Das Eis war plötzlich durchbrochen, unaufhaltsam strömte die Flut dessen, was beider Herzen bewegte, herüber und hinüber. Lächelnd sah Meister Andreas sich gänzlich bei Seite geschoben, aber er war darüber nicht erzürnt, sondern beschäftigte sich eifrig mit seinem Holzstock, um den Erguß nicht zu stören. Erst, als draußen die Turmuhr die vierte Nachmittagsstunde verkündigte, sprang Ulrich auf. „Verzeiht, wenn ich Euch verlassen muß,“ sagte er hastig; „ich vergaß meine dringenden Geschäfte. Darf ich abends bei Euch einsprechen, liebe Margarete?“

„Ihr werdet uns allen herzlich willkommen sein, und ich hoffe Ihr seid zu Nacht unser Gast, wie in alter Zeit. Die Mutter wird sich freuen, Euch zu sehen.“

„Auf Wiedersehen!“ sagte er warm und drückte ihre Hände, die sie jetzt nicht mehr zurückzog. Im innersten Herzen froh und glücklich ging Margarete nach Hause.

Seit langer Zeit hatte man im Ebnerschen Familienkreise keinen so angenehmen Abend verlebt; es war fast, als sei ein lieber Sohn ins Elternhaus zurückgekehrt, so teilnehmend fragte jeder nach Ulrichs Erlebnissen, so bestrebt waren alle, ihm von dem zu berichten, was sich inzwischen zugetragen. Selbst der Hausherr betrachtete den ehemaligen Freund seines Sohnes mit wohlwollendem Blick und hörte seinen Erzählungen mit offenbarem Anteil zu. Nur an Bertholds und Irmgards Schicksal wagte keiner zu rühren, es waren zu wunde Punkte für beide Teile, um sie anders, als unter vier Augen zu besprechen. Dagegen kam die Rede auf die Rotenhahns, und Ulrich sprach seinen tiefen Unwillen dagegen aus, in nahen, verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Manne zu stehen, welcher seine ritterliche Ehre so gering achte und seinen adligen Namen so unheilbar beflecke.

Über Herrn Wilibalds Gesicht flog ein spöttischer Ausdruck. „Mit dieser Ansicht dürftet Ihr unter Euren adligen Genossen sehr allein stehen, Herr von Maltheim; die wenigsten werden an so ritterlichem Gewerbe Anstoß nehmen; nur die ehrliche Arbeit ist in den Augen dieser hochgebornen Herren eine Schmach.“

„Ich kann Euren harten Worten nicht widersprechen, Herr Ratsherr,“ versetzte Ulrich trübe, „unsre Moral ist arg herabgekommen, doch giebt es auch noch Andersdenkende unter uns, und ich vertraue darauf, daß auch für unsern Stand einmal die Erneuerung kommen wird, die so vielem in der Welt dringend notthut.“

„Doch würde ich Euch raten, Euch damit zu beeilen,“ meinte Lorenz Tucher mit seinem überlegenen Lächeln, „sonst möchten Euch die Städter vollends überflügeln. Nach meiner Meinung gehört die Zukunft nicht dem Ritter, sondern dem Bürger.“

Hier suchten die Frauen dem Gespräch mit klugen Worten eine andre Wendung zu geben, denn so weitherzig und vorurteilsfrei Ulrich sich auch zeigte, so mußten solche Reden ihn doch verletzen. —

Mit dunkel umwölkter Stirn kam wenige Tage später Herr Wilibald aus der Ratssitzung nach Hause. „Die Wölfe werden immer unverschämter,“ sagte er zu seiner Gattin, „sie schwärmen schon in Rudeln bis dicht an die Thore der Stadt. Es wird Zeit, sie in ihren Höhlen aufzusuchen und ihre Nester auszuräuchern — — wir haben heute den Beschluß gefaßt, dem Bunde die Fehde anzusagen.“

Frau Ursula erschrak. Fehde! das Wort hatte einen bittern Klang. Es bedeutete Mord, Brand und Plünderung, bedeutete das Elend vieler kleinen Leute in den offnen Ortschaften, große Verluste für die Städter, vielleicht eine Zeit der Einschließung. Mutter und Töchter saßen in der Dämmerstunde bei einander und sprachen über diese traurigen Aussichten, als eine Magd meldete, daß eine fremde Frau Jungfer Margarete zu sprechen begehre. Die Gerufene verließ das Zimmer und erkannte mit Erstaunen Frau Eva Fiedlerin, die noch nie zuvor das Haus betreten hatte. „Was führt Euch her, Mutter Eva?“ rief das Mädchen ihr freundlich entgegen, „kann ich Euch in irgend einer Sache helfen?“