»Was für wunderliche Lieder du singst!« sagte Synnöve und hörte auf zu tanzen. – »Ich weiß wirklich nicht, was ich singe; Thorbjörn hat sie gesungen.« – »Es sind Lieder von dem Zuchthaus-Bert,« sagte Synnöve; »ich kenne sie.« – »Sind sie von dem?« fragte Ingrid erschrocken. Sie sah vor sich hin und sagte nichts; plötzlich gewahrte sie jemand unten am Wege. – »Du – da fährt jemand von Granliden die Landstraße entlang!« – Nun sah auch Synnöve hin. – »Ist er es?« fragte sie. – »Ja, das ist Thorbjörn, er will zur Stadt.« – –
Es war wirklich Thorbjörn, und er fuhr zur Stadt. Sie war weit entfernt, sein Wagen war schwer beladen, deswegen fuhr er langsam die staubige Straße entlang. Diese lag so, daß man sie von der Alm aus übersehn konnte, und als er nun von dort oben herab Jodler vernahm, erkannte er, wer es war, stieg oben auf seinen Wagen und sandte einen Jodler zurück, daß es in den Bergen widerhallte. Dann wurde auf dem Hirtenhorn zu ihm herabgeblasen, er saß da und lauschte, und als die Töne verhallt waren, erhob er sich wieder und sandte einen Jodler in die Luft empor. So ging es eine Zeitlang fort, und eine fröhliche Stimmung überkam ihn. Er sah nach Solbakken hinüber, und es war ihm, als habe es die Sonne noch niemals so strahlend beschienen wie eben jetzt. Aber wie er so dasaß und hinüberschaute, vergaß er das Pferd, so daß es weiter trabte, wie es ihm beliebte. Da schreckte er plötzlich empor, denn das Pferd machte einen solchen Sprung zur Seite, daß die eine Deichselstange brach, und nun raste das Pferd in wildem Galopp über den Nordhauger Acker, denn darüber führte der Weg. Er erhob sich im Wagen und zog die Zügel an; es entstand ein Kampf zwischen ihm und dem Pferde, das einen steilen Abhang hinunter wollte, wovon er es zurückzuhalten suchte. Er zog die Zügel so straff an, daß es sich bäumte; zugleich sprang er ab, und es gelang ihm, ehe das Pferd wieder weiterrasen konnte, die Zügel um einen Baum zu schlingen – und nun mußte das Pferd stehn. Die Ladung war zum Teil abgeworfen worden, die eine Deichselstange war zerbrochen, und das Pferd stand da und zitterte. Er trat zu ihm heran, faßte es am Zügel und redete ihm sanft zu; er wendete es gleich um, daß es nicht den Abhang hinuntersausen solle, falls es abermals durchgehn wollte; stillestehn konnte es nicht, so außer sich war es, und er mußte halb springend nebenher laufen, weiter und weiter, bis er wieder auf dem Wege angelangt war. Dabei kam er an seinen abgeworfnen Sachen vorüber, die durcheinandergeworfen umherlagen – die Gefäße zerschlagen, der Inhalt zum Teil verdorben. Bisher hatte ihn die Gefahr ganz in Anspruch genommen, jetzt fing er an, die Folgen des Unfalls zu erwägen, und wurde zornig; es war klar, daß aus der Fahrt in die Stadt nichts mehr wurde, und je mehr Betrachtungen er anstellte, desto wütender wurde er. Auf der Landstraße scheute das Pferd nochmals und versuchte einen Sprung zu machen, um sich loszureißen – da aber brach der Zorn los. Während er es mit der Linken am Gebiß festhielt, versetzte er ihm mit der Rechten in die Flanke mit seiner großen Reisepeitsche Schlag auf Schlag, Schlag auf Schlag, so daß es vor Wut schäumte und ihm mit den Vorderhufen nach der Brust schlug. Er aber hielt es sich vom Leibe, schlug es noch heftiger als vorher, aus Leibeskräften, und gebrauchte dazu das dicke Ende der Peitsche. – »Ich will dichs lehren, du widerspenstige Kreatur!