleibt,« sagte er mit leise bebender Stimme. – »Ja,« flüsterte sie kaum hörbar und wandte sich ab. Sie gingen weiter, und solange sie schwieg, wagte er nicht, sie zu berühren oder zu sprechen; aber es war ihm, als habe sein Körper alle Schwere verloren, und er war deswegen nahe daran, zu träumen. Es flimmerte ihm vor den Augen, und als sie jetzt an einen Hügel kamen, von wo aus man Solbakken deutlich sehn konnte, war es ihm, als habe er dort sein ganzes Leben lang gewohnt, als sehne er sich jetzt dahin zurück. – ›Ich will sie nur gleich hinüberbegleiten,‹ dachte er und schöpfte Mut aus dem Anblick, den er vor sich hatte, so daß er mit jedem Schritt in seinem Vorsatz fester wurde. – ›Der Vater hilft mir,‹ dachte er; ›ich halte dies nicht länger aus, ich muß hinüber – ich muß!‹ – Und er ging schneller und schneller, sah nur gerade vor sich hin. Das Tal und das Gehöft lagen sonnenüberflutet da. – ›Ja, heute! Nicht eine Stunde länger will ich warten‹ – und er fühlte sich so stark, daß er nicht wußte, wohin er sich wenden sollte.

»Du läufst mir ja ganz fort,« hörte er eine sanfte Stimme hinter sich; es war Synnöve, die ihm kaum folgen konnte und es nun aufgeben mußte. Er wandte sich beschämt um, kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und dachte: ›Ich will sie hoch über meinen Kopf heben‹; als er aber nahe an sie herangekommen war, tat er es doch nicht. – »Ich gehe so schnell, ich,« sagte er. – »Ja, das tust du,« erwiderte sie.

Sie waren jetzt nahe an der Landstraße; Ingrid, die die ganze Zeit nicht zu sehn gewesen war, ging jetzt dicht hinter ihnen. – »Jetzt solltet ihr nicht länger zusammen gehn,« sagte sie. Thorbjörn zuckte zusammen, es kam ihm zu früh; auch Synnöve wurde es ganz wunderlich zumute. – »Ich hatte noch so viel, was ich dir sagen wollte,« flüsterte Thorbjörn. Sie mußte lächeln. – »Nun ja,« sagte er, »ein andermal.« Er nahm ihre Hand.

Sie sah mit einem klaren, innigen Blick zu ihm auf; es wurde ihm warm dabei, und es fuhr ihm durch den Kopf: Ich gehe sofort mit ihr! Da aber zog sie ihre Hand leise zurück, wandte sich ruhig zu Ingrid und sagte ihr Lebewohl; dann ging sie langsam bergab, der Landstraße zu. Er blieb zurück.

Die beiden Geschwister gingen durch den Wald heim. »Habt ihr euch denn jetzt ausgesprochen?« fragte Ingrid. – »Nein, der Weg war zu kurz,« sagte er und beschleunigte seinen Schritt, als wolle er nicht mehr davon hören.

»Nun?« fragte Sämund und sah vom Tische auf, als die beiden Geschwister in die Stube traten. Thorbjörn erwiderte nichts, sondern ging zu der Bank auf der andern Seite, offenbar um seinen Rock auszuziehn; Ingrid folgte ihm und lächelte. Sämund fing wieder an zu essen; von Zeit zu Zeit sah er zu Thorbjörn hinüber, der sehr beschäftigt zu sein schien, lächelte und aß weiter. – »Komm und iß,« sagte er; »das Essen wird kalt.« – »Danke, ich will nicht essen,« sagte Thorbjörn und setzte sich. – »So?« – und Sämund aß weiter. Nach einer Weile sagte er: »Ihr hattet es ja heute nach der Kirche sehr eilig!« – »Da war jemand, mit dem wir noch reden wollten,« sagte Thorbjörn und hockte auf die Bank nieder. – »Nun – hast du denn mit ihm gesprochen?« – »Ich weiß nicht recht,« entgegnete Thorbjörn. – »Das ist doch des Teufels,« sagte Sämund und aß weiter. Bald darauf war er fertig und stand auf. Er trat an das Fenster, blieb dort eine Weile stehn und sah hinaus, dann wandte er sich um: »Du, wir wollen hinausgehn und uns nach der Ernte umsehn.« – Thorbjörn erhob sich. – »Nein, zieh nur lieber etwas an.« – Thorbjörn, der in Hemdsärmeln dasaß, zog eine alte Jacke an, die über ihm an der Wand hing. – »Du siehst doch, daß ich die neue angezogen habe,« sagte Sämund. Thorbjörn tat desgleichen, und sie gingen hinaus, Sämund voran, Thorbjörn hinterdrein.

Sie gingen nach der Landstraße hinab. – »Wollen wir nicht nach der Gerste hingehn?« fragte Thorbjörn. – »Nein, wir wollen zu dem Weizen hinübergehn,« sagte Sämund. Gerade als sie auf die Landstraße einbogen, kam ein Wagen langsam dahergefahren. – »Das ist ein Nordhauger Fuhrwerk,« sagte Sämund. – »Das sind die jungen Leute aus Nordhaug,« versetzte Thorbjörn; die »jungen Leute« bedeutet aber soviel wie die Neuvermählten.

Der Wagen hielt, als er in die Nähe der Granlider gekommen war. – »Wirklich ein stolzes Frauenzimmer, diese Marit Nordhaug!« flüsterte Sämund und konnte den Blick nicht von ihr abwenden; sie saß ein wenig zurückgelehnt im Wagen, hatte ein Tuch lose über den Kopf gebunden und ein zweites um sich. Sie sah die beiden mit starrem Blick an; nichts bewegte sich in ihren reinen, kräftigen Zügen. Der Mann war sehr bleich und mager, er sah noch sanfter aus als sonst, wie jemand, der einen Kummer hat, über den er nicht reden kann. – »Ihr Leute wollt wohl das Korn ansehn?« fragte er. – »Wills glauben,« entgegnete Sämund. – »Es steht gut in diesem Jahr!« – »Ach ja – es hätte schlechter sein können.« – »Ihr kommt spät,« sagte Thorbjörn. – »Da waren so viele Frauenzimmer, von denen ich Abschied nehmen mußte,« sagte der Mann. – »Wie – willst du verreisen?« fragte Sämund. – »Ja, das will ich.« – »Geht die Reise weit?« – »Ach – ja!« – »Wohin willst du denn?« – »Nach Amerika!« – »Nach Amerika!« riefen beide Männer wie aus einem Munde – »ein jungvermählter Mann!« fügte Sämund hinzu. Der Mann lächelte: »Ich denke, ich bleibe der Nahrung wegen hier, sagte der Fuchs, da saß er im Fangeisen fest.« – Marit sah erst ihn und dann die andern an, eine leichte Röte huschte über ihr Antlitz, das aber sonst unverändert blieb. – »Deine Frau reist wohl mit?« fragte Sämund. – »Nein, das tut sie eben nicht.« – »Man sagt, es soll leicht sein, in Amerika zu Reichtum zu gelangen,« sagte Thorbjörn, er hatte das Gefühl, daß die Unterhaltung nicht ins Stocken geraten dürfe. – »Ach – ja,« erwiderte der Mann. – »Aber Nordhaug ist ein schönes Gut,« meinte Sämund. – »Es sind zu viele da,« erwiderte der Mann. Die Frau sah ihn abermals an. – »Der eine steht dem andern im Wege,« fügte er hinzu.

»Nun denn, glückliche Reise!« sagte Sämund und reichte ihm die Hand. »Gott gebe dir das, was du suchst!«