Margarete that, was sie konnte, um ihre Mutter zu trösten; daß sie um Bertholds Entweichen wisse, durfte sie ihr freilich nicht verraten, aber sie suchte dasselbe im mildesten Lichte darzustellen. Doch wenn Frau Ursula in einem Augenblick eine gewisse Erleichterung in dem Gedanken fand, daß ihr geliebter Sohn nicht mehr unter einem unerträglichen Druck leide, so überfiel sie im nächsten die Todesangst um seine gefährdete Seele und die bittere Sorge um sein augenblickliches Ergehen. Es war für Margarete eine schwere Aufgabe, ihre Fassung gegenüber diesem Jammer der geliebten Mutter zu bewahren und sich doch nichts von dem merken zu lassen, was sie wußte. Mit unsäglicher Spannung wartete sie auf die Nachricht von Bertholds glücklich erfolgter Abreise, die Ulrich ihr sogleich zu bringen verheißen hatte.
Fünfzehntes Kapitel.
Fehde.
Heiß entbrennet der Streit: „hie Wölfe!“ ertönt’s und „hie Nürnberg!“
Und mit Begierde des Kampfs füllt sich des Bürgers Gemüt.
Die Fehde-Erklärung der Nürnberger an den Bund der Wölfe versetzte Stadt und Land in angespannte Thätigkeit, galt es doch, sich für den kommenden Streit zu rüsten und möglichst viele Bundesgenossen zu werben. Nach allen Seiten flogen berittene Boten aus, um die benachbarten Edlen zum Zuzug aufzufordern; andere ritten auf die Dörfer, welche zum Gebiet der Stadt gehörten, und sagten den Bauern an, sich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen. Man stellte ihnen anheim, nach der Stadt selbst oder nach den festen Häusern zu fliehen, welche in deren Besitz standen und durch starke Besatzungen geschützt wurden. An allen Orten war man geschäftig, die Verteidigung der Stadt zu sichern; die Landwehr, d. h. der Wall und Graben um die Stadtmark, wurde durch Schranken von Bohlen verstärkt; über die Landstraßen wurden Schlagbäume gelegt, neben welchen ein starker Posten zur Bedeckung lag. Die Mauertürme wurden mit Geschützen und Wachen versehen; mehrere Türmer wechselten sich beständig ab, um jedes Zeichen des herannahenden Feindes durch Blasen oder ein ausgehängtes Signal kundzuthun. Jeder Bürger mußte sich selbst, oder einen Stellvertreter zum Kriegsdienst stellen; die verschiedenen Innungen traten zu geschlossenen Abteilungen zusammen: die einen gehörten zum Fußvolk und wurden aus der Kriegskammer des Rathauses mit Spieß, Hellebarde und Faustrohr bewaffnet, während die reicheren zu Pferde dienten und sich selbst ausrüsteten; andre wurden zur Bedienung der Geschütze bestimmt, welche der Stolz der Stadt waren und fast wie lebende Wesen betrachtet wurden. Sorgfältig wurde jede Abteilung gemustert und eingeübt von den Hauptleuten und Viertelsmeistern, entweder ritterlichen Männern, die im Solde der Stadt standen, oder tüchtigen Handwerkern, die sich schon früher Kenntnisse im Kriegswesen erworben hatten. Die ganze sonst so friedliche Stadt glich plötzlich einem Heerlager; alle gewöhnliche Thätigkeit schwieg, aller Gedanken waren nur auf Kampf und Verteidigung gerichtet.
Aber auch die Wölfe waren nicht müßig geblieben, auch sie hatten Genossen geworben und viele Ritter, die nicht zu ihrem Bunde gehörten, aber irgend eine Klage oder einen Groll gegen die Stadt hatten, sowie eine Menge von Bauern und Söldnern auf ihre Seite gezogen. Vergebens jedoch hatte Junker Veit seine ganze Beredsamkeit aufgeboten, um Ulrich von Maltheim für sich zu gewinnen; derselbe hatte mit der größten Festigkeit erklärt, daß er mit den Wölfen nichts zu schaffen haben, sondern völlig neutral bleiben wolle. Das ward ihm von beiden Teilen arg verdacht, denn jeder schätzte nur die, welche sich ihm zu thatkräftiger Hilfe verpflichteten.
Herr Wilibald Ebner war durch diese Vorbereitungen völlig in Anspruch genommen, und es war ihm lieb, daß die öffentlichen Angelegenheiten seine ganze Kraft erforderten und ihm keine Zeit ließen, an den Kummer in seinem Hause zu denken. Dennoch sah er ein, daß Frau Ursula zu leidend sei, um die Aufregungen einer solchen Zeit mitzuerleben; er beschloß daher, seine Familie fortzuschicken, wozu er die Erlaubnis des Rates durch eine hohe Summe erkaufen mußte. Seine Frau besaß Verwandte in Bamberg; dorthin wollte er sie und die Töchter senden, Lorenz Tucher sollte ihr Begleiter sein. Ursula fügte sich schweigend dem Befehl ihres Gatten, sie fühlte sich zu krank zum Widerspruch; Margarete aber suchte den Vater in seinem Schreibzimmer auf, wo sie ihn allein fand.
„Lieber, teurer Vater,“ begann sie schüchtern, „wollt Ihr Eurer Tochter eine Bitte gestatten?“
„Was soll’s, mein Kind?“ fragte er müde; „du wirst in diesem Augenblick nicht an Kleinigkeiten denken.“