»Und doch habe ich nichts in der Welt so sehr gewünscht! – Ich wartete jeden Tag; wo wir uns begegneten – es war mir fast, als böte ich mich dir an. Und dann dachte ich, daß du mich verschmähtest.« – Wieder war alles still. Thorbjörn hörte keine Antwort, kein Weinen; er hörte den Kranken auch nicht atmen.
Thorbjörn dachte an den Bräutigam, den er kannte und für einen guten Mann hielt, und er empfand Mitleid mit ihm. Da sagte sie: »Ich fürchte, er wird wenig Freude an mir haben, er – der –« – »Es ist ein braver Mann,« sagte der Kranke und fing wieder an, leise zu stöhnen, da ihn offenbar die Brust schmerzte. Es schien, als fühle sie seinen Schmerz mit, denn sie sagte: »Das ist nun so schwer für dich – aber es wäre wohl niemals zur Aussprache zwischen uns gekommen, wenn dies nicht geschehn wäre. Als du Knud den Schlag versetztest, verstand ich dich erst.«
»Ich konnte es nicht länger ertragen,« erwiderte er. Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Knud ist schlecht!« – »Er ist nicht gut,« sagte die Schwester.
Sie schwiegen eine Weile, dann sagte er: »Es soll mich wundern, ob ich wohl jemals wieder gesund werde. Nun, das ist jetzt auch ganz einerlei.« – »Hast du es schlimm, so habe ich es noch weit schlimmer,« und abermals folgte heftiges Weinen. – »Willst du jetzt gehn?« fragte er dann. – »Ja,« lautete die Antwort, und nach einer Weile sagte sie: »O mein Gott, mein Gott, was für ein Leben wird das werden!« – »Weine nicht,« sagte er; »der liebe Gott wird meinem Leben bald ein Ende machen, und dann wird es auch für dich besser werden, das sollst du sehn.« – »Jesus, Jesus, daß du nicht gesprochen hast!« rief sie mit verhaltner Stimme, wie wenn sie die Hände ränge; Thorbjörn glaubte, daß sie weggegangen sei, oder daß sie nicht imstande sei, länger zu reden; denn er hörte eine ganze Weile nichts. Er ging.
Den ersten besten, dem Thorbjörn im Hofe begegnete, fragte er: »Was ist eigentlich zwischen dem Spielmann Lars und Knud Nordhaug vorgefallen?« – »Ha? Zwischen denen? Ja« – sagte der Häusler Peter und zog das Gesicht zusammen, als wollte er etwas in den Falten verbergen; »danach kannst du wohl fragen, denn das war um nichts und wieder nichts. Knud fragte Lars nur, ob seine Fiedel auf dieser Hochzeit einen guten Klang habe.«
In diesem Augenblick ging die Braut vorüber; sie hatte das Gesicht abgewandt, als sie aber den Namen Lars vernahm, wandte sie sich um und zeigte ein Paar große, rotgeweinte Augen, die unsicher blickten; sonst aber war das Gesicht ganz kalt, so kalt, daß Thorbjörn es nicht mit ihren Worten von vorhin zusammenreimen konnte. Das gab ihm noch mehr zu denken.
Etwas weiter nach vorn im Hofe stand das Pferd und wartete; er befestigte seinen Pflock und sah sich nach dem Bräutigam um, von dem er sich verabschieden wollte. Er hatte keine große Lust, ihn zu suchen, es war ihm sogar lieb, daß er nicht kam, und er setzte sich also auf den Wagen. Da vernahm er von der linken Seite des Hofes her, wo die Scheune stand, Lärmen und Rufen; es war eine ganze Gesellschaft, die aus der Scheune herauskam; ein großer Mann, der voranging, rief: »Wo ist er? – Hat er sich versteckt? – Wo ist er?« – »Da, da!« riefen mehrere. – »Laßt ihn nicht dorthin,« sagten andre, »es gibt nur ein Unglück.« – »Ist das Knud?« fragte Thorbjörn einen kleinen Jungen, der neben seinem Wagen stand. – »Ja, er ist betrunken, dann sucht er immer Händel!« – Thorbjörn saß schon auf dem Wagen und trieb nun das Pferd an. –»Nein, halt, Kamerad,« hörte er eine Stimme hinter sich; er hielt das Pferd an, als dies aber weiterging, ließ er es laufen. – »Hallo! bist du bange, Thorbjörn Granliden?« schrie jetzt die Stimme ganz dicht hinter ihm. Jetzt zog er die Zügel an, sah sich aber nicht um.
