Die Granlider Alm hatte eine wundervolle Lage, man konnte von dort das ganze Kirchspiel übersehn, vor allem Solbakken mit seinem vielfarbigen Wald ringsumher, und dann die andern Gehöfte, die wie in einem Kranz von Waldungen dalagen, so daß der grüne Grasplatz mit den Häusern in der Mitte aussah wie ein Hort des Friedens, den man dem rauhen Erdboden mit Gewalt abgerungen hatte. Vierzehn Höfe konnte man von der Granlider Alm aus zählen. Von Granliden selber sah man aber nur die Dächer der Häuser, und zwar auch nur von dem höchsten Punkte der Alm aus. Trotzdem pflegten die Mädchen dort oft zu sitzen und den Rauch zu beobachten, der aus den Schornsteinen aufstieg. – »Jetzt kocht Mutter das Mittagessen,« sagte Ingrid; »heute gibt es Salzfleisch und Speck.« – »Horch! jetzt werden die Männer gerufen!« sagte Synnöve; »wo sie heute wohl arbeiten?« und ihre Augen folgten dem Rauch, der ungestüm und lustig in die klare, sonnige Luft aufstieg, bald aber langsamer wurde, sich besann und dann in breitem Zuge über den Wald hinströmte, bis er immer dünner wurde und schließlich als flatternder Flor in der Ferne verschwand. Mancherlei Gedanken stiegen in ihnen auf und schweiften dahin über das Kirchspiel. Heute weilten sie in Nordhaug. Es war einige Tage nach der Hochzeit, da diese aber sechs Tage dauern sollte, drangen noch immer hin und wieder Schüsse und vereinzelte, besonders laute Rufe zu ihnen hinauf. – »Sie sind lustig da unten,« sagte Ingrid. – »Ich gönns ihnen,« erwiderte Synnöve und griff wieder zu ihrem Strickzeug. – »Es wäre doch ganz amüsant, wenn man mit dabei sein könnte,« sagte Ingrid, die im Grase kauerte und nach dem Hofe hinüberschaute, wo die Leute zwischen den Gebäuden hin und her gingen – einige nach dem Vorratshause, wo sicher reichgedeckte Tische standen, andre weiter entfernt, paarweise und in vertraulicher Unterhaltung. – »Ich weiß nicht recht, weswegen man sich dahinsehnen sollte,« sagte Synnöve. – »Ich weiß es auch kaum,« entgegnete Ingrid, die noch immer im Grase saß. »Es muß wohl der Tanz sein,« fügte sie dann hinzu. Synnöve erwiderte nichts hierauf. – »Hast du niemals getanzt?« fragte Ingrid. – »Nein!« – »Glaubst du eigentlich, daß Tanzen eine Sünde ist?« – »Ich weiß nicht recht.« – Ingrid ließ den Gegenstand der Unterhaltung vorläufig fallen, denn sie erinnerte sich, daß das Tanzen bei den Haugianern streng verboten war, und das Verhältnis der Eltern zu Synnöve in diesem Punkte wollte sie nicht weiter untersuchen. Wie nun auch ihre Gedanken darüber sein mochten, so sagte sie nach einer Weile: »Einen bessern Tänzer als Thorbjörn habe ich noch niemals gesehn.« – Synnöve wartete ein wenig, dann sagte sie: »Ja, er soll gut tanzen.« – »Du solltest ihn nur tanzen sehn,« rief Ingrid und wandte sich nach ihr herum. Synnöve aber antwortete schnell: »Nein, das will ich nicht!«

Ingrid stutzte bei diesen Worten, Synnöve beugte sich tief über ihr Strickzeug und fing an, die Maschen zu zählen. Plötzlich ließ sie das Strickzeug in den Schoß fallen, sah gerade vor sich hin und sagte: »So von Herzen froh wie heute bin ich lange nicht gewesen.« – »Weshalb denn?« fragte Ingrid. – »Ach, weil er heute nicht auf Nordhaug tanzt!« – Ingrid hing ihren eignen Gedanken nach: »Ja, es sollen dort Mädchen sein, die sich nach ihm sehnen,« sagte sie. Synnöve öffnete den Mund, als wollte sie reden, schwieg aber, zog eine Stricknadel heraus und wechselte. – »Thorbjörn wäre gewiß auch gern da; davon bin ich fest überzeugt,« sagte Ingrid, merkte aber erst hinterher, was sie gesagt hatte, und sah Synnöve an, die wie mit Blut übergossen dasaß und strickte. Jetzt übersah Ingrid plötzlich ihr ganzes Gespräch, schlug die Hände zusammen, rutschte auf den Knien im Heidekraut bis dicht zu Synnöve heran und sah ihr in die Augen. Synnöve aber strickte weiter. Da lachte Ingrid und sagte: »Nun hast du mir alle diese langen Tage hindurch wieder etwas verheimlicht.« – »Was sagst du da?« fragte Synnöve und sah sie mit unsicherm Blick an. – »Du bist nicht böse, daß Thorbjörn tanzt,« sagte Ingrid und lachte noch immer. Synnöve antwortete nicht; Ingrid aber lachte über das ganze Gesicht, sie faßte Synnöve um den Hals und flüsterte ihr ins Ohr: »Aber du ärgerst dich, weil er mit andern als mit dir tanzt.«

