Kaum hatte Ingrid diese Erzählung beendet, als sich die Tür öffnete und jemand hereinsah. Es war der Vater. Sie ging sogleich hinaus, und Sämund kam herein. Was die beiden miteinander gesprochen haben, hat niemand erfahren; die Mutter, die an der Tür stand, um zu lauschen, glaubte aufgefangen zu haben, daß sie davon gesprochen hätten, wie weit er seine Gesundheit wieder erlangen würde. Aber sie war sich dessen nicht ganz sicher, wollte auch nicht hineingehn, solange Sämund da war. Als Sämund herauskam, war er sehr weich gestimmt, und seine Augen waren gerötet. »Wir behalten ihn noch,« sagte er im Vorübergehn zu Ingebjörg. »Aber Gott weiß, ob er seine Gesundheit je wieder erlangen wird.« Ingebjörg fing an zu weinen und folgte ihrem Mann auf den Hof hinaus. Auf der Treppe des Vorratshauses setzten sie sich nebeneinander, und nun wurde gar manches zwischen den beiden beredet.
Als aber Ingrid wieder leise zu Thorbjörn hineinkam, lag er mit einem kleinen Zettel in der einen Hand da und sagte ruhig und langsam: »Das hier mußt du Synnöve geben, sobald du sie wiedersiehst.« Als Ingrid gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie sich um und weinte; denn auf dem Zettel stand:
An die wohlgeachtete Jungfer Synnöve Guttormstochter Solbakken!
Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, muß es zwischen uns beiden vorbei sein. Denn ich bin nicht der, den Du haben sollst. Der liebe Gott sei mit uns beiden.
Thorbjörn Sämundsen Granliden.
6
Synnöve hatte es am Tage darauf erfahren, daß Thorbjörn zur Hochzeit gewesen war. Sein jüngerer Bruder war mit der Nachricht nach der Alm hinaufgekommen. Ingrid aber hatte ihn gerade noch draußen im Vorbau erwischt, als er gehn wollte, und sie hatte ihm eingeschärft, was er sagen sollte. Synnöve wußte deswegen nichts weiter, als daß Thorbjörn umgeworfen hatte und dann nach Nordhaug gegangen war, um Hilfe zu suchen, daß Knud und er dort aneinandergeraten waren und daß Thorbjörn leicht zu Schaden gekommen wäre und jetzt zu Bette liege, ohne daß indessen die Sache gefährlich sei. Die Nachricht war derart, daß Synnöve sich mehr darüber ärgerte als betrübte. Und je mehr sie darüber nachsann, um so verzagter wurde sie. Wie viele Versprechungen er ihr auch machte, immer betrug er sich doch wieder so, daß die Eltern etwas gegen ihn zu sagen hatten. ›Aber trotzdem lassen wir uns nicht auseinanderbringen,‹ dachte Synnöve.
Es kam nicht häufig Nachricht auf die Alm hinauf, und deswegen währte es eine ganze Weile, ehe Synnöve wieder etwas erfuhr. Die Ungewißheit lastete schwer auf ihrem Gemüt, und Ingrid kam nicht wieder herauf, folglich mußte sich irgend etwas ereignet haben. Sie war nicht mehr imstande, ihre Kühe des Abends heimzusingen, so wie sie es früher getan hatte, und des Nachts schlief sie nicht gut, da Ingrid ihr fehlte. So kam es, daß sie am Tage müde war, und das machte ihr den Sinn nicht leichter. Sie ging umher und arbeitete, sie scheuerte Milcheimer und Tonnen, machte Käse und setzte Milch an, aber es geschah alles ohne Lust, und Thorbjörns jüngerer Bruder und der andre Junge, der zusammen mit ihm das Vieh hütete, glaubten jetzt steif und fest, daß zwischen ihr und Thorbjörn etwas los sei, was ihnen Stoff zu mancher Unterhaltung gab oben auf den Halden.
Am Nachmittage des achten Tages, nachdem Ingrid nach Hause geholt worden war, fühlte sie den Druck mehr als je auf sich lasten. Nun war so lange Zeit verflossen, und noch immer keine Nachricht da. Sie ließ ihre Arbeit liegen und setzte sich und sah über das Tal hin; das war ihr, als hätte sie Gesellschaft, und sie wollte nun einmal nicht mehr allein sein. Wie sie so dasaß, wurde sie müde, legte den Kopf auf ihren Arm und schlief ein; die Sonne aber stach, und es war ein unruhiger Schlaf. Sie war drüben auf Solbakken, oben auf der Bodenkammer, wo ihre Sachen standen, und wo sie zu schlafen pflegte; die Blumen aus dem Garten sandten einen süßen Duft zu ihr herauf, wenn auch nicht den, an den sie gewohnt war, sondern einen andern, fast wie von Heidekraut. ›Woher mag das wohl kommen?‹ dachte sie und beugte den Kopf zum offnen Fenster hinaus. Ja, da stand Thorbjörn unten im Garten und pflanzte Heidekraut. – »Aber, Liebster, weshalb tust du denn das?« fragte sie. – »Ach, die Blumen wollen nicht wachsen,« erwiderte er und arbeitete weiter im Garten. Da tat es ihr leid um die Blumen, und sie bat ihn, sie ihr doch heraufzubringen. – »Ja, das will ich gern tun,« meinte er, und dann sammelte er sie auf und brachte sie ihr; aber es war nicht mehr in der Bodenkammer, wo sie saß, denn jetzt konnte er geradeswegs zu ihr hereinkommen. Gerade da kam die Mutter herein. »In Jesu Namen! Soll der abscheuliche Bursche von Granliden zu dir hereinkommen?« sagte die Mutter, sprang hinzu und stellte sich ihm gerade in den Weg. Aber er wollte dennoch herein, und nun begannen die beiden miteinander zu ringen. – »Mutter, Mutter, er wollte mir ja nur meine Blumen bringen,« bat Synnöve und weinte. – »Ja, das hilft nichts,« sagte die Mutter und rang weiter. Und Synnöve war so erschrocken, so erschrocken, denn sie wußte nicht, wem sie den Sieg wünschen sollte, unterliegen aber sollte keins von ihnen. – »Nimm meine Blumen in acht!« rief sie, aber sie rangen jetzt heftiger als zuvor, und all die schönen Blumen wurden ringsumhergestreut. Die Mutter trat darauf, und er auch; Synnöve weinte. Als aber Thorbjörn die Blumen hatte fallen lassen, wurde er so häßlich, so häßlich; das Haar wurde lang, und das Gesicht wurde ganz groß, die Augen blickten so böse, und mit langen Krallen packte er die Mutter. – »Nimm dich in acht, Mutter! siehst du nicht, daß es ein andrer ist? – nimm dich in acht!« schrie sie und wollte der Mutter helfen, konnte sich aber nicht vom Fleck rühren. Da rief jemand nach ihr – und noch einmal hörte sie ihren Namen rufen. Sofort aber stürzte Thorbjörn hinaus, und die Mutter ihm nach. Abermals hörte sie ihren Namen rufen. – »Ja!« sagte Synnöve und erwachte.