»Steig ab und nimm teil an unsrer guten Gesellschaft,« rief jemand. Thorbjörn wandte den Kopf: »Danke, ich muß nach Hause,« sagte er. Sie unterhandelten eine Weile, und währenddes war der ganze Schwarm an den Wagen herangekommen; Knud stellte sich vor das Pferd hin, streichelte es erst und faßte es dann beim Kopfe, um es zu betrachten. Knud war hochgewachsen, er hatte blondes, aber struppiges Haar und eine aufgeworfne Nase, der Mund war groß und dick, die Augen milchblau, aber frech. Er hatte wenig Ähnlichkeit mit der Schwester, nur einen Zug um den Mund hatten sie gemein, und dann hatte er dieselbe gerade aufsteigende Stirn, nur etwas niedriger, wie denn alle ihre feinen Züge bei ihm gröber waren. – »Was willst du für deinen Gaul haben?« fragte Knud. – »Ich will ihn gar nicht verkaufen,« erwiderte Thorbjörn. – »Du glaubst wohl, ich könnte ihn nicht bezahlen?« sagte Knud. – »Ich weiß nicht, was du kannst.« – »So? Du zweifelst daran? Davor solltest du dich denn doch hüten,« sagte Knud. Der Bursche, der vorhin drinnen im Zimmer an der Wand gestanden und mit dem Haar der Mädchen gespielt hatte, sagte nun zu einem Nachbarn: »Knud wagt es diesmal nicht recht.«
Das hörte Knud. – »Ich wage es nicht? Wer sagt das? Ich wage es nicht?« schrie er. Mehr und mehr Leute kamen herzu. – »Aus dem Wege, gebt acht aufs Pferd!« schrie Thorbjörn und schwang die Peitsche; er wollte fahren. – »Sagst du zu mir: Aus dem Wege?« fragte Knud. – »Ich sprach mit dem Pferd; ich muß fort,« sagte Thorbjörn, wich aber auch nicht zur Seite. – »Was, du fährst gerade auf mich zu?« fragte Knud. – »So geh aus dem Wege!« – und das Pferd erhob den Kopf, sonst hätte es Knud damit gerade vor die Brust stoßen müssen. Da faßte Knud es beim Gebiß, und das Pferd, das diesen Griff noch von der Landstraße her kannte, fing an zu zittern. Das aber rührte Thorbjörn, der bereute, was er dem Pferde angetan hatte; jetzt wandte sich sein Zorn gegen Knud, er erhob sich mit der Peitsche in der Hand und schlug Knud über den Kopf. – »Du schlägst?« schrie Knud und drängte sich näher heran; Thorbjörn sprang vom Wagen herab. – »Du bist ein schlechter Mensch!« sagte er leichenblaß und übergab die Zügel dem Burschen aus der Stube, der herzukam und sich erbot, das Pferd zu halten. Aber der alte Mann, der von seinem Sitze neben der Tür aufgestanden war, als Aslak seine Erzählung beendet hatte, ging jetzt zu Thorbjörn heran, faßte ihn am Arm und sagte: »Sämund Granliden ist ein zu braver Mann, als daß sich sein Sohn mit einem solchen Raufbold prügeln sollte.« Da wurde Thorbjörn ruhig, Knud aber rief: »Ich bin ein Raufbold! Das ist er ebensogut wie ich, und mein Vater ist ebenso gut wie der seine. – Komm heran! Es ist schlimm, daß die Leute nicht wissen, wer von uns beiden der stärkste ist,« fügte er hinzu und nahm sein Halstuch ab. – »Das wird sich schon früh genug zeigen,« sagte Thorbjörn. Da sagte der Mann, der vorhin auf dem Bette gelegen hatte: »Sie sind wie zwei Katzen; sie müssen sich erst Mut einreden, alle beide!« Thorbjörn hörte das, antwortete aber nicht. Einige aus der Menge lachten, andre sagten, es wäre schändlich mit allen den Prügeleien hier auf der Hochzeit und namentlich, daß sie einen fremden Mann verhöhnten, der friedlich seiner Wege ziehn wollte. Thorbjörn sah sich nach dem Pferde um; es war seine Absicht, weiterzufahren. Der Bursche aber hatte es umgewandt und eine ganze Strecke fortgefahren; nun stand er dicht hinter ihnen. – »Wonach siehst du dich um?