„Ist er in Sicherheit? Gott sei Dank — und innigen Dank Euch für Eure Hilfe! Aber kommt, kommt, Ulrich, mein Vater darf Euch hier nicht finden, Ihr müßt Euch verbergen, — o kommt, ich vergehe vor Angst.“
Sie zog ihn durch eine schmale Seitenthür in einen finstern Gang, stieß dann eine andre Thür auf und schob ihn in einen düsteren Raum. „Bleibt hier, ich bitte Euch, und wartet meiner, ich komme zurück, sobald ich kann.“ Ehe er sich’s versah, war sie fort und hatte den Schlüssel abgezogen.
Zitternd vor Aufregung kehrte das Mädchen in das Wohngemach zurück, zündete die Lampe an und deckte den Tisch zum Abendessen, das Herr Wilibald jetzt allein, ohne die übrigen Hausgenossen, einzunehmen liebte. Wie sollte sie nur Ulrich ungesehen fortschaffen? sie konnte ja dem Vater nicht einmal erklären, zu welchem Zwecke er gekommen sei, denn sie wagte es nicht, sein strenges Verbot zu übertreten, das selbst Bertholds Namen verpönte. Endlos kam ihr heute die Stunde der Mahlzeit vor, welche ihr sonst so traulich erschien; heute that sie nichts, um Herrn Wilibald zu fesseln, sondern atmete erleichtert auf, als sich endlich die Thür hinter ihm schloß. Eine Weile lauschte sie noch auf den verhallenden Tritt, dann ergriff sie die Lampe und eilte in das Zimmerchen, wohin sie Ulrich gebracht hatte.
„Gott sei Dank, er ist fort!“ sagte sie, „nun könnt Ihr unbemerkt das Haus verlassen. Eilt, Ulrich, ich werde nicht eher ruhig sein, als bis ich Euch in Sicherheit weiß.“
„Mit dem Eilen ist’s nun vorbei,“ erwiderte er mit einem eigentümlichen Lächeln; „während Ihr mich hier gefangen hieltet, ist die Stunde verflossen, in der Hans am Thor die Wache hatte. Ihr müßt Eure Gastfreundschaft schon bis morgen früh ausdehnen, sonst könnte man mich leicht für einen Spion ansehen und am nächsten Pfosten aufknüpfen.“
„Gerechter Gott!“ rief sie entsetzt, „und das sagt Ihr so kaltblütig? Jesus Maria, was habe ich gethan, in welche Lage hat meine Thorheit Euch gebracht — und ich wollte doch nur das Beste! O Ulrich, ist das mein Dank für alles, was Ihr an Berthold gethan habt?!“ Sie setzte sich nieder und brach in bittere Thränen aus.
„Beruhigt Euch, liebe, holde Margarete,“ sagte er sanft und tröstend, „es wird so schlimm nicht werden. Laßt uns auf Gott und mein gutes Glück vertrauen! Und da Ihr mich nun doch nicht loswerden könnt, so trocknet Eure Thränen und laßt uns miteinander reden, wie es guten, alten Freunden geziemt.“
Seine Ruhe wirkte besänftigend auf ihre erregten Gefühle; sie erinnerte sich ihrer hausmütterlichen Pflichten, brachte ihm mit eigner Hand — denn sie mochte niemand von der Dienerschaft ins Vertrauen ziehen — Speise und Trank, ließ sich dann alle Einzelheiten von Bertholds Ergehen berichten und gab ihrer Anerkennung für Ulrichs thätige Hilfe lebhafte und herzliche Worte.
Später brachte sie ihm einige Kissen und Decken. „Ihr müßt Euch für die Nacht hier einrichten, so gut es geht,“ flüsterte sie, „ich kann Euch in kein anderes Zimmer führen. Schlaft wohl, Ulrich, morgen früh komme ich wieder zu Euch. Hier ist der Schlüssel, schließt Eure Thür fest zu.“
Als sie aber am nächsten Morgen an die Thür klopfte, blieb alles still: das Zimmer war leer, und der gefangene Vogel schon vor ihr ausgeflogen. Sie faltete die Hände und sendete ihm ein inbrünstiges Stoßgebet nach.