»Synnöve!« rief es. – »Ja,« antwortete sie und sah auf. – »Wo bist du?« fragte eine Stimme. – ›Das ist die Mutter, die mich ruft,‹ dachte Synnöve, erhob sich und ging nach dem Weideplatz, wo die Mutter mit einem Eßkorb in der einen Hand stand, während sie sich mit der andern die Augen beschattete und zu ihr hinübersah.

»Hier liegst du und schläfst auf der bloßen Erde!« sagte die Mutter. – »Ich war so müde,« entgegnete Synnöve, »daß ich mich einen Augenblick niederlegte, und ich bin eingeschlafen, ehe ich michs versah.« – »Davor mußt du dich in Zukunft hüten, mein Kind. Hier ist etwas für dich in dem Korbe; ich habe gestern gebacken, da Vater eine lange Reise antreten will.« – Synnöve fühlte aber, daß die Mutter nicht deswegen allein gekommen war, und sie meinte, daß sie nicht ohne Grund von ihr geträumt habe. Karen, so hieß die Mutter, war, wie schon vorher gesagt worden ist, klein und fein gebaut, mit blondem Haar und blauen Augen, die ihr lebhaft im Kopfe herumgingen. Sie lächelte ein wenig, wenn sie sprach, aber nur, wenn sie mit fremden Leuten redete. Ihre Züge waren mit der Zeit ein wenig scharf geworden, sie war rasch in ihren Bewegungen und war immer sehr geschäftig. – Synnöve dankte ihr für das Mitgebrachte, hob den Deckel ab und sah nach, was es war. – »Ach, das hat Zeit bis später.« sagte die Mutter; »ich habe vorhin bemerkt, daß deine Milchkübel noch nicht gescheuert waren, mein Kind, das mußt du immer tun, ehe du dich zur Ruhe legst.« – »Ja, das war heute auch nur ausnahmsweise.« – »Komm jetzt, dann will ich dir helfen, da ich nun einmal hier bin,« sagte die Mutter und stürzte die Röcke auf. »Du mußt dich an Ordnung gewöhnen, du magst unter meiner Aufsicht sein oder nicht.« – Sie ging voraus nach der Milchkammer, und Synnöve folgte ihr langsam. Sie nahmen alles heraus und wuschen es ab; die Mutter sah das Geschirr nach und fand alles in gutem Zustande vor, sie erteilte fleißig Ratschläge und half beim Ausfegen; so vergingen ein paar Stunden. Während der Arbeit hatte sie Synnöve erzählt, was sie daheim trieben, und wieviel sie zu tun gehabt habe, um alles für die Abreise des Vaters fertigzumachen. Dann fragte sie, ob Synnöve auch daran denke, Gottes Wort zu lesen, ehe sie sich am Abend schlafen lege; »denn das darfst du nicht vergessen,« sagte sie, »sonst geht die Arbeit am nächsten Tage schlecht.«

Als sie mit allem fertig waren, gingen sie auf den Weideplatz hinaus, um dort die Kühe zu erwarten. Und als sie eine Weile beieinander gesessen hatten, fragte die Mutter nach Ingrid, ob die nicht bald wieder auf die Alm heraufkäme. Synnöve wußte darüber nicht mehr als die Mutter. – »Ja, so kann es den Leuten gehn!« sagte die Mutter, und Synnöve begriff sehr wohl, daß nicht Ingrid gemeint war; sie hätte gern von etwas anderm angefangen, aber sie hatte nicht den Mut dazu. – »Wer den Herrn nicht im Herzen trägt, der wird von ihm heimgesucht, wenn ers am mindesten glaubt,« sagte die Mutter. – Synnöve erwiderte kein Wort. – »Nein, das habe ich immer gesagt, aus dem Burschen wird nichts – – sich so zu benehmen! – pfui!« – Sie kauerten beide auf dem Rasen und sahn hinunter ins Tal, aber sie sahn sich nicht an. – »Hast du gehört, wie es mit ihm steht?« fragte die Mutter und sah nun schnell zu der Tochter hinüber. – »Nein,« antwortete Synnöve. – »Es soll schlecht mit ihm stehn,« sagte die Mutter. Die Brust schnürte sich Synnöve zusammen. – »Ist es denn gefährlich?« fragte sie. – »Ach ja, da ist der Messerstich in die Seite – und dann hat er auch noch arge Schläge bekommen.« – Synnöve fühlte, daß sie dunkelrot wurde; sie wandte sich hastig ab, daß es die Mutter nicht sehn sollte. – »Aber das hat wohl nicht viel zu bedeuten?« fragte sie so ruhig, wie es ihr nur möglich war; die Mutter aber hatte bemerkt, wie heftig ihre Brust arbeitete, deswegen antwortete sie: »Ach nein, das hat es wohl nicht!« – Da begann Synnöve zu ahnen, daß etwas sehr Ernstes vorgefallen sein müsse. – »Liegt er?« fragte sie. – »Natürlich liegt er! Es ist ein Jammer um die Eltern, so brave Leute! Gut erzogen ist er auch, so kann ihnen Gott das nicht zur Last legen.« – Synnöve wurde nun so beklommen, daß sie sich nicht zu helfen wußte. Da fuhr die Mutter fort: »Nun zeigt es sich, was für ein Glück es ist, daß niemand an ihn gebunden ist. Der liebe Gott führt doch alles zum besten.« – Synnöve wurde so schwindlig, als müsse sie den Berg hinabstürzen.