»Wie du nur so reden kannst!« sagte Synnöve, riß sich los und stand auf. Ingrid erhob sich gleichfalls und ging ihr nach. »Es ist eine Schande, Synnöve, daß du nicht tanzen kannst,« sagte sie und lachte; »eine wahre Schande! Komm nur, ich wills dich gleich lehren!« – Sie faßte Synnöve um den Leib. – »Was willst du?« fragte diese. – »Dich tanzen lehren, daß du nicht mehr den schrecklichen Kummer hast, daß er mit andern tanzt als mit dir.« – Jetzt mußte auch Synnöve lachen oder doch so tun, als lache sie. – »Es könnte uns leicht jemand sehn,« sagte sie. – »Gott segne dich für die Antwort, so dumm sie auch war,« sagte Ingrid und begann schon eine Tanzweise zu summen und Synnöve nach dem Takt zu drehen. – »Nein, nein, es geht nicht!« – »Du sagtest doch vorhin selbst, du wärst manchen Tag nicht so vergnügt gewesen; komm nur!« – »Wenn es nur ginge!« – »Versuchs nur, dann wirst du schon sehn, daß es geht!« – »Du bist so ausgelassen, Ingrid!« – »So sagte auch die Katze zum Sperling, als der Sperling nicht still sitzen wollte, daß die Katze ihn fangen könnte. So komm nur!« – »Im Grunde hätte ich wohl Lust, aber –« – »Nun bin ich Thorbjörn, und du bist seine junge Frau, die nicht will, daß er mit andern als mit ihr tanzen soll.« – »Aber –« Ingrid summte die Melodie. – »Aber« – wiederholte Synnöve noch einmal; aber sie tanzte schon! Es war ein Springtanz, und Ingrid ging voran mit großen Schritten und männlichen Armbewegungen, Synnöve folgte ihr mit kurzen Schritten und niedergeschlagnen Augen – und Ingrid sang:

»Der Fuchs liegt unter dem Birkenbusch
Auf der Heide,
Und der Hase hüpft so leicht husch husch
Auf der Heide.
Und alles ist eitel Sonnenglanz,
Und überall ein Flimmertanz
Auf der Heide.

Der Fuchs lacht unter dem Birkenbusch
Auf der Heide,
Und der Hase lustig hüpft husch husch
Auf der Heide.
Wie ist mir heut so wonniglich!
Hopp hopp! springst du wohl auch wie ich
Auf der Heide.

Der Fuchs lugt unter dem Birkenbusch
Auf der Heide,
Und der Hase hüpft grad auf ihn zu husch husch
Auf der Heide.
Hab ich dich da! – Gott gnade mir!
Mein Lieber, wie kannst du auch tanzen hier
Auf der Heide?«

»Nun, ging es nicht ganz gut?« fragte Ingrid, als sie atemlos innehielten.

Synnöve lachte und sagte, sie habe mehr Lust zu einem Walzer. – »Ja, dem steht nichts im Wege,« meinte Ingrid, und sie schickten sich schon dazu an, indem Ingrid ihr zeigte, wie sie die Füße setzen müsse. – »Denn das Walzen, das ist schwer.« – »Ach, es wird schon gehn, wenn wir nur erst im Takt sind,« sagte Synnöve, und nun wollte Ingrid, daß sie einen Versuch machten. Und das taten sie denn auch, Ingrid sang, und Synnöve sang mit – anfangs summte sie nur, dann sang sie lauter. Da aber hielt Ingrid inne, ließ sie los und schlug die Hände vor lauter Verwunderung über dem Kopf zusammen. »Aber du kannst ja walzen!« rief sie.

»Pst! sprich nur nicht darüber!« sagte Synnöve und umfaßte Ingrid abermals, um weiterzutanzen. – »Aber wo hast du es denn nur gelernt?« – »Trala, trala!« – und sie schwenkte sie herum. Da tanzte Ingrid aus Herzenslust und sang dazu:

»Schau, Sonne die tanzt auf dem Heukelidfjäld;
Nun tanze, mein Liebchen, solang es noch hell.
Schau, Bächlein das hüpfet zum Meere hinab;
Nun hüpf, wilder Bursche! dort wartet dein Grab.
Schau, Birke die dreht sich im wirbelnden Wind;
Nun drehe dich, Mädchen! – Was brach da, mein Kind?
Schau –« –