„Wo ist er?“ fragte sie mit heiserem Ton.

„Oben in der Dachkammer — es darf niemand ahnen, daß wir einen Gast beherbergen. Eva, schließ die Thür zu und drücke die Fensterläden fester, damit kein Lichtstrahl und kein Schatten auf die Straße falle.“

Diese Vorsichtsmaßregeln erweckten ein Gefühl tiefer Demütigung in Margaretens Seele — der flüchtige Verbrecher, den sie schützen sollten, war ihr eigner Bruder! „Darf ich zu ihm gehen?“ fragte sie tonlos.

„Die Stiege ist kaum für Eure Füße gemacht, und oben ist kein Aufenthalt für Euch, werte Jungfer; laßt Berthold herabkommen, in der Küche seid Ihr völlig ungestört.“

[(S. 173.)]

Armer, armer Berthold!


GRÖSSERES BILD

Sie wartete in bebender Spannung auf sein Erscheinen; jetzt kamen leise, vorsichtige Schritte die Treppe herab, die Thür ging auf, und auf der Schwelle stand in scheuer Haltung eine Gestalt in zerlumpter Bauerntracht, abgemagert, mit bleichem Antlitz und unsäglich kummervollem Ausdruck. War das wirklich ihr Bruder, ihr lebensfrischer, jugendschöner Berthold? Nichts erinnerte mehr an ihn, als die dunklen Augen, die sich bei ihrem Anblick, ihrer Zurückhaltung, langsam mit großen Thränen füllten.

Ja, er war es doch! das Gefühl, den Gefährten ihrer glücklichen Kindheit so elend und unglücklich vor sich zu sehen, übermannte sie; sie breitete ihre Arme aus und rief schluchzend: „Armer, armer Berthold! so muß ich dich wiederfinden?“