Mehrere redeten ihn an, aber er hörte es nicht. »Der Branntwein hat es ihm angetan,« sagte der auf dem Bette. Da blickte Aslak auf und begann wieder zu lächeln. »Ja, nun sollt ihr ein lustiges Stück hören,« sagte er. »Gott bewahre, wie lustig es ist!« sagte er nach einer Weile und lachte mit weit geöffnetem Munde, aber ohne daß sie das Lachen hörten. – »Er hat heute wirklich seinen guten Tag,« sagte der Vater des Bräutigams. – »Ja, meine Mittel erlauben es mir!« sagte Aslak; »noch einen Schluck mit auf die Reise!« rief er und streckte die Hand aus. Der Branntwein kam, er trank ihn langsam aus, hielt den Kopf mit dem letzten Tropfen auf der Zunge ein wenig hintenüber, schluckte ihn und sagte dann zu dem Mann auf dem Bett gewandt: »Jetzt bin ich euer Schwein, ich!« und lachte wie vorhin. Er umspannte das Knie mit beiden Händen, bewegte den Fuß auf und nieder, indem er sich dabei hin und her wiegte, und dann begann er: »Ja, es war einmal ein Mädchen, das wohnte in einem Tale. Der Name des Tals tut nichts zur Sache, ebensowenig wie der Name des Mädchens. Aber das Mädchen war schön, und das fand der Bauer auch – pst! –, und das war der, bei dem sie diente. Sie bekam einen guten Lohn, den bekam sie, und sie bekam noch mehr, als sie bekommen sollte, sie bekam ein Kind. Die Leute sagten, es sei von ihm, aber das sagte er nicht; denn er war verheiratet, und auch sie sagte es nicht, denn sie war stolz, das arme Ding. So wurde denn bei der Taufe eine Lüge gesprochen, und es war ein Taugenichts von Jungen, den sie geboren hatte, und so war es einerlei, daß er mit einer Lüge getauft worden war. Sie aber bekam eine Ruhestelle unterhalb des Hofs, und das gefiel der Frau nicht, wie man sich ja denken kann. Kam das Mädchen auf den Hof, so spuckte sie nach ihr, kam aber ihr kleiner Junge, um mit den Kindern vom Hofe zu spielen, so hieß sie diese den Hornung wegjagen; er sei nicht mehr wert, sagte sie.
»Sie bat ihren Mann Tag und Nacht, die Person vom Hofe zu jagen. Er hielt stand, solange er ein Mann war, dann aber ergab er sich dem Trunke, und da bekam die Frau das Regiment. Von nun an ging es dem armen Mädchen sehr schlecht; es wurde mit jedem Jahre schlechter, und es fehlte nicht viel, so wäre sie mitsamt ihrem kleinen Buben verhungert, denn der wollte nicht von seiner Mutter, er.
»So verstrich ein Jahr und noch eins, und schließlich waren acht Jahre verflossen; aber noch immer wohnte die Dirne auf ihrer Stelle, obwohl sie weg sollte. – Und dann kam sie wirklich weg! – Vorher aber stand der Hof in lichterlohen Flammen, und der Mann verbrannte, denn er war betrunken; die Frau rettete sich mit den Kindern, und sie sagte, die Betteldirne unten auf der Stelle hätte es getan. Das konnte ja sein, daß sie das getan hatte. – Und es konnte leicht auch anders sein. – Es war ein merkwürdiger Junge, den sie hatte. Acht Jahre lang hatte er es mit angesehn, wie seine Mutter sich abhärmte, und er wußte sehr wohl, wo die Schuld lag; denn die Mutter hatte es ihm oft erzählt, wenn er fragte, warum sie immer weine. Das tat sie auch an dem Tage, ehe sie fort mußte, und deswegen war er während der Nacht nicht zu Hause. – Aber sie kam lebenslänglich ins Zuchthaus, denn sie sagte selber zu dem Schreiber, sie hätte das schöne Feuer auf dem Hofe gemacht. – Der Junge blieb in der Gegend, und alle Leute halfen ihm, weil er eine so schlechte Mutter hatte. – Dann zog er aus der Gegend weg, weit weg in eine andre, wo man nicht so gut gegen ihn war, denn dort wußte wohl keiner, was für eine schlechte Mutter er hatte. Ich glaube nicht, daß er es selber sagte. – Das letztemal, als ich von ihm hörte, war er betrunken, und die Leute sagen, daß er sich in der letzten Zeit aufs Trinken gelegt habe; ob das wahr ist, will ich dahingestellt sein lassen; eins aber ist wahr, daß ich nicht weiß, was er Besseres tun könnte. Er ist ein schlechter, böser Bursche, das könnt ihr mir glauben; er mag die Menschen nicht leiden – und noch weniger mag er es, daß sie gut gegeneinander sind, am allerwenigsten aber, wenn sie gut gegen ihn selber sind. Und er sähe es gern, wenn andre so wären wie er selber – aber das sagt er nur, wenn er betrunken ist. Und dann weint er auch, weint wie ein Schloßhund – über gar nichts; denn worüber sollte er auch wohl weinen? Er hat nie einem Menschen einen Heller gestohlen oder etwas von dem Schlechten getan, was manche andre tun, so daß er wirklich nichts hat, worüber er weinen könnte. Und doch weint er, weint er wie ein Schloßhund. Und solltet ihr ihn einmal weinen sehn, so achtet nicht darauf, denn er weint nur, wenn er betrunken ist, und dann weiß er nicht, was er tut.«
Hier fiel Aslak unter heftigem Weinen rücklings von seinem Schemel herunter, aber er beruhigte sich doch bald wieder, denn er schlief ein.
