Der Vormittag verging Margareten in fieberhafter Erregung, bei jedem Schritt, jedem Geräusch fuhr sie zusammen, als bedeute es etwas Schreckliches. Sie war gerade auf dem Vorsaal beschäftigt, als sie auf der Straße lautes Geschrei und das Stampfen vieler Füße hörte. Das war in dieser Zeit nichts Seltenes, man brachte oft Gefangene ein, oder Söldner, welche sich irgendwie gegen die strengen Kriegsregeln vergangen hatten. Sonst sah sie kaum danach, heute aber eilte sie ans Fenster und musterte angstvoll den Zug gewaffneter Knechte, welcher von einer Menge johlender Buben begleitet wurde. In der Mitte gingen zwei Männer, denen man die Hände auf den Rücken gebunden hatte; der eine schleppte sich widerwillig weiter und bekam zuweilen einen Stoß mit der Hellebarde, um ihn im Gange zu erhalten, der andre schritt ruhig, in aufrechter Haltung, dahin, den Hut tief in die Stirn gedrückt. Margarete riß das Fenster auf und streckte die Hände nach ihm aus: „Ulrich, Ulrich!“ rief sie in schneidendem Weh. Ihre Stimme verklang in der Unruhe da unten, und zu rechter Zeit kam noch das Gefühl des Schicklichen über sie; sie flog vom Fenster zurück, ehe ihr Benehmen Aufmerksamkeit erregt hatte, und verbarg verzweiflungsvoll ihr Gesicht in den Händen.

„Gott im Himmel, was habe ich gethan!“ stöhnte sie. „Ich, ich allein trage die Schuld an dieser Schmach! Was wird er sagen? was werden sie ihm anthun? was wird seine Mutter anfangen, wenn er nicht zurückkehrt? was soll ich thun, um ihn zu befreien?“ Sie wäre am liebsten aufs Rathaus geeilt, hätte ihren Vater dort aufgesucht und ihm alles gebeichtet, — aber sie fühlte wohl, daß das unmöglich sei, daß es sich für ein Mädchen nicht zieme, sich unter die vielen Männer zu begeben und alle Blicke auf sich zu ziehen.

Sie mußte also warten, und peinliche, angstvolle Stunden waren es, die sie zubrachte. Endlich, endlich kam ihr Vater zu ihr, um sich, wie er pflegte, eine kurze Weile in ihrer Gesellschaft zu erholen. Sie eilte ihm entgegen. „Was habt Ihr mit ihm gemacht, Vater? Ihr könnt nicht glauben, daß er eine strafbare Absicht gehabt hat — ich bürge für ihn, daß er nichts Böses gegen die Stadt im Schilde führte!“

Herr Wilibald sah sie erstaunt an. „Von wem sprichst du, mein Kind?“

„Von Ulrich von Maltheim — o Vater, entlaßt ihn schleunigst aus seiner Haft, damit sich seine Mutter nicht in Angst um ihn verzehre — es ist schlimm genug, daß er wie ein Verbrecher über die Straße geführt wurde — er, ein untadeliger Edelmann!“

„Und woher weißt du so genau, was der Junker von Maltheim für Absichten hatte, als er sich heimlich in die Stadt schlich?“

„Ich habe ihn gesprochen und weiß, weshalb er kam.“

„Du, Margarete? — — wann und wo sprachst du ihn?“

„Gestern Abend an dieser Stelle.“

„Wie? meine Tochter sagt mir ohne Erröten, daß sie einem fremden Manne ein Stelldichein bewilligt habe? Also darum bist du in der Stadt geblieben, nicht um deinem Vater eine schwere Zeit zu erleichtern, sondern um in der Nähe dieses jungen Fants zu bleiben? — Soll ich alle meine Kinder so verlieren?“