„Stille, stille,“ sagte die Alte geheimnisvoll, „nicht hier, bringt mich an einen Ort, wo niemand uns sieht und hört.“
Erstaunt blickte Margarete in das erregte Gesicht der Sprecherin, doch willfahrte sie dem Wunsche und führte sie in ihre eigne Kammer. Frau Eva schloß vorsichtig die Thür, drängte das Mädchen in einen Winkel und flüsterte: „Ich bringe Euch einen Gruß von Eurem Bruder.“
„Von Berthold?“ fragte Margarete betroffen, „wo habt Ihr ihn gesehen?“
Die Alte zog ihr Ohr ganz nahe zu sich herab und hauchte hinein: „Er ist in unserm Hause.“
„Jesus Maria!“ stammelte Margarete, „wie kommt er dahin? er ist doch nicht ....“
„Er ist aus dem Kloster entflohen.“
Das Mädchen sank, wie vom Blitz getroffen, auf den Rand ihrer Bettstelle nieder und bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen. Barmherziger Himmel! welch eine entsetzliche Nachricht! was würden ihre Eltern dazu sagen — ihr Vater, dem ein gegebenes Wort als unantastbares Heiligtum galt, ihre Mutter, die sich unter tausend Schmerzen den Sohn vom Herzen gerissen hatte, um seine Seele zu retten! Und nun war er wortbrüchig geworden an seinen heiligsten Gelübden, nun irrte er umher als ein gehetzter Flüchtling, von dem sich jeder gute Christ mit Verachtung abwenden mußte! O dies war schrecklicher, als alles andre, denn hiefür gab es keinen Trost und keine Ergebung. Der Schwester war zu Mut, als könnte sie nie wieder ihr Haupt erheben, nie wieder um sich blicken, ohne über des Bruders Thun schamrot zu werden!
„Er klopfte gestern in später Abendstunde an unsre Thür,“ begann Eva wieder, nachdem sie der andern Zeit gelassen, den ersten, tödlichen Schrecken zu überwinden; „ich erkannte ihn zuerst gar nicht, so elend und hager, so vergrämt sieht er aus. Er schwankte noch, ob er sich einem der Seinigen entdecken sollte, aber er ist ganz ohne Mittel, und wir sind nicht reich genug, um ihm allein zu helfen. Wollt Ihr ihn sehen, Jungfer Margarete, oder soll er ohne Euren Beistand sein Heil in der Welt versuchen?“
Lange blieb das Mädchen regungslos in der vorigen Stellung sitzen; endlich erhob sie sich mit festem Entschluß, wenn auch mit totenbleichen Wangen. „Ich will ihn sprechen,“ sagte sie, „er selbst soll mir sagen, warum er uns das gethan hat.“
Sie warf einen dunklen Mantel um und verließ mit zitternden Schritten das Haus; auf der Schwelle des Fiedlerhäuschens blieb sie noch einmal zaudernd stehen, dann raffte sie ihren Mut zusammen und trat ein. Meister Andreas saß allein in seinem Stuhl; er streckte ihr die Hände entgegen und sagte, als er ihr finstres Gesicht, mit den fest zusammengepreßten Lippen sah, im Tone der Bitte: „Scheltet ihn nicht, Margarete, er hat Unsägliches erduldet und könnte Euren Zorn nicht ertragen.“