»Nein, ich habe es immer zum Vater gesagt, ich: Gott bewahre uns, habe ich gesagt, wir haben nur diese einzige Tochter, und für die müssen wir sorgen. Er ist ein wenig weich von Natur, der Vater, so brav er sonst ist; da ist es denn ein Glück, daß er Rat da sucht, wo er ihn findet, nämlich in Gottes Wort.«

Als nun aber Synnöve an ihren Vater dachte, wie sanft der allezeit war, wurde es ihr noch schwerer, die Tränen zu unterdrücken, und diesmal half denn auch kein Widerstand; sie fing an zu weinen. – »Weinst du?« fragte die Mutter und sah nach ihr hin, ohne ihr jedoch ins Gesicht sehn zu können. – »Ja, ich dachte an den Vater, und da – –« und nun brachen die Tränen gewaltsam hervor. – »Aber liebes Kind, was hast du nur?« – »Ach, ich weiß nicht recht – es überkam mich so – – vielleicht kann es ihm übel ergehn auf dieser Reise," schluchzte Synnöve. – »Wie kannst du nur so reden,« sagte die Mutter; »weswegen sollte es ihm nicht gut gehn auf der Reise zur Stadt, die ebene Landstraße entlang!« – »Ja – aber denk doch nur – wie es – dem andern erging,« schluchzte Synnöve. – »Ja – dem! – Aber dein Vater fährt doch nicht drauflos wie ein Verrückter, sollt ich meinen! Er kehrt sicher wohlbehalten wieder heim – wenn nur Gott seine Hand über ihm hält!«

Der Mutter aber gaben diese Tränen, die gar nicht wieder aufhören wollten, zu denken. Und wie sie so dasaß, sagte sie plötzlich: »Es gibt viele Dinge auf dieser Welt, die schwer genug sein können, aber da muß man sich damit trösten, daß sie noch viel schwerer hätten sein können.« – »Ja, das ist ein trauriger Trost,« sagte Synnöve und weinte bitterlich. Die Mutter konnte es nicht über das Herz bringen, zu antworten, was sie dachte, so sagte sie denn nur: »Gott der Herr lenkt gar vieles für uns in sichtbarer Weise; das hat er wohl auch hier getan!« Und dann erhob sie sich, denn die Kühe fingen an oben auf dem Bergrücken zu brüllen, die Glocken erklangen, die Hirtenjungen jubelten, und die Herde kam langsam bergab, da das Vieh satt und ruhig war. Sie stand da und sah zu, dann hieß sie Synnöve mitkommen und sie in Empfang nehmen. Synnöve erhob sich jetzt auch und folgte der Mutter, aber es ging langsam.

