Diese Worte machten einen eigentümlichen Eindruck auf Thorbjörn; er hatte kein Wort gesagt, sondern stand schweigend da und sah den Leuten zu, die um Knud beschäftigt waren. Mehrere sprachen mit ihm, aber er antwortete nicht; er wandte sich ab und versank in Gedanken. Synnöve trat ihm vor die Seele, und er schämte sich tief. Er überlegte, was für eine Erklärung er ihr geben sollte, und er dachte darüber nach, daß es doch nicht so leicht sei, sich zu bessern, wie er geglaubt hatte. In demselben Augenblick hörte er hinter sich den Ruf: »Nimm dich in acht, Thorbjörn!« Ehe er sich aber umwenden konnte, war er von hinten bei den Schultern gepackt und niedergeworfen, und er fühlte nichts mehr als einen stechenden Schmerz, ohne recht zu wissen, wo er ihn empfand. Er hörte Stimmen um sich her, fühlte, daß gefahren wurde, glaubte selber zeitweise, daß er führe, war sich aber über nichts klar.

Dies währte eine lange Zeit, es wurde kalt, dann bald wieder warm, und dann war ihm so leicht, so leicht, daß er zu schweben glaubte – und jetzt begriff er es: er wurde von einem Baumgipfel zum andern getragen, so daß er auf den Bergabhang hinaufkam, und höher hinauf, bis auf die Alm – noch höher hinauf – bis auf den höchsten Berg; da beugte Synnöve sich über ihn und weinte und sagte, er hätte doch reden sollen. Sie weinte heftig und meinte, er hätte doch selber sehn können, daß Knud Nordhaug ihm in den Weg träte – ihm beständig in den Weg getreten wäre, und da habe sie ja Knud nehmen müssen. Und dann streichelte sie ihm sanft die eine Seite, so daß er da ganz warm wurde, und weinte so, daß sein Hemd an der Stelle ganz naß wurde. Aslak aber kauerte oben auf einem großen, spitzen Stein und zündete die Baumwipfel ringsumher an, so daß es knisterte und prasselte und die Zweige um ihn herumflogen, er selber lachte mit weit aufgerissenem Munde und sagte: »Ich bin ja nicht, der es tut, meine Mutter tut es!« Und Sämund, sein Vater, stand auf der einen Seite und warf Kornsäcke so hoch in die Höhe, daß die Wolken sie zu sich emporzogen und das Korn ausbreiteten wie einen Nebel – und es erschien ihm sonderlich, daß sich das Korn wie ein Nebel über den ganzen Himmel ausbreiten konnte. Als er zu Sämund selbst hinabblickte, erschien ihm dieser so klein, so klein, daß er schließlich kaum noch über den Erdboden aufragte, trotzdem aber warf er die Säcke immer höher und höher und sagte: »Mach mir das einmal nach, du!« – Weit fort in den Wolken stand die Kirche, und die blonde Frau von Solbakken stand oben auf dem Turm und winkte mit einem rötlichgelben Taschentuch in der einen und einem Gesangbuch in der andern Hand und sagte: »Hierher kommst du nicht, ehe du dir das Prügeln und Fluchen abgewöhnt hast!« – und als er genauer hinsah, war es nicht die Kirche, sondern Solbakken, und die Sonne schien so grell auf alle die Hunderte von Fensterscheiben, daß die Augen ihn schmerzten und er sie fest schließen mußte. –

»Vorsichtig, vorsichtig, Sämund!« hörte er eine Stimme sagen und erwachte wie aus einem Schlummer davon, daß er getragen wurde, und als er sich umsah, war er in die Stube zu Granliden gekommen; ein großes Feuer brannte auf dem Herde, die Mutter stand neben ihm und weinte; der Vater hatte gerade den Arm unter ihn geschoben – er wollte ihn in ein Nebenzimmer tragen. Da ließ der Vater ihn wieder los: »Es ist noch Leben in ihm,« sagte er mit bebender Stimme zur Mutter gewandt. – »Herr, sei uns gnädig!« rief sie, »er schlägt die Augen auf! Thorbjörn! Thorbjörn! Geliebter Junge, was haben sie dir getan!« und sie beugte sich über ihn herab und streichelte seine Wange, während ihre Tränen warm auf sein Antlitz fielen. Sämund strich sich mit dem einen Ärmel über das Auge, schob dann die Mutter sanft zur Seite: »Ich will ihn lieber gleich nehmen!« Und er schob die eine Hand vorsichtig unter die Schulter und legte die andre ein wenig tiefer unter den Rücken: »Halte du den Kopf, Mutter, wenn er nicht Kraft genug haben sollte, ihn zu tragen.« – Sie ging voran und hielt den Kopf, Sämund versuchte, Schritt mit ihr zu halten, und bald lag Thorbjörn auf dem Bett in der andern Stube. Als sie ihn nun zugedeckt und sorgfältig gebettet hatten, fragte Sämund, ob der Knecht fort sei. – »Sieh, da ist er!« sagte die Mutter und zeigte aus dem Fenster. Sämund öffnete das Fenster und rief hinaus: »Wenn du in einer Stunde da bist, sollst du deinen Jahreslohn doppelt haben – einerlei, ob du das Pferd zuschanden reitest.«