« und er schlug drauflos. Das Pferd wieherte und schrie, er schlug. – »Du sollst kennen lernen, wie eine starke Faust schmeckt!« und er schlug. Das Pferd schnob, daß ihm der Schaum über die Hand floß; er aber schlug. – »Das soll das erste- und das letztemal sein, du Bestie! Da! Da hast du noch einen, du Lumpenvieh! Ich will dich parieren lehren!« und er schlug. Währenddem hatten sie sich herumgedreht, das Pferd leistete keinen Widerstand mehr, es zitterte und bebte bei jedem Schlag und beugte den Kopf wiehernd, sobald es sah, daß die Peitsche sich über ihm in der Luft hob. Da überkam es Thorbjörn wie Scham; er hielt inne. In demselben Augenblick wurde er eines Mannes gewahr, der auf die Ellenbogen gestützt am Grabenrande lag und über ihn lachte. Er wußte nicht, wie es zuging, aber es wurde ihm schwarz vor den Augen, und das Pferd am Zügel drang er mit erhobner Peitsche auf ihn ein. »Ich werde dir was zum Lachen geben!« Der Schlag fiel, traf aber nur halb, da der Mann sich mit einem Schrei in den Graben hinabwälzte. Hier blieb er auf allen Vieren liegen, drehte aber den Kopf herum, schielte Thorbjörn an und verzog den Mund zum Lachen; das Lachen selber hörte man aber nicht. Thorbjörn stutzte, denn dies Gesicht hatte er schon früher gesehn. Ja, es war Aslak.
Thorbjörn wußte nicht, warum, aber ein kalter Schauder lief ihm den Rücken hinab. – »Das warst wohl du, der das Pferd beide Male scheu gemacht hat,« sagte er.– »Ich lag hier nur und schlief ein,« antwortete Aslak und erhob sich ein wenig; »und dann wecktest du mich, als du wie ein Verrückter mit deinem Pferd umgingst.« – »Du hast es scheu gemacht; alle Tiere fürchten sich vor dir!« und er streichelte das Pferd, das so schwitzte, daß der Schweiß von ihm herabtroff. – »Es fürchtet sich jetzt sicher mehr vor dir als vor mir; ich habe niemals ein Pferd so mißhandelt,« sagte Aslak; er hatte sich jetzt im Graben auf den Knien aufgerichtet. – »Nimm nur den Mund nicht allzuvoll,« sagte Thorbjörn und drohte mit der Peitsche. Da erhob sich Aslak und kroch herauf. – »Was, ich – ich sollte meinen Mund zu voll nehmen? Nein. – Aber wo willst du denn hin, daß du so eilig fährst?« sagte er mit sanfter Stimme, indem er sich näherte, dabei aber von einer Seite auf die andre schwankte, denn er war betrunken. – »Ich werde heute wohl nicht viel weiterkommen,« sagte Thorbjörn, der das Pferd ausspannte. – »Das ist ja fatal, das,« meinte Aslak, kam noch näher heran und zog den Hut. »Herrje!« sagte er, »was für ein großer, schöner Bursche du geworden bist, seit ich dich nicht mehr gesehn habe.« – Er hatte beide Fäuste in die Taschen gesteckt und stand da, so gut es gehn wollte, und beobachtete Thorbjörn, der das Pferd nicht von dem zerbrochnen Wagen losbekommen konnte. Thorbjörn bedurfte der Hilfe; aber er konnte es nicht über sich gewinnen, Aslak darum zu bitten, denn er sah garstig aus; seine Kleider waren vom Graben beschmutzt, sein Haar hing verfilzt unter einem alten, blanken Hut heraus, und das Gesicht, das freilich zum Teil noch die wohlbekannten Züge trug, war jetzt zu einem beständigen Lächeln verzogen, und die Augen waren noch mehr geschlossen als früher, so daß er den Kopf ein wenig hintenüber und den Mund halbgeöffnet halten mußte, wenn er jemand ansah. Alle seine Züge waren schlaff und die ganze Gestalt steif geworden, denn Aslak trank. Thorbjörn hatte ihn auch