Thorbjörn sah seinem Schulkameraden scharf ins Auge: »Ich muß noch einmal mit dir sprechen,« sagte er. – »Es tut einem gut, wenn man mit jemand sprechen kann,« entgegnete der Mann und kratzte mit der Peitsche auf den Boden des Wagens.

»Komm zu uns herüber,« sagte Marit, und Thorbjörn wie auch Sämund sahn erstaunt auf: sie vergaßen immer, daß Marit eine so sanfte Stimme hatte.

Sie fuhren weiter; es ging langsam vorwärts, eine leichte Staubwolke wirbelte hinter ihnen auf, die Abendsonne fiel voll auf sie herab; gegen seine dunkeln Frieskleider hob sich ihr seidnes Tuch hell ab – dann kam ein Hügel, und sie verschwanden.

Vater und Sohn schritten lange schweigend dahin. – »Es ahnt mir, daß es lange währen wird, ehe er heimkehrt,« sagte Thorbjörn endlich. – »Es ist auch wohl so am besten,« meinte Sämund, »wenn man das Glück nicht im eignen Lande findet« – und dann schritten sie wieder schweigend dahin. – »Du gehst ja an dem Weizenacker vorüber,« sagte Thorbjörn. – »Wir können ihn auf dem Rückwege besehn!« – Und sie gingen weiter. Thorbjörn wollte nicht gern fragen, wohin es gehn sollte, denn jetzt hatten sie die Granlider Feldmark überschritten.


9

Guttorm und Karen Solbakken hatten schon gegessen, als Synnöve rot und außer Atem eintrat. »Aber mein liebes Kind, wo bist du nur gewesen?« fragte die Mutter. – »Ich blieb mit Ingrid zurück,« sagte Synnöve und blieb stehn, um ein paar Tücher abzulegen; der Vater suchte im Schrank nach einem Buche. – »Was hattet ihr beiden euch denn zu erzählen, daß es so lange dauerte?« – »Ach, nichts Besondres!« – »Dann wäre es doch sicher besser gewesen, du hättest dich zu den Kirchgängern gehalten, mein Kind!« – Sie erhob sich und setzte ihr zu essen hin. Als sich Synnöve zum Essen niedergesetzt und die Mutter ihr gerade gegenüber Platz genommen hatte, sagte sie: »Waren da etwa noch andre, mit denen du gesprochen hast?« – »Ja, da waren noch viele andre,« sagte Synnöve. – »Aber das Kind darf doch wohl mit den Leuten reden,« sagte jetzt Guttorm. – »Freilich darf sie das,« sagte die Mutter ein wenig freundlicher; »aber sie hätte sich doch zu ihren Eltern halten müssen.« – Hierauf wurde nichts erwidert.

»Das war ein gesegneter Kirchtag,« sagte die Mutter; »es tut einem gut, die Jugend vor dem Altare zu sehn.« – »Man denkt an seine eignen Kinder,« sagte Guttorm. – »Darin hast du recht,« versetzte die Mutter und seufzte, »niemand kann wissen, wie es ihnen ergehn wird.« – Guttorm saß lange schweigend da. – »Wir haben Gott für vieles zu danken,« sagte er endlich; »er hat uns ein Kind behalten lassen.« – Die Mutter saß da und zog mit dem Finger über den Tisch; sie sah nicht auf. – »Sie ist doch unsre größte Freude,« sagte sie leise; »sie ist auch gut geartet,« fügte sie noch leiser hinzu. Es entstand eine lange Pause. – »Ja, sie hat uns viel Freude gemacht,« sagte Guttorm, und mit weicher Stimme fuhr er nach einer Weile fort: »Der liebe Gott mache sie glücklich!« – Die Mutter fuhr wieder mit dem Finger über den Tisch, es fiel eine Träne darauf, die sie wegwischte. – »Warum ißt du nicht?« sagte der Vater, als er nach einer Weile aufblickte. – »Danke, ich bin satt,« antwortete Synnöve. – »Aber du hast ja gar nichts gegessen!« sagte nun auch die Mutter; »du hast einen weiten Weg gemacht.« – »Ich kann nicht essen,« erwiderte Synnöve und zog einen Zipfel ihres Busentuches heraus. – »Iß, mein Kind!« sagte der Vater. – »Ich kann wirklich nicht,« erwiderte Synnöve und fing an zu weinen. – »Aber liebes Kind, weshalb weinst du denn?« – »Ich weiß es nicht!« und sie schluchzte. – »Sie weint so leicht!« sagte die Mutter. Der Vater erhob sich und trat ans Fenster.

»Da kommen zwei Männer den Weg herauf,« sagte er. – »So? Um diese Zeit?« fragte die Mutter, und nun trat auch sie an das Fenster. Sie schauten lange hinab. – »Lieber, wer mag das sein?« sagte schließlich Karen, aber es klang nicht wie eine Frage. »Ich weiß es nicht,« erwiderte Guttorm, und sie standen da und schauten hinaus. – »Ich kann das nicht recht verstehn,« sagte sie. – »Ich auch nicht,« meinte er. Die Männer kamen näher heran. – »Sie müssen es doch sein,« sagte sie endlich. – »Ja, es wird wohl so sein,« versetzte Guttorm. Die Männer kamen immer näher heran, der ältere blieb stehn und schaute zurück, der jüngere ebenfalls; dann gingen sie weiter.

»Hast du eine Ahnung, was sie wollen mögen?« fragte Karen in demselben Ton wie vorhin. – »Nein, ich habe keine,« erwiderte Guttorm. Die Mutter wandte sich ab, trat an den Tisch, trug ab und räumte ein wenig auf. – »Du mußt dich wieder anziehn, Kind,« sagte sie zu Synnöve, »denn es kommen Fremde hierher.«