„Nein, es ist etwas Großes, das ich erbitte — — laßt mich bei Euch bleiben, Vater! Die Mutter hat Elsbeth und Lorenz, Ihr aber habt sonst niemand, der Euch einmal die Falten von der Stirn streicht, oder mit dem Ihr ein herzliches Wort sprechen könnt.“

„Meine gute Tochter,“ sagte er gerührt und zog sie an sich, „hast du auch bedacht, was es heißt, bei mir zu bleiben? Nicht, daß ich wirkliche Gefahr für dich fürchtete, aber eine Fülle von Unbehagen und Einsamkeit — und welchen Ersatz könnte ich dir dafür bieten, ich, ein geschlagener Mann, ein entlaubter Baum, dem von unheilbarer Wunde das Mark verdorrt?“

Nie zuvor hatte Margarete einen so tiefen Blick in das verschlossene Innere ihres Vaters gethan, aber dieser eine genügte auch, um alle Zärtlichkeit und Hingebung ihres Herzens für ihn wach zu rufen; sie schlang die Arme um seinen Hals, lehnte ihren Kopf an seine Brust und sagte mit tiefer Innigkeit: „Mein Vater, ich kann dir das nicht ersetzen, was du verloren hast; ich kann dir nur mein ganzes Leben weihen. Stoße mich nicht zurück — laß mich bei dir bleiben!“

„So bleibe,“ sagte er warm und küßte sie auf die Stirn. „Aber jetzt laß mich allein, denn ich habe wichtige Dinge zu bedenken.“ —

Drei Tage vor dem Beginn der Feindseligkeiten — man pflegte die vereinbarten Fristen auf beiden Seiten gewissenhaft einzuhalten — verließ der Reisewagen des Ratsherrn die Stadt. Unter dem schützenden Verdeck hatte man Frau Ursula in Kissen und Decken weich gebettet, Elsbeth saß neben ihr, während Lorenz Tucher, als Befehlshaber über einen Trupp reisiger Knechte, wohlbewaffnet daneben ritt. Herr Wilibald gab den Reisenden das Geleit bis zur Grenzmark der Stadt, schärfte Lorenz noch die größte Vorsicht ein und nahm dann von den Seinen Abschied. Langsam bewegte der Zug sich vorwärts und erreichte wohlbehalten den Annenhof, wo man rastete, um am nächsten Morgen die Reise fortzusetzen. Lorenz lugte beständig nach rechts und links, nach hinten und vorn aus, doch war die Straße leer; nur ein einzelner Reiter, mit einem Knechte hinter sich, zog in gemessener Entfernung desselben Weges. Elsbeth fand die langsame Fahrt sehr langweilig und bat Lorenz, ein wenig zu Fuß gehen zu dürfen; doch lehnte er dies ab, bot ihr aber an, sie für eine Weile vor sich aufs Pferd zu nehmen. Das lies sie sich gern gefallen und plauderte recht munter mit ihrem Begleiter, den ihre kindliche Harmlosigkeit und Heiterkeit stets belustigte, nur vergaß er darüber, auf den Wagen zu achten; derselbe flog plötzlich hoch in die Höhe, weil er auf einen mächtigen Stein gestoßen war, — im nächsten Augenblick gab es einen Krach, und das schwerfällige Gefährt senkte sich langsam auf die Seite.

Der Unfall brachte unter den Begleitern eine große Verwirrung hervor; sie sprangen von den Pferden, einige hoben Frau Ursula heraus und legten sie am Rande des Weges sorgsam nieder, andre richteten den Wagen auf, um den geschehenen Schaden zu untersuchen. In diesem Augenblick brach aus dem nahen Gehölz ein bewaffneter Haufe hervor und stürzte sich auf die reiterlosen Pferde, um sich ihrer zu bemächtigen. Das Unerwartete ihres Erscheinens verblüffte die überraschten Knechte so sehr, daß sie völlig den Kopf verloren, um so mehr, als Elsbeth sich jammernd und schreiend an Lorenz klammerte und ihn an jeder Bewegung hinderte. Doch jetzt flog wie ein Sturmwind der vorhin bemerkte Reiter mit seinem Knappen heran; mit hoch geschwungenem Schwert drang er auf die Räuber ein, seine lauten, bestimmten Kommandoworte fanden williges Gehör, die Reisigen sammelten sich um ihn, und in wenigen Minuten war der räuberische Haufe in wilder Flucht zerstoben.

Der Reiter stieg vom Pferde, zog den großen Hut tiefer ins Gesicht und kniete neben Frau Ursula nieder, die totenbleich, mit geschlossenen Augen auf ihren Kissen lag. „Ist Euch ein Leid geschehen, ehrsame Frau?“ fragte er in gedämpftem Ton.

„Nein, mich hat niemand berührt, dank Eurer kräftigen Hilfe,“ erwiderte sie mit matter Stimme. „Wollt Ihr mir Euren Namen nennen, werter Herr, damit ich weiß, für wen ich beten darf?“

„Ich bin ein namenloser Abenteurer, der alles hinter sich lassen muß, was ihm jemals lieb und teuer war, um in der Fremde sein Glück — oder den Tod — zu suchen. Wollt Ihr mir Euren Segen zu meiner Irrfahrt geben, gestrenge Frau?“

Sie hob die Hände auf und berührte leise sein tief gesenktes Haupt. „Gott segne Euch, mein tapferer Ritter, und die heilige Jungfrau vergelte Euch, was Ihr an uns gethan gehabt.“