Margarete erschrak selbst über die Sicherheit, mit der sie der geliebten Mutter diese Fabel vortrug, doch sah sie zu ihrer Beruhigung, daß jene völlig ahnungslos und mit warmer Teilnahme darauf einging. Oben in der Kammer hingen noch Kleider von Berthold, die wollte sie zu Meister Andreas schicken; hier fräßen sie doch nur die Motten, und dort könnten sie noch einem Unglücklichen helfen.

In der Stille einer langen, schlaflosen Nacht überlegte Margarete, was sie für den Bruder thun könne, und wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plötzlich der Gedanke an Ulrich. Er war der einzige, dem sie sich vertrauen wollte, er würde einen Weg wissen, auf dem Berthold nach dem Norden gelangen könnte. Sobald es, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, geschehen konnte, eilte sie am nächsten Morgen in das Hundsgäßlein, sendete von dort eine Botschaft nach Maltheim und übergab Berthold das Päckchen mit seinen eignen Kleidern. Er bewegte sich freier und natürlicher in der von früherher gewohnten Tracht und war auch für sie mehr der Alte; sie konnte vertraulicher mit ihm reden und ihn ansehen, ohne über die furchtbaren Veränderungen der letzten Jahre zu erschrecken.

Am folgenden Tage kam Ulrich, den das Schicksal seines Freundes mit brennender Teilnahme erfüllte, und der zu jeder Hilfe bereit war. Er riet, Berthold möge so schnell als möglich die Stadt verlassen; er selbst wolle ihn unter seinen Knappen nach Maltheim mitnehmen; dort könne er in leidlicher Sicherheit verweilen, bis alles zu seiner Reise vorbereitet sei. Einer derer von Maltheim war Komtur auf einer preußischen Ordens-Ballei; dorthin müsse Berthold sich wenden und ein Unterkommen suchen; an Empfehlungen solle es ihm nicht fehlen.

Berthold hatte dem allen zugehört, ohne etwas einzuwenden, nur einmal erhob er seine Stimme und fragte mit schmerzlichem Beben: „Nach Maltheim? muß es sein? muß ich so vor Irmgard erscheinen?“

„Du wirst sie nicht mehr auf der Burg finden,“ war die Antwort, die in trübem Ton gegeben wurde.

„Wie, ist sie verheiratet, oder — — barmherziger Himmel — ist sie tot?“

„Nein, sie ist ins Kloster gegangen.“

Berthold fuhr mit der Hand nach der Stirn. „Ins Kloster? träume ich? der weiße Edelfalke trauert auch zwischen den mitleidlosen Mauern? wer war so grausam, ihn dort einzusperren?“

Die Erzählung ihres Geschickes bewegte ihn tief, „wenn sie dort ausharren kann, hätte ich es auch wohl vermocht!“ murmelte er, „aber sie war immer stärker, mutiger, größer, als ich! Arme, weiße Rose, wie welk magst du jetzt dein liebes Köpfchen hängen lassen!“ Er war nun mit allem, was Ulrich vorschlug, dankbar einverstanden, und so schien die schwierige Angelegenheit sich in hoffnungsvoller Weise zu ordnen. Unter Schmerzen und Thränen nahm Margarete von dem Bruder Abschied und befahl ihn dem Schutze des Himmels und der Fürsorge des treuen Freundes, der gerade zu rechter Zeit heimgekehrt war, um ihr in den bängsten Stunden ihres Lebens beizustehen.

Noch eine Zeit namenloser Aufregung galt es durchzumachen, als die Nachricht von Bertholds Flucht aus dem Kloster Herrn Wilibald Ebner erreichte. Die Kunde warf Frau Ursula aufs Krankenbett und beugte die stolze Haltung des Ratsherrn für viele Tage. Dann zeigte er seinem ganzen Hause an, daß sein Sohn für ihn tot sei und niemand seinen Namen nennen dürfe, und ging wieder aufrechten Hauptes in sein Kontor.