„Ähnliches habe auch ich empfunden, als ich das Welschland durchwanderte,“ sagte Meister Andreas nachdenklich. „So überreiche Nahrung auch den Sinnen zuteil wird — in meinem Innersten fing ich an zu darben, und erst, als ich in eine deutsche Kirche trat, ward mir wieder heimisch und wohl zu Mut. Aber auch bei uns liegt vieles im argen, manche Dinge fordern dringend eine Erneuerung, und die Besten schauen sehnsüchtig nach dem aus, der unsre teure Kirche von allen Schlacken reinigen soll. Und der Schwan wird kommen — sicherlich! doch die hundert Jahre sind noch nicht um, und ich werde es nicht mehr erleben, daß die Weissagung sich erfüllt.“
„Wie meint Ihr das, Vater?“ fragte Ulrich.
„Es sind nun bald siebzig Jahre her,“ erzählte der Alte, „und ich war noch ein Knabe, als ich meine Eltern nach Kostnitz begleitete, wo Kaiser Sigismund ein großes Konzil zusammenberufen hatte, um über Abstellung vieler Schäden in der Kirche zu beraten. So jung ich war, so hat sich jene Zeit meinem Gedächtnis doch unvergeßlich eingeprägt, und über vieles, was damals unverstanden an mein Kinderohr schlug, ist mir später das Verständnis aufgegangen. Wenn wir auf der Straße gingen, wies man uns fortwährend kirchliche und weltliche Würdenträger, denn alles, was Europa an geistlichen und gelehrten Größen, an hohen Staatsmännern besaß, war dort zusammengeströmt. Einen Mann aber gab es unter den fremden Gästen, der aller Augen auf sich zog, ob ihn gleich weder die Tiara, noch der Fürstenmantel schmückte, und er in keinem Palast wohnte. Das war Johann Huß, der furchtlose Böhme, dessen Name seitdem freilich durch falsche Anhänger einen blutigen Ruhm erworben hat, der aber damals nur eine reinere Lehre auf Grund des ewigen Gotteswortes predigte und unter kaiserlichem Geleit nach Kostnitz gekommen war, um seinen Glauben zu verteidigen. Seine schlichte Güte, seine überzeugende Wahrhaftigkeit gewannen ihm die Herzen; wenn er sein Haus verließ, grüßten ihn die Bürger freundlich, und wir Kinder hingen uns an seine Hände und lauschten seiner milden Rede. Mein Vater schloß sich mit Hingebung an Huß an, ließ sich mit seinen Freunden von ihm belehren und pries ihn als einen wahren Christen. Eines Tages aber ging ein Schreckensschrei durch unsere Reihen; man hatte Vater Huß der Ketzerei angeklagt und eingekerkert, — nicht lange danach ward er zum Feuertode verurteilt. Ehe er seine reine Seele aushauchte, rief er laut aus: ‚Heute braten sie eine Gans, aber über hundert Jahre wird ein Schwan kommen, den werden sie nicht verbrennen! Das Wort blieb der Trost der Unsrigen, darauf hoffen und warten wir geduldig, bis es Gott gefällt, die Zeit zu erfüllen.‘“
Mit gespannter Teilnahme hatte Ulrich zugehört. „Vielleicht, mein Vater, ist der Schwan der Prophezeiung schon erschienen!“ rief er mit leuchtenden Augen. „In Florenz hörte ich einen Dominikaner-Mönch — etwas Ähnliches habe ich nie vernommen, denn er predigte gewaltig und nicht wie die andern. In tief einschneidenden Worten wies er auf die Gebrechen der Kirche hin und forderte jeden Einzelnen auf, Hand anzulegen, daß sie gebessert würden. Das könne nur durch wahre Herzensbuße und eifriges, einmütiges Gebet geschehen, damit, wie einst in der Urzeit der Kirche, Fluten des Geistes herniederströmten und ein neues Leben schüfen. So erschütternd war Savanarolas Rede, daß keiner in der großen Versammlung ungerührt blieb; Frauen sanken laut schluchzend auf die Kniee, Männer schlugen an ihre Brust und gelobten Reue und Besserung — — es war, als sei wieder ein Pfingstmorgen angebrochen, wie damals, als sich dreitausend an einem Tage taufen ließen. Könnte das nicht der Retter sein, dessen Ihr harrt?“
„Gott gebe, daß Ihr recht hättet, teurer Herr!“ sagte der alte Meister inbrünstig. „Und doch hatte ich immer gedacht, der Befreier sollte ein Deutscher sein und zuerst unser liebes deutsches Volk zum reinen Glauben erwecken! Aber wie Gott will — Er weiß am besten, was seiner Kirche notthut.“
Hingerissen hatte Margarete diesen Reden gelauscht; in diesem Augenblick hatte sie alles vergessen, was sich feindselig zwischen sie und den Jugendfreund gedrängt hatte. „So habt Ihr also doch gefunden, wonach Eure Seele verlangte, Ulrich?“ fragte sie mit der alten Wärme und Teilnahme; „ich fürchtete schon bei Eurