»Du könntest wohl noch ein wenig bleiben,« sagte er, ohne sie anzusehn. – »Ein andermal,« erwiderte sie. – »Das kann lange währen!« – Sie sah auf; auch er sah sie jetzt an, aber es währte eine ganze Weile, ehe wieder eins von ihnen sprach. – »Setz dich doch wieder,« sagte er ein wenig verlegen. – »Nein,« entgegnete sie und blieb stehn. Er fühlte, wie der Trotz in ihm aufstieg; da aber tat sie etwas, was er nicht erwartet hatte; sie trat einen Schritt vor, beugte sich ihm entgegen, sah ihm in die Augen und sagte lächelnd: »Bist du mir böse?« Und als er sie ansah, weinte sie. – »Nein,« sagte er und wurde dunkelrot.
Er streckte die Hand aus; da aber ihre Augen voll Tränen standen, bemerkte sie es nicht, und er zog die Hand wieder zurück. Dann sagte er endlich: »Du hast es also gehört?« – »Ja,« erwiderte sie, sah auf und lächelte, aber jetzt standen noch mehr Tränen in ihren Augen als zuvor; er wußte nicht, was er tun und sagen sollte; deswegen sagte er endlich: »Ich bin wohl zu schlimm gewesen?« Er sagte das sehr sanft; sie sah nieder und wandte sich halb ab. »Du solltest nicht über das urteilen, was du nicht kennst,« sagte sie mit halberstickter Stimme, und ihm ward ganz unbehaglich dabei; er kam sich vor wie ein Knabe und sagte deswegen endlich, da ihm nichts andres einfiel: »Ich bitte dich um Verzeihung!« – Da aber brach sie wirklich in Tränen aus. Das konnte er nicht ertragen, er ging hin, faßte sie um den Leib, beugte sich zu ihr herab und sagte: »Hast du mich denn auch wirklich lieb, Synnöve?« – »Ja,« schluchzte sie. – »Aber es macht dich nicht glücklich?« – Sie antwortete nicht. – »Aber es macht dich nicht glücklich?« wiederholte er. Sie weinte noch heftiger als bisher und wollte sich ihm entziehn. – »Synnöve!« sagte er und zog sie fester an sich. Sie schmiegte sich an ihn und weinte unaufhaltsam.
»Komm, wir wollen ein wenig miteinander reden,« sagte er und half ihr, sich ins Heidekraut zu setzen; er selber setzte sich neben sie. Sie trocknete die Augen und versuchte zu lächeln; aber das wollte noch nicht gehn. Er hielt eine ihrer Hände in der seinen und schaute ihr ins Antlitz. »Liebste, weshalb darf ich nicht nach Solbakken hinüberkommen?« – Sie schwieg. – »Hast du nie darum gebeten?« – Sie schwieg noch immer. – »Weshalb hast du das nicht getan?« fragte er und zog ihre Hand näher zu sich heran. – »Ich wage es nicht!« sagte sie ganz leise.
Eine Wolke des Unmuts huschte über seine Stirn; er zog seinen Fuß ein wenig an, stützte den Ellenbogen auf das Knie und legte den Kopf in die Hand. – »Auf die Weise werde ich wohl niemals hinkommen,« sagte er endlich. Statt einer Antwort fing sie an, Heidekraut auszurupfen. – »Ach ja – ich mag wohl manches getan haben, was nicht so war, wie es sein sollte. – – Aber man sollte doch ein wenig Nachsicht mit mir haben. Ich bin nicht schlecht« – er hielt eine Weile inne –; »ich bin auch noch jung – kaum zwanzig Jahre alt – ich« – er konnte nicht sogleich fortfahren. – »Aber die, die mich wirklich liebt,« sagte er dann – – »die müßte doch« – und hier blieb er ganz stecken. Da vernahm er neben sich mit gedämpfter Stimme die Worte: »Du mußt nicht so reden, du weißt, wie sehr – – ich wage kaum, es Ingrid zu sagen« – und abermals brach sie in bitterliches Weinen aus –; »ich – leide – – so sehr!« Er schlang den Arm um sie und zog sie fest an sich. »Sprich mit deinen Eltern,« flüsterte er, »und du sollst sehn, es wird noch alles gut wenden.« – »Es wird so, wie du es willst,« flüsterte sie. – »Wie ich es will?« – Da wandte Synnöve sich um und schlang ihren Arm um seinen Nacken. – »Liebtest du mich so, wie ich dich liebe!« sagte sie sehr herzlich und versuchte zu lächeln. – »Und das täte ich nicht?« entgegnete er sanft und leise. – »Nein, nein, du nimmst niemals Rat von mir an; du weißt, was uns vereinigen würde, aber du tust es nicht. Weshalb tust du es nicht?« – Und da sie nun einmal angefangen hatte, fuhr sie in einem Zuge fort: »Großer Gott, wüßtest du, wie ich mich nach dem Tage gesehnt habe, wo ich dich auf Solbakken sehn würde! Immer aber muß man etwas hören, was nicht so ist, wie es sein sollte – und die Eltern selber müssen es einem mitteilen!« – Da ging ihm gleichsam ein Licht auf; er sah sie nun deutlich auf Solbakken umhergehn und auf den kleinen, friedlichen Augenblick warten, wo sie ihn freudig den Eltern zuführen könnte; er aber schenkte ihr nie einen solchen Augenblick.
»Das hättest du mir früher sagen sollen, Synnöve!« – »Und das hätte ich nicht getan?« – »Nein; nicht so!« – Sie sann eine Weile darüber nach, dann sagte sie, indem sie ihren Schürzenzipfel in kleine Falten legte: »Dann kam es wohl daher, daß – ich es nicht recht wagte.« – Der Gedanke aber, daß sie sich seinetwegen fürchten müsse, rührte ihn so, daß er ihr zum erstenmal in seinem Leben einen Kuß gab.
Da ging eine solche Umwandlung mit ihr vor, daß ihre Tränen plötzlich versiegten und ihr Blick unsicher wurde, indem sie zu lächeln versuchte; sie sah nieder, sah dann endlich zu ihm auf und lächelte nun wirklich. Sie sprachen jetzt nicht mehr miteinander, nur ihre Hände fanden sich wieder, doch wagte keins die Hand des andern zu drücken. Dann zog sie sich sanft zurück, begann die Augen und das Gesicht zu trocknen und das Haar, das ein wenig in Unordnung gekommen war, zu glätten. Er saß da und dachte im stillen, während er sie ansah: Wenn sie schüchterner ist als die andern Mädchen im Tal und in andrer Weise behandelt werden will, so darf man ja nichts dagegen sagen.
Er begleitete sie bis zur Alm hinauf, die nicht weit davon lag. Er wäre gern Hand in Hand mit ihr gegangen, aber es war etwas über ihn gekommen, was ihn abhielt, sie zu berühren; es erschien ihm fast wunderbar, daß er an ihrer Seite gehn durfte. – Als sie sich trennten, sagte er deshalb auch: »Es soll lange währen, bis du wieder etwas Schlimmes von mir zu hören bekommst.«
Daheim fand er seinen Vater beschäftigt, Korn aus dem Vorratshause nach der Mühle zu tragen; denn die Leute ringsumher im Kirchspiel mahlten auf der Granlider Mühle, wenn das Wasser in ihren eignen Bächen versiegt war; der Granlider Bach trocknete niemals aus. Es waren viele Säcke zu tragen, einige davon recht groß, andre von gewaltigem Umfang. Die Frauen standen in der Nähe und rangen Wäsche aus. Thorbjörn ging zum Vater und packte einen Sack. – »Soll ich dir vielleicht helfen?« – »Ach, ich werde schon allein fertig werden,« erwiderte Sämund, hob schnell einen Sack auf den Rücken und schritt damit auf die Mühle zu. – »Es sind ihrer viele,« sagte Thorbjörn, packte zwei große Säcke, stemmte den Rücken dagegen und zog mit jeder Hand einen Sack über die Schulter und stemmte die Ellenbogen in die Seite. Auf halbem Wege begegnete er Sämund, der zurückkam, um einen neuen Sack zu holen; der Vater sah ihn hastig an, sagte aber nichts. Als Thorbjörn seinerseits nach dem Vorratshause zurückkehrte, begegnete ihm Sämund mit zwei noch größern Säcken. Diesmal nahm Thorbjörn einen ganz kleinen Sack und trug ihn zur Mühle; als Sämund ihm begegnete, sah er ihn wieder an, und zwar länger als das erstemal. Da geschah es, daß sie beim Vorratshause zusammentrafen. – »Es ist ein Bote aus Nordhaug gekommen,« sagte Sämund, »sie wollen dich am Sonntag mit zur Hochzeit haben.« – – Ingrid sah flehend von ihrer Arbeit zu ihm auf, ebenso die Mutter. – »So?« sagte Thorbjörn trocken und packte diesmal die beiden größten Säcke, die er finden konnte. – »Gehst du hin?« fragte Sämund finster. – »Nein!«