Er kehrte wieder an das Bett zurück, Thorbjörn sah ihn mit großen, klaren Augen an, der Vater mußte hineinschauen, und da begannen die seinen feucht zu werden. »Ich wußte, daß es so enden würde,« sagte er leise, wandte sich ab und ging hinaus. Die Mutter saß auf einem Schemel zu den Füßen des Sohnes und weinte, sprach aber nicht. Thorbjörn wollte sprechen, aber er fühlte, daß es ihm schwer fallen würde, und so schwieg er. Aber er sah die Mutter unverwandt an, und die Mutter hatte niemals einen solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, sie waren auch nie so schön gewesen, und das schien ihr ein schlimmer Vorbote zu sein. »Gott der Herr helfe dir!« rief sie endlich, »ich weiß, daß es mit Sämund aus ist an dem Tage, wo du gehst!« Thorbjörn sah sie mit unbeweglichen Augen und Zügen an. Dieser Blick ging ihr durch und durch, und sie begann, ihm ein Vaterunser vorzubeten, denn sie glaubte, daß er nur noch kurze Zeit zu leben habe. Während sie so dasaß, ging es ihr durch den Sinn, wie teuer gerade er ihnen allen gewesen war, und jetzt war keins von seinen Geschwistern zu Hause. Sie sandte einen Boten nach der Alm hinauf, um Ingrid und einen jüngern Bruder zu holen, kehrte dann zurück und setzte sich wieder an ihren alten Platz. Er sah sie noch immer an, und sein Blick wirkte auf sie wie der Gesang eines Kirchenliedes, der ihre Gedanken nach und nach zu höhern Dingen hinleitete, und die alte Ingebjörg wurde andächtig, holte die Bibel und sagte: »Jetzt will ich dir vorlesen, das wird dir wohltun.« Da sie keine Brille zur Hand hatte, schlug sie eine Stelle auf, die sie noch aus ihrer Mädchenzeit ungefähr auswendig wußte, und das war aus dem Evangelium Johannis. Sie war nicht sicher, ob er sie hörte, denn er lag unbeweglich wie zuvor da und starrte sie nur an; aber sie las doch, wenn nicht für ihn, so doch für sich selbst.

Ingrid war schnell daheim, um sie abzulösen, da aber schlief Thorbjörn. Ingrid weinte unablässig; sie hatte schon zu weinen begonnen, ehe sie von der Alm gegangen war; denn sie dachte an Synnöve, die nichts erfahren hatte. – Jetzt kam der Doktor und untersuchte ihn. Er hatte einen Messerstich in die Seite bekommen und war auch sonst verletzt worden, aber der Doktor sagte nichts, und niemand fragte ihn. Sämund folgte ihm in die Krankenstube, blieb dort stehn und sah das Gesicht des Doktors ununterbrochen an, ging mit ihm hinaus, half ihm auf das Kariol und griff an die Mütze, als der Doktor sagte, daß er am nächsten Tage wiederkommen würde. Dann wandte er sich zu seiner Frau, die mit hinausgekommen war: »Wenn der Mann nichts sagt, ist es gefährlich!« Seine Lippen bebten, er schlang den einen Fuß um den andern, und dann ging er auf das Feld hinaus.

Niemand wußte, wo er geblieben war, denn an jenem Abend und auch in der Nacht kehrte er nicht heim, sondern erst am nächsten Morgen, und da sah er so finster aus, daß ihn niemand etwas zu fragen wagte. Er selber fragte: »Nun?« – »Er hat geschlafen!« antwortete Ingrid; »aber er ist so kraftlos, daß er nicht einmal die Hand aufzuheben vermag.« Der Vater wollte hinein, um nach ihm zu sehn, kehrte aber um, als er an die Tür gekommen war.

