Margarete richtete sich hoch empor und sah dem erregten Manne fest und furchtlos ins Antlitz. „Mein Vater,“ sagte sie mit edlem Stolze, „wann hat deine Tochter dir je das Recht gegeben, so unwürdig von ihr zu denken? Nicht um meinetwillen kam Ulrich von Maltheim her, sondern um deines Sohnes willen: er brachte mir Kunde von Berthold.“
„Schweig!“ rief ihr der Ratsherr heftig zu und wendete sich von ihr; „du weißt, daß dieser Name nicht vor meinem Ohr genannt werden darf!“
„O mein Vater,“ versetzte sie mit sanfter Würde, — und mit einem Schlage war alle Aufregung von ihr gewichen — „wie schwer sich auch Berthold vergangen haben mag, so hört er doch nimmer auf, dein Sohn zu sein, und wie bitter du ihm auch zürnen magst, in deinem innersten Herzen spricht doch eine Stimme für ihn. Wenn es ihm gelingt, auf einem andern Boden ein neues, würdiges Leben zu beginnen, so danken wir es dem thatkräftigen Eingreifen Ulrichs von Maltheim, der als ein treuer Freund an ihm gehandelt hat. War es auch tollkühn von ihm, sich in die Stadt zu wagen, um sein Versprechen zu erfüllen, so braucht er sich seines Thuns doch wahrlich nicht zu schämen, und schlecht stünde es uns an, ihn für solche That unter falschem Verdachte leiden zu lassen.“
Herr Ebner durchmaß das Zimmer mit hastigen Schritten, er kämpfte einen schweren Kampf mit sich selbst. Dann warf er sich in einen Lehnstuhl, stützte das Haupt in die Hand und sagte mit unsicherer Stimme: „Ich will alles wissen, berichte mir genau jedes Wort.“ Er hörte mit gespannter Aufmerksamkeit auf ihre Erzählung, dann versank er in ein tiefes Schweigen. Endlich stand er auf und sagte in strengem Ton: „Du hast unrecht gethan, als du mir Bertholds Erscheinen in Nürnberg verheimlichtest, denn ich hatte das erste Recht darauf, die Verirrungen meines Sohnes zu erfahren, ja, ich hätte ihn damals noch zu seiner Pflicht zurückführen können. Was den Junker von Maltheim betrifft, so werde ich für ihn Bürgschaft leisten und ihn, statt im Ratsgefängnis, in meinem Hause in Gewahrsam nehmen. Du wirst für ihn sorgen, darfst ihn aber weder sehen, noch sprechen. Ich erwarte unbedingten Gehorsam und würde jeden Versuch, diese Vorschrift zu übertreten, streng bestrafen. Setze das kleine Zimmer neben meiner Schreibstube in Bereitschaft und bleibe in deiner Kammer, bis ich dich rufe.“
Er ging hinaus und ließ Margarete in einem Widerstreit von Empfindungen zurück. Sie sah ein, daß ihr Vater über ihren Anteil an Bertholds Flucht ernstlich erzürnt war, und fühlte doch, daß ihm die Gewißheit, der Sohn sei vor jeder Verfolgung sicher, eine Herzenserleichterung gewähre; sie freute sich, daß sie Ulrich von falschem Verdacht gereinigt und vor unwürdiger Behandlung bewahrt habe, und war doch tief bekümmert, daß er bis zum Ende der Fehde ein Gefangener bleiben müsse. Es tröstete sie ein wenig, daß sie selbst für ihn sorgen durfte, und sie richtete das kleine Zimmer so traulich ein, wie sie nur konnte; sie legte ihm ihre eignen Bücher hin — es waren freilich nur wenige —, auch Schreibmaterial, damit ihm die Zeit nicht zu lang würde, und da sie keine Blumen hatte, steckte sie wenigstens große Zweige duftiger Walnußblätter rings umher, welche die kahlen Wände freundlich verhüllten. Das Gemach ging auf den Hof hinaus, doch war das kleine vergitterte Fenster so hoch angebracht, daß der Insasse nur die grüne Krone des Nußbaums sehen, aber mit seinem Blick nicht den Boden erreichen konnte.
Gern saß Margarete mit ihrer Arbeit unter dem lieben, alten Baum, und plötzlich kam ihr ein Gedanke: sehen und sprechen hatte der Vater verboten, aber singen nicht; so erhob sie denn eines Tages ihre Stimme und begann, erst leise und schüchtern, dann immer zuversichtlicher, also zu singen:
„Vöglein im Käfig sitzet alleine,
Blicket so trübe ins wogende Grün,
Schaut auf des Himmels eilende Wolken,
Möchte mit ihnen von hinnen fliehn.