früher häufig gesehn, aber Aslak tat, als wisse er das nicht. Als Hausierer durchzog er die ganze Gegend und war gern da, wo es lustig zuging, denn er konnte viele Lieder singen, erzählte gut und wurde dafür mit Branntwein traktiert. So war er jetzt auch auf der Nordhauger Hochzeit gewesen, hatte es aber, wie Thorbjörn später erfuhr, für ratsam gehalten, sich für eine Weile zu verziehen, da er nach alter Gewohnheit die Leute gegeneinander aufgehetzt hatte und es schließlich über ihn selber herzugehn drohte. – »Du kannst das Pferd ebensogut an den Wagen binden als es abschirren,« sagte er; »du mußt doch nach Nordhaug, um alles wieder in Ordnung zu bringen.« Thorbjörn hatte denselben Gedanken gehabt, ihn jedoch bisher von sich gewiesen. – »Es ist eine große Hochzeit dort,« sagte er. – »Und deswegen ist auch hinreichend Hilfe dort zu haben, entgegnete Aslak. Thorbjörn stand ein wenig unschlüssig da; aber ohne Hilfe konnte er weder vorwärts noch rückwärts kommen, und da war es denn das beste, auf den Hof zu gehn. Er band das Pferd solange fest und entfernte sich. Aslak folgte ihm. Thorbjörn sah sich nach ihm um. – »Ich kehre in guter Gesellschaft auf die Hochzeit zurück,« sagte Aslak und lachte. Thorbjörn antwortete ihm nicht, sondern beschleunigte seine Schritte. Aslak ging hinter ihm drein und sang:
»Es ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus usw.,«
ein altes, wohlbekanntes Lied. – »Du gehst aber schnell,« sagte er nach einer Weile. »Du kommst immer noch früh genug,« fügte er hinzu. Thorbjörn antwortete ihm nicht. Töne von Tanz und Spiel drangen ihnen entgegen, durch die offnen Fenster des zweistöckigen Gebäudes schauten Gesichter zu ihnen herab. Im Hofe bildeten sich Gruppen; er sah, daß sie untereinander darüber sprachen, wer es wohl sein könnte; bald bemerkte er, daß er erkannt sei und daß sie nach und nach das Pferd und das über das Feld zerstreute Geschirr gewahrten. Das Tanzen hörte auf, der ganze Schwarm ergoß sich gerade in dem Augenblick, als sie kamen, über den Hof. – »Hier kommen Hochzeitsgäste wider Willen,« rief Aslak, als er sich endlich hinter Thorbjörn der Gesellschaft näherte. – Man begrüßte Thorbjörn und bildete einen Kreis um ihn.
»Gott segne das Gelage, gutes Bier auf dem Tische, schöne Dirnen auf dem Tanzboden und gute Musikanten auf dem Schemel,« sagte Aslak und drängte sich bei diesen Worten mitten unter die Menge. Einige lachten, andre blieben ernsthaft; einer sagte: »Der Ranzen-Aslak ist allzeit guter Laune.« Thorbjörn traf bald Bekannte, denen er von seinem Unfall erzählen mußte; sie erlaubten ihm nicht, selber nach dem Pferd und den Sachen umzukehren, sondern schickten andre hinunter. Der Bräutigam, ein junger Mann und ehemaliger Schulkamerad von ihm, lud ihn ein, das Hochzeitsbier zu schmecken, und nun zog alles wieder ins Haus. Einige, namentlich die Mädchen, wollten den Tanz fortsetzen, andre wünschten eine kleine Zechpause zu machen, und Aslak sollte erzählen, da er ja nun doch zurückgekommen sei. – »Aber du mußt etwas vorsichtiger sein als das letztemal,« fügte einer hinzu. Thorbjörn fragte, wo die übrigen Gäste seien. – »Ach,« erwiderte man ihm, »es ging vorhin ein wenig unruhig zu; nun haben sich einige zur Ruhe gelegt, andre sitzen draußen in der Scheune und spielen Karten; und wieder andre sitzen da, wo Knud Nordhaug ist.« Er fragte nicht, wo Knud Nordhaug zu finden sei.
