„Habt Dank, werte Frau!“ sagt er, und seine Stimme klang, wie von Thränen verschleiert, „Euer Segen wird mir ein Talisman in allen Fährlichkeiten sein. Betet für mich, denn ich weiß nicht, ob meine Mutter es nicht verschmäht, für ihren unwürdigen Sohn zu beten.“

Er hob das Haupt empor und sah sie an, ihre Augen trafen sich. „Berthold!“ rief sie mit einem Ausdruck, der zwischen namenlosem Schrecken und grenzenloser Freude schwankte — ihr schwanden die Sinne. Er riß sie an seine Brust und küßte ihr Antlitz mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, dann ließ er die bewußtlose Gestalt sanft zurücksinken. Als Elsbeth zu ihrer Mutter trat, schwang er sich eben aufs Pferd, schwenkte noch einmal seinen Hut und jagte davon; als Frau Ursula wieder zu sich kam und angstvoll suchend umherblickte, da zeigte nur noch ein fernes Staubwölkchen die Richtung an, in der er verschwunden war. —

Margarete hatte nicht viel Muße, ihre Einsamkeit zu empfinden, denn die ernste Zeit nahm nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in Anspruch. Die unter den Waffen stehenden ärmeren Leute, sowie die geworbenen Söldner wurden auf Kosten der Stadt gespeist; man hatte große Küchen errichtet, die von kundigen Frauen bedient und von Höherstehenden beaufsichtigt wurden. Frau Magdalene Krafftin hatte an bestimmten Tagen die Ratsküche unter ihrer Obhut, und Margarete stand ihr treulich bei. Der Haushalt erforderte manche Arbeit; auch waren viele Frauen und Kinder in Nürnberg, die jetzt, da aller Verdienst stockte, ohne den Beistand der Reicheren in bittere Not geraten wären, und für sie gab es fortwährend zu denken und zu sorgen. Kam Herr Ebner vom Rathause zurück, wo er einen großen Teil des Tages in wichtigen Geschäften zubrachte, so fand er sein Töchterlein stets seiner harrend, immer voll Teilnahme an allem, was vorging, immer bereit, ihn mit freundlichen Worten zu erheitern und für sein leibliches Wohl zu sorgen.

Margarete saß in der Fensternische, welche durch dunkle, tief herabfallende Vorhänge von dem eigentlichen Wohnraum abgeschlossen war; durch die gefärbten Scheiben drang nur noch ein dämmeriges Licht. Die Arbeit war ihr entfallen, die Hände ruhten müßig im Schoß, ihre Gedanken flogen träumend umher. Drei Gestalten zogen an ihrem inneren Blick vorüber: Berthold, Lorenz und Ulrich, alle drei ihr lieb und vertraut, und doch so unendlich voneinander verschieden. Wie hatte sie den frischen, fröhlichen Bruder geliebt, mit einer Liebe, die zu jedem Opfer fähig gewesen wäre! Seine Flucht aus dem Kloster hatte ihr Vertrauen zu ihm gewaltig erschüttert, und selbst das tiefe Mitleid, das sie für ihn empfand, konnte sie nicht darüber täuschen, daß ihm die Kraft gefehlt habe, das, was er auf sich genommen, auch durchzuführen. Lorenz, mit seinem klaren Verstand, seinem tüchtigen Charakter, hatte sich bald ihre volle Achtung erworben, und sie mußte sich sagen, daß er viel mehr ein Sohn nach dem Herzen ihres Vaters gewesen wäre, als Berthold mit seinen hochfliegenden Plänen; aber all seine Anschauungen waren nüchtern und praktisch, für die Fragen und Gedanken, die ihre Seele oft bewegten, hatte er nur ein ironisches Lächeln, ein mitleidiges Achselzucken. Wie anders dagegen Ulrich mit seinem rastlosen Streben nach Wahrheit und Erkenntnis, mit dem energischen Willen und dem sanften, liebevollen Herzen! Ja, er entsprach von den Dreien am meisten dem Bilde eines echten, ganzen Mannes.

Die Träumerin fuhr plötzlich mit einem Schrei empor, denn durch die Vorhänge blickte ein männliches Antlitz sie an, während sie den nahenden Tritt völlig überhört hatte. „Ulrich — um Gotteswillen, wie kommt Ihr hierher?“

„Ich komme, um Euch die versprochene Nachricht von Berthold zu bringen, Margarete; habt Ihr mich nicht erwartet?“

„Aber wie kommt Ihr in die Stadt, da doch keiner hereingelassen wird, der nicht zu den Unsrigen gehört?“

„Hans Fiedler hatte die Wache am Spittlerthor, der hat mich eingelassen.“

„Um Jesu willen! Ulrich — wenn Euch jemand hier fände, es könnte Euch teuer zu stehen kommen!“

„Seid ohne Sorge, liebe Margarete, ich komme ebenso sicher hinaus, wie ich hereinkam. Aber seid Ihr nicht gespannt, etwas von Berthold zu hören?“