Der Doktor war da, wie auch am folgenden Tage und mehrere Tage darauf; Thorbjörn konnte sprechen, durfte sich aber nicht bewegen. Meist saß Ingrid bei ihm, aber auch die Mutter und sein jüngerer Bruder; aber er fragte sie nach nichts, und auch sie fragten ihn nicht. Der Vater kam niemals herein; sie sahn, daß es dem Kranken auffiel; jedesmal, wenn sich die Tür öffnete, merkte er auf, und sie glaubten, es müsse sein, weil er den Vater erwarte. Schließlich fragte Ingrid ihn, ob er sonst noch jemand zu sehn wünsche. – »Ach, sie wollen mich wohl nicht sehn,« erwiderte er. Dies wurde Sämund wiedererzählt, der nicht gleich darauf antwortete; an diesem Tage aber war er nicht zu Hause, als der Doktor kam. Als der Doktor aber die Landstraße eine Strecke hinabgefahren war, traf er Sämund, der am Wege saß und auf ihn wartete. Nachdem er ihn begrüßt hatte, fragte Sämund nach seinem Sohne. – »Er ist arg zugerichtet,« lautete die kurze Antwort. – »Kommt er durch?« fragte Sämund und zog den Sattelgurt des Pferdes an. – »Danke, der sitzt ganz gut,« sagte der Doktor. – »Er war nicht stramm genug,« erwiderte Sämund. Es entstand nun ein kurzes Schweigen, währenddessen der Doktor ihn betrachtete. Sämund aber war eifrig mit dem Gurt beschäftigt und sah nicht auf. – »Du fragtest, ob er durchkommen würde; ich glaube wohl,« sagte der Doktor langsam. Sämund sah hastig auf. – »Ist er außer Lebensgefahr?« fragte er. – »Das ist er schon seit mehreren Tagen,« antwortete der Doktor. Da tropften ein paar Tränen aus Sämunds Augen; er versuchte sie wegzuwischen, aber sie kamen wieder: »Es ist wirklich eine Schande, wie ich an dem Jungen hing,« schluchzte er, »aber siehst du, Doktor, einen stattlichern Burschen gibts im ganzen Kirchspiel nicht.« – Der Doktor war gerührt: »Weshalb hast du erst jetzt danach gefragt?« – »Ich war nicht stark genug, es zu hören,« erwiderte Sämund und kämpfte noch mit den Tränen, die er nicht zurückzuhalten vermochte, – »und da waren die Weiber« – fuhr er fort, »sie gaben jedesmal acht, ob ich fragen würde, und da konnte ich nicht.« – Der Doktor ließ ihm Zeit, sich zu beruhigen, und dann sah ihn Sämund fest an: »Bekommt er seine Gesundheit wieder?« fragte er plötzlich. – »Bis zu einem gewissen Grade; übrigens kann man noch nichts mit Bestimmtheit sagen.« – Da wurde Sämund ruhig und nachdenklich. – »Bis zu einem gewissen Grade,« murmelte er. Er stand da und sah vor sich hin; der Doktor wollte ihn nicht stören, weil ein gewisses Etwas an dem Mann ihm das verbot. Plötzlich hob Sämund den Kopf in die Höhe: »Ich danke dir für die Nachricht,« sagte er, reichte ihm die Hand und ging zurück.

Zu derselben Zeit saß Ingrid bei dem Kranken. »Wenn du dich stark genug fühlst, mich anzuhören, dann will ich dir etwas von dem Vater erzählen,« sagte sie. – »Erzähle,« sagte er. – »Ja, den ersten Abend, als der Doktor hier gewesen war, verschwand der Vater, und niemand wußte, wo er war. Er aber war drüben im Hochzeitshause gewesen, und allen Leuten war ganz unheimlich zumute geworden, als er kam. Er hatte sich unter sie gesetzt und hatte getrunken, und der Bräutigam hat erzählt, er glaube, der Vater habe sich einen kleinen Rausch angetrunken. Dann erst fing er an, sich nach der Prügelei zu erkundigen, und er erhielt genauen Bescheid, wie alles zugegangen war. Knud kam hinzu, und nun wollte der Vater, daß er erzählen solle, und er ging auf den Hof hinaus nach der Stelle, wo ihr euch geprügelt hattet. Alle Leute gingen mit. Knud erzählte ihm dann, wie du ihm mitgespielt hättest, nachdem du ihm die Hand lahm geschlagen hattest, als aber Knud nicht weitererzählen wollte, sprang der Vater auf und fragte, ob es dann so zugegangen sei – und damit ergriff er Knud bei der Brust, hob ihn auf und legte ihn auf die Steinplatte, an der noch dein Blut klebte. Er hielt ihn mit der linken Hand nieder und zog mit der rechten sein Messer; Knud wurde leichenblaß, und alle Gäste schwiegen. Einige von den Leuten haben gesehn, wie der Vater weinte, aber er tat Knud nichts. Knud selber rührte sich nicht. Dann hob der Vater Knud wieder in die Höhe, legte ihn aber nach einer Weile wieder nieder: »Es wird mir sauer, dich laufen zu lassen,« sagte er und stand da und starrte ihn an, während er ihn festhielt.

»Zwei alte Frauen gingen vorüber, und die eine von ihnen sagte: ›Denke an deine Kinder, Sämund Granliden!‹ Und sie sagen, da hätte der Vater Knud sofort losgelassen, und nach einer Weile sei er vom Hofe verschwunden gewesen; Knud aber schlich sich zwischen den Gebäuden weg von der Hochzeit und kehrte nicht wieder zurück.«