Der Vater des Bräutigams, ein alter Mann, der dasaß, aus einer Tonpfeife rauchte und Bier trank, sagte nun: »Erzähl uns jetzt eine Geschichte, Aslak; ausnahmsweise kann man so etwas wohl mal mit anhören.«
»Sind da noch mehrere, die mich bitten?« fragte Aslak, der sich in einiger Entfernung von dem Tisch, an dem die andern saßen, rittlings über einen Schemel gesetzt hatte. – »Freilich!« sagte der Bräutigam und gab ihm ein Glas Branntwein; »jetzt bitte ich dich.« – »Sind da noch andre, die mich ebenso bitten?« fragte Aslak. – »Mag sein,« entgegnete eine junge Frau, die auf einer der Seitenbänke saß, und bot ihm einen Becher Wein. Es war die Braut; sie mochte ungefähr zwanzig Jahre alt sein, war blond, aber mager mit großen Augen und einem harten Zug um den Mund. – »Mir gefällt es gut, was du erzählst,« fügte sie hinzu. Der Bräutigam sah sie an, und sein Vater ihn. – »Ja, die Leute von Nordhaug haben meine Erzählungen immer gern gehört,« sagte Aslak. »Sie leben hoch!« rief er und leerte ein Glas, das ihm einer der Brautführer reichte. – »Komm heraus mit etwas!« riefen mehrere. – »Von Ingrid, dem Zigeunerweib,« rief eine. – »Nein, das ist eine häßliche Geschichte,« sagten andre, namentlich die Frauen. – »So erzähle von der Schlacht bei Lier,« bat der Tambour Svend. – »Nein, lieber etwas Ergötzliches,« meinte ein schlanker Bursch, der in Hemdsärmeln dastand und sich gegen die Wand lehnte, während seine Rechte, die schlaff herabhing, ziemlich ungeniert mit den Haaren von ein paar jungen Mädchen spielte, die dort saßen; sie schalten, rührten sich aber nicht vom Fleck.
»Jetzt erzähle ich, was mir beliebt,« sagte Aslak. – »Zum Teufel auch!« brummte ein älterer Mann, der auf dem Bette lag und rauchte; das eine Bein hing herab, mit dem andern stieß er nach einer feinen Jacke, die über dem Bettpfosten hing. – »Laß meine Jacke in Frieden,« rief der Bursche, der an der Wand stand. – »Laß du meine Töchter in Frieden!« erwiderte der Mann auf dem Bette. Nun rückten die Mädchen weg.
»Ja, ich erzähle, was mir beliebt,« rief Aslak. »Geht der Branntwein ins Blut, so gibts frischen Mut!« sagte er und schlug die Hände zusammen, daß es klatschte. – »Du erzählst, was wir verlangen!« fuhr der Mann auf dem Bette fort, »denn der Branntwein gehört uns.« – »Was soll das heißen?« fragte Aslak mit weit geöffneten Augen. – »Ach, das Schwein, das wir mästen, das schlachten wir auch,« sagte der Mann und baumelte mit dem Bein. Aslak schloß die Augen wieder, blieb aber in derselben Stellung sitzen, schließlich sank ihm der Kopf auf die Brust, und er sagte nichts mehr.