Er eilte auf sie zu, drückte sie einen Augenblick an sich und ließ sie dann auf einen Schemel niedersitzen, während er zwei Schritte davon stehen blieb.

„O, warum bin ich nicht damals an der Pest gestorben!“ sagte er mit dumpfer, klangloser Stimme; „ich wäre unschuldig und ahnungslos dahingegangen, meine Mutter hätte sich längst getröstet und mir eine ungetrübte Erinnerung bewahrt, und ich hätte nicht Schmach und Schande über die Meinen gebracht. Warum muß ich so vor dir stehen, als das unwürdigste Geschöpf, das auf Erden wandelt — ein entlaufener Mönch?!“

„Armer, armer Berthold!“ wiederholte sie mit überströmenden Augen, „willst du mir alles sagen, was dir widerfahren ist? ich möchte dich und dein Thun gern begreifen lernen. Aber fasse dich kurz, denn bald muß ich fort, um keinen Argwohn zu erregen.“

„O meine Schwester,“ versetzte er, indem er die abgezehrten Hände krampfhaft ineinander preßte, „wie soll ich dir die Qual dieser drei Jahre beschreiben? mich dünkt, es gehörten ebensoviel Wochen dazu, um dir meinen Jammer klar zu machen. Zuerst war es ein ewiges Einerlei, eine eintönige Abwickelung von Gebeten und Übungen, wobei das Herz kalt und tot, der Geist öde und leer blieb. Für jede kleinste Übertretung der Disciplin gab es harte Strafen und schwere Bußen, aber der innere Sinn ward dadurch nicht verändert. Ich konnte die Heiligkeit dieses Lebens nicht verstehen, es erschien mir völlig zwecklos, und als ich mich weigerte, das Novizenkleid mit der Mönchskutte zu vertauschen, als keine Drohung, keine Geißelung mich bewegen konnte, das bindende Gelübde abzulegen, — da warfen sie mich in einen unterirdischen Kerker ohne Licht und Luft und ließen mich schier verschmachten. Zuweilen kam einer von den frommen Brüdern zu mir und redete mir mit guten und bösen Worten zu, meinen Trotz fahren zu lassen; aber wenn ich sie fragte, worin denn die Gottgefälligkeit des Klosterlebens bestehe, warum man Gott nicht auch in der Welt dienen könne, da doch unser Heiland und seine Apostel in der Welt gelebt hätten, — da schalten sie heftig auf mich ein und nannten mich einen verstockten Sünder, der zur Hölle fahren müsse. Da befahl ich meine arme Seele Gott und bat ihn, wenn jene recht hätten, mich an dieser Stelle sterben zu lassen, hätten sie aber unrecht, so wolle er selbst mich befreien. Und siehe da, Gott hörte die Bitte des Elenden und ließ mir meine Flucht gelingen.“

„Mein Bruder,“ fragte Margarete schmerzlich, „war es wirklich Gott, der dir half?“

„Ja, gewiß und wahrhaftig; war Er doch der einzige Freund in meiner Not, zu dem ich rief bei Tag und Nacht. Einmal, als ich in bitterer Verzweiflung an den Eisenstäben rüttelte, die das kleine Fenster meines Kerkers verwahrten, fühlte ich, daß die Mauersteine nachgaben. Das war ein Hoffnungsstrahl, und mit eiserner Ausdauer machte ich mich daran, das morsche Gemäuer zu lockern. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, denn ich konnte Tage und Nächte nicht zählen, und oft sank ich bewußtlos nieder vor Hunger und Erschöpfung. Aber endlich wich die Eisenstange unter meinen Händen, mit Mühe zwängte ich meine abgemagerten Glieder durch die enge Öffnung und fand mich im Klostergarten. Durch eine wunderbare Fügung stand das Mauerpförtchen offen; ungesehen kam ich ins freie Feld, und mit Aufbietung meiner letzten Kräfte rannte ich vorwärts, bis ich in einem Heuschober zusammenstürzte. Dort fand mich am nächsten Tage ein mitleidiger Bauer, der mir zu essen gab und mir diese dürftige Kleidung schenkte. Dann bettelte ich mich weiter und stieß, kurz vor der Stadt, auf einen Händler, der Vieh zum Markte trieb; ich bot mich ihm zur Hilfe an und kam unaufgehalten durch das Thor. So kehrte der einzige Sohn des reichen, hochgeachteten Ratsherrn in seine Vaterstadt zurück — ein zerlumpter Bettler unter einer Herde grunzender Schweine!“

Margarete war zu tief ergriffen, um zu sprechen; „armer, armer Bruder!“ stöhnte sie nur unter ihren Thränen hervor und versank dann in tiefes, schmerzliches Sinnen. Endlich raffte sie sich auf. „Die Zeit drängt, Berthold; sage mir, was du weiter zu thun denkst.“

„Ich habe nur einen Wunsch für mein gescheitertes Leben, den: mich nach dem Norden durchzuschlagen und bei dem Deutschen Orden Aufnahme zu suchen. Auch dort gelten die drei Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, denen ich, meiner Mutter zu liebe, nicht untreu werden möchte, aber dort bin ich freier, und wenn Gott mein heißes Gebet erhört, so läßt er mich einen ehrlichen Tod für eine gute Sache finden.“

Ein heftiges Pochen an der Hausthür schreckte die Geschwister auf; „rette dich, Berthold!“ rief Margarete, bleich vor Angst, und mit einem Sprunge war er aus der Thür, die Treppe hinaufgehuscht und auf dem finstern Bodenraum verschwunden. Frau Eva fragte von innen, wer da sei. „Ich bin es, Justus,“ war die Antwort, „ist Jungfer Margarete hier? die gestrenge Frau ist in großer Sorge um sie.“ Gewaltsam bezwang sich das Mädchen so weit, um dem Eintretenden mit unbekümmert klingendem Ton entgegenzurufen: „Habe ich mich so verspätet, Just? ich komme gleich“; dann nahm sie mit scheinbar heiteren Worten Abschied von dem alten Paar und trat langsam den Heimweg an.

„Verzeiht, liebe Mutter,“ begann sie, als sie Frau Ursula und Elsbeth allein fand; „ich konnte Frau Evas Bitte nicht widerstehen; die alten Leutchen haben große Sorge um einen Verwandten, der ihre Hilfe begehrt. Er scheint ein leichtsinniger Bursche, aber von guten Gaben zu sein, und wir berieten hin und her, was sich für ihn thun ließe. Das Dringendste wäre, ihn in eine anständige Kleidung zu stecken, denn er ist arg herabgekommen, aber die Mittel der Fiedlers sind beschränkt, und sie möchten ihm ihr Erspartes lieber als Zehrpfennig auf die Reise geben.“