« fragte Knud; »Synnöve ist weit weg!« – »Was geht dich die an?« – »Nein, solche scheinheilige Frauenzimmer gehn mich nichts an,« sagte Knud, »aber vielleicht hat sie dich um deinen Mut gebracht.« – Dies war zu viel für Thorbjörn; sie sahn, wie er sich umschaute und den Platz prüfte. Jetzt legten sich wieder einige von den ältern Leuten ins Mittel und meinten, Knud hätte auf dieser Hochzeit schon genug Unheil angerichtet. – »Mir soll er nichts tun,« sagte Thorbjörn, und als die andern das hörten, schwiegen sie. Andre sagten: »Laßt sie die Sache ausfechten, dann werden sie wieder gute Freunde; diese beiden haben sich lange genug feindlich angesehn.« – »Ja,« meinte einer, »sie wollen beide erster im Kirchspiel sein, jetzt werden wir es ja sehn.« – »Habt ihr etwa einen gewissen Thorbjörn Granliden gesehn?« fragte Knud; »mich dünkt, er sei hier vorhin auf dem Hofe gewesen.« – »Ja, hier ist er,« sagte Thorbjörn, und in demselben Augenblick bekam Knud einen Schlag über das rechte Ohr, so daß er zwischen zwei Männer taumelte, die dastanden. Jetzt trat tiefe Stille ein. Knud erhob sich und stürzte vor, ohne ein Wort zu sagen, Thorbjörn trat ihm entgegen. Es entstand ein langer Faustkampf, da beide einander auf den Leib wollten; beide aber waren geübte Ringer, und jeder hielt den andern von sich ab. Thorbjörns Schläge fielen doppelt so schnell, und einige meinten, auch doppelt so schwer. – »Da hat Knud seinen Mann gefunden,« sagte der Bursche, der das Pferd hielt; »macht Platz!« – Die Frauen flüchteten, nur eine stand hoch oben auf einer Treppe, um besser sehn zu können; es war die Braut. Thorbjörn erblickte einen Schimmer von ihr und hielt einen Augenblick inne – da sah er ein Messer in Knuds Hand; er erinnerte sich ihrer Worte, daß Knud kein guter Mensch sei, und mit einem wohlgezielten Schlage traf er Knuds Arm über dem Handgelenk, so daß das Messer zu Boden fiel und der Arm kraftlos herabsank. »Au, wie du schlägst,« sagte Knud. – »Meinst du?« entgegnete Thorbjörn und drang auf ihn ein. Knud konnte sich mit einem Arm nur schlecht wehren, er wurde aufgehoben und davongetragen, aber es währte lange, bis er wieder geworfen wurde. Er wurde mehrmals so hart zu Boden geworfen, daß jeder andre genug daran gehabt hätte, aber Knuds Rücken war stark; Thorbjörn stürzte vorwärts mit ihm, die Leute wichen zurück, er kam ihnen nach mit seiner Last, so ging es um den ganzen Hof herum, bis sie an die Treppe kamen, wo er ihn noch einmal in die Höhe hob und mit solcher Gewalt zu Boden schleuderte, daß seine Knie nachgaben und Knud über die steinernen Stufen fiel, daß es in ihm sang. Knud blieb regungslos liegen, stieß einen tiefen Seufzer aus und schloß die Augen. Thorbjörn erhob sich und sah sich um; sein Blick fiel gerade auf die Braut, die regungslos dastand und zuschaute. – »Holt etwas und legt es ihm unter den Kopf,« sagte sie, wandte sich um und ging ins Haus.
Zwei alte Weiber gingen vorüber; die eine sagte zu der andern: »Herrgott, da liegt schon wieder einer! Wer ist denn das nun?« Ein Mann antwortete: »Das ist Knud Nordhaug.« Da sagte die andre Frau: »Da hat es in Zukunft wohl ein Ende mit diesen Schlägereien! Sie sollten ihre Kräfte doch auch zu etwas Besserm gebrauchen.« – »Da hast du ein wahres Wort geredet, Randi,« meinte die andre; »Gott helfe ihnen so weit, daß sie aneinander vorbei und zu etwas Höherm hinaufsehn lernen.«