»Jetzt ist das Schwein besoffen,« sagte der Mann auf dem Bette. »Dann liegt er immer da und heult sich in Schlaf.« – »Das war eine häßliche Geschichte,« sagten die Frauen, standen auf und gingen hinaus. – »Ich habe ihn niemals andre Geschichten erzählen hören, wenn man ihm seinen eignen Willen ließ,« sagte ein alter Mann, der von seinem Sitz an der Tür aufstand. »Gott weiß, warum die Leute ihn hören wollen,« setzte er hinzu und sah nach der Braut hinüber.
5
Einige gingen hinaus, andre suchten den Spielmann, daß er wieder hereinkäme, damit der Tanz beginnen könnte. Aber der Spielmann war in einer Ecke der Diele eingeschlafen, und einige von den Gästen baten, man möge ihn ruhig liegen lassen. Seit sein Kamerad Lars zuschanden geschlagen worden ist, hat Ole Tag und Nacht spielen müssen. Man hatte Thorbjörns Pferd und seine Sachen auf den Hof geschafft und einen andern Wagen vorgespannt, da er trotz aller Bitten wieder fort wollte. Namentlich der Bräutigam suchte ihn zurückzuhalten: »Hier ist vielleicht nicht so große Freude für mich, wie man glauben sollte,« sagte er, und Thorbjörn dachte das seine dabei; aber er beschloß doch, weiterzufahren, ehe es Abend wurde. Als man sah, daß er unerschütterlich war, zerstreute man sich über den Hof. Es waren viele Leute da, aber es war sehr still, und das Ganze sah wenig nach einer Hochzeit aus. Thorbjörn mußte einen neuen Deichselpflock haben und ging, sich einen zu suchen. Auf dem Hofe war kein passender Gegenstand, deswegen ging er ein wenig weiter und kam an einen Holzschuppen, in den er hineinging, langsam und still, da ihn die Worte des Bräutigams verfolgten. Er fand, was er suchte, und setzte sich dann, ohne recht zu wissen, was er tat, an die eine Wand, Messer und Pflock in der Hand. Da hörte er ganz in der Nähe etwas stöhnen; es war auf der andern Seite der dünnen Wand, wo das Wagenschauer war, und nun lauschte er. – »Bist du es – auch wirklich?« hörte er eine männliche Stimme leise und in langen Zwischenräumen sagen, als spräche sie mit großer Anstrengung. Dann hörte er jemand weinen, aber es war kein Mann. – »Weshalb kamst du auch hierher?« fragte eine Stimme, die der Weinenden gehören mußte, denn sie war von Tränen erstickt. – »Hm – auf wessen Hochzeit sollte ich denn spielen, wenn nicht auf deiner!« sagte die erste Stimme. ›Das ist sicher der Spielmann Lars, der da liegt,‹ dachte Thorbjörn. Lars war ein kräftiger, schöner Bursch, dessen alte Mutter auf einer Häuslerstelle, die zu dem Gehöfte gehörte, zur Miete wohnte, die andre aber mußte die Braut sein! – »Weshalb hast du nur nie gesprochen?« sagte sie leise, aber sehr langsam, als sei sie in großer Erregung. – »Ich glaubte, das sei zwischen uns beiden nicht nötig,« war die kurze Antwort. Dann war eine Weile alles still, endlich begann sie von neuem: »Du wußtest doch, daß er hierherkam. – Ich hatte dich für stärker gehalten.« – Er hörte nun nichts als Weinen, endlich brach sie wieder in die Worte aus: »Warum hast du nicht gesprochen?«
»Es hätte dem Sohne der alten Birthe wohl wenig genützt, wenn er die Tochter auf Nordhaug angesprochen hätte,« antwortete er nach einer Pause, während der er schwer geatmet und viel gestöhnt hatte. Er wartete auf Antwort. – »Wir haben einander doch so viele Jahre nachgeschaut,« sagte sie endlich.
»Du warst so stolz, man wagte nicht, ordentlich mit dir zu reden.«