Karen Solbakken war nun vollauf in Anspruch genommen durch die Begrüßung ihrer Herde. Da kam eine Kuh nach der andern herbei, und alle erkannten sie und brüllten. Sie streichelte sie, sprach mit ihnen und wurde wieder fröhlich, als sie sah, wie gut sie alle zugenommen hatten. – »Ach ja,« sagte sie, »Gott ist dem nahe, der sich zu ihm hält!« – Sie half nun Synnöve das Vieh eintreiben, denn bei Synnöve ging es heute nur langsam. Die Mutter sagte nichts dazu; sie half ihr auch beim Melken, obwohl sie infolgedessen länger da oben blieb, als sie beabsichtigt hatte. Als sie nun die Milch geseiht hatten, schickte die Mutter sich an, heimzukehren, und Synnöve wollte sie eine Strecke begleiten. – »Ach nein,« sagte die Mutter, »du bist sicher müde und sehnst dich nach Ruhe«; und so nahm sie denn den leeren Korb, gab ihr die Hand und sagte, indem sie sie fest ansah: »Ich komme bald wieder herauf, um zu sehn, wie es dir geht. – – Halte dich zu uns, und denke nicht an andre.«

Kaum war die Mutter ihr aus dem Gesichtskreis entschwunden, als sie schon darüber nachdachte, wie sie am schnellsten einen Boten nach Granliden hinabschicken könnte. Sie rief Thorbjörns Bruder, sie wollte ihn hinabsenden; aber als er kam, konnte sie sich nicht entschließen, sich ihm anzuvertrauen, deswegen sagte sie: »Ach, es war nichts!« Dann dachte sie daran, selber zu gehn. Gewißheit mußte sie haben, und es war unrecht von Ingrid, ihr keine Nachricht zu senden. Die Nacht war ganz hell, und der Hof lag nicht so weit talabwärts, daß sie den Weg nicht hätte machen können, wenn es sie so hinabzog. Während sie dasaß und hierüber nachdachte, wiederholte sie sich in Gedanken noch einmal alles das, was die Mutter gesagt hatte, und ihre Tränen begannen von neuem zu fließen. Da aber zögerte sie nicht länger, warf ein Tuch um und wählte einen Schleichweg, damit die Jungen nichts merken sollten.

Je weiter sie kam, um so mehr beeilte sie sich, und schließlich sprang sie den Fußpfad hinunter, daß die kleinen Steine abbröckelten, hinabrollten und ihr Schrecken verursachten. Obwohl sie wußte, daß es nur Steine waren, die rollten, war es ihr doch, als wenn jemand in der Nähe sei, und sie mußte stehnbleiben und lauschen. Aber es war nichts, und sie sprang schneller als zuvor bergab. Da geschah es, daß sie mit einem stärkern Sprung auf einen großen Stein geriet, der ein Stück aus dem Wege hervorragte, sich aber jetzt löste und an ihr vorbei hinunterrollte. Er machte argen Lärm, es knackte in den Büschen, und sie war ganz bange, erschrak aber noch mehr, als sie leibhaftig sah, wie sich da unten jemand erhob und bewegte. Zuerst dachte sie, es könne ein wildes Tier sein, sie blieb stehn und hielt den Atem an – auch die Gestalt unten am Wege stand still. »Hoi–ho!« rief es. Es war die Mutter. Das erste, was Synnöve tat, war, daß sie zur Seite sprang und sich versteckte. Sie saß eine ganze Weile da und wartete, ob die Mutter sie erkannt hätte und zurückkäme; aber das tat sie nicht. Dann wartete sie noch eine Weile, damit die Mutter einen guten Vorsprung gewänne. Als sie sich dann wieder auf den Weg machte, ging sie ganz langsam, und bald näherte sie sich den Häusern.

Sie wurde wieder ein wenig beklommen, als sie das Gehöft liegen sah, und ihre Beklommenheit nahm zu, je näher sie kam. Alles war still dort, die Arbeitsgerätschaften standen an die Wand gelehnt, Brennholz lag gehauen und aufgestapelt da, und die Axt war in den Holzblock festgeschlagen. Sie ging vorbei und auf die Tür zu; dort blieb sie noch einmal stehn, sah sich um und lauschte; es rührte sich aber nichts. Und wie sie so dastand und unschlüssig war, ob sie auf den Boden hinauf zu Ingrid gehn solle oder nicht, kam ihr der Gedanke, es müsse wohl eine solche Nacht gewesen sein, damals vor Jahren, als Thorbjörn hinübergekommen war und ihre Blumen eingepflanzt hatte. Schnell zog sie die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf.