Ingrid erschrak sehr, als sie erwachte und sah, daß es Synnöve war, die sie geweckt hatte. – »Wie geht es ihm?« fragte Synnöve. Jetzt fiel Ingrid alles wieder ein, und sie wollte sich ankleiden, um nicht sogleich antworten zu müssen. Synnöve aber setzte sich auf die Bettkante, bat sie, sich wieder hinzulegen, und wiederhole die Frage.
»Jetzt geht es besser,« sagte Ingrid flüsternd; »ich komme bald hinauf zu dir.« – »Liebe Ingrid, verbirg mir nichts; du kannst mir nichts Schlimmes sagen, was ich mir nicht viel schlimmer gedacht habe.« – Ingrid war noch immer bemüht, Synnöve zu schonen, deren Furcht aber drängte sie, und es blieb ihr keine Zeit, Ausflüchte zu machen. Flüsternd fielen die Fragen, flüsternd die Antworten; das tiefe Schweigen ringsumher machte sowohl Frage als Antwort noch schwerer, so daß es einer der feierlichen Augenblicke wurde, wo man es wagt, der Wahrheit gerade ins Auge zu sehn. Darüber aber wurden sich beide klar, daß Thorbjörns Schuld diesmal gering war und daß sich nichts Schlechtes von seiner Seite zwischen ihn und ihr Mitgefühl für ihn drängte. Da weinten sich beide gründlich satt, aber sie weinten leise, und Synnöve weinte am heftigsten; sie saß ganz zusammengesunken auf der Bettkante. Ingrid suchte sie zu erheitern dadurch, daß sie sie daran erinnerte, wieviel Freude sie alle drei miteinander gehabt hätten; da aber ging es hier, wie es so oft geht, daß sich jede kleine Erinnerung aus den Tagen, über denen stiller Sonnenschein liegt, jetzt im Kummer in Tränen auflöst.
»Hat er nach mir gefragt?« flüsterte Synnöve. – »Er hat fast noch gar nicht gesprochen.« – Ingrid dachte an den Zettel, und der fing an, sie zu bedrücken. – »Ist er denn nicht imstande, zu sprechen?« – »Ich weiß nicht, wie es sich damit verhält – er denkt wohl um so mehr.« – »Liest er?« – »Die Mutter hat ihm vorgelesen, jetzt muß sie es jeden Tag tun.« – »Was sagt er denn?« – »Nein, er sagt nichts – das erzählte ich dir ja schon. Er liegt nur da und sieht vor sich hin.« – »Liegt er in der gemalten Stube?« – »Ja.« – »Mit dem Kopfe nach dem Fenster zu?« – »Ja!« – Sie schwiegen beide eine Weile. Dann sagte Ingrid: »Das kleine St. Johannisspiel, das du ihm einmal geschenkt hast, hängt dort im Fenster und dreht sich.«
»Ja, es ist mir einerlei,« sagte Synnöve plötzlich und mit Nachdruck; »nie im Leben soll mich jemand dahin bringen, daß ich ihn aufgebe, es mag gehn, wie es will!« – Ingrid wurde sehr beklommen: »Der Doktor weiß nicht, ob er seine Gesundheit je wieder erlangen wird,« flüsterte sie.
Da richtete Synnöve den Kopf auf, drängte die Tränen zurück, sah sie an, ohne ein Wort zu sagen, ließ den Kopf wieder sinken und blieb in Gedanken verloren sitzen; die letzten Tränen rannen ihr leise die Wangen hinab, aber es kamen keine neuen mehr; sie faltete die Hände, bewegte sich aber nicht: es war, als sitze sie da und fasse einen großen Entschluß. Dann erhob sie sich plötzlich mit einem Lächeln, beugte sich über Ingrid hinab und gab ihr einen warmen, langen Kuß. – »Erlangt er seine Gesundheit nicht wieder, dann will ich ihn pflegen. Jetzt rede ich mit meinen Eltern.«
Dies rührte Ingrid tief; ehe sie aber etwas erwidern konnte, fühlte sie ihre Hand ergriffen: »Leb wohl, Ingrid! Jetzt will ich allein hinaufgehn.« – Und sie wandte sich schnell ab.
»Da ist noch ein Zettel!« rief Ingrid ihr flüsternd nach. – »Ein Zettel?« fragte Synnöve. Ingrid war schon aus dem Bett, suchte ihn hervor und brachte ihn ihr; indem sie ihn ihr aber mit der linken Hand in den Busen steckte, schlang sie den rechten Arm um ihren Hals und gab ihr den Kuß zurück, während Synnöve ihre Tränen warm und schwer auf ihr Gesicht fallen fühlte. Dann schob Ingrid sie leise zur Tür hinaus und schloß ab, denn sie hatte nicht den Mut, das Weitere mit anzusehn.
Synnöve schlich leise auf den Socken die Treppe hinab; da aber zu viele Gedanken auf sie einstürmten, machte sie unversehens Geräusch, erschrak, eilte über die Flur, ergriff die Schuhe und lief, sie in der Hand haltend, an den Wirtschaftsgebäuden vorüber, über die Felder, bis an das Zauntor; dort hielt sie inne, zog die Schuhe an und begann nun eiligen Schrittes bergan zu gehn, denn ihr Blut war in Wallung geraten. Sie schritt dahin, summte eine Melodie, ging schneller und schneller, bis sie zuletzt müde wurde und sich setzen mußte. Da erinnerte sie sich des Zettels. – –
Als der Hirtenhund am nächsten Morgen Lärm machte, als die Jungen erwachten und die Kühe gemolken und hinausgelassen werden sollten, war Synnöve noch nicht zurückgekehrt.
Während die Hirtenjungen noch dastanden und sich wunderten, wo sie wohl sein könnte, und herausfanden, daß sie die ganze Nacht nicht zu Bette gewesen war – da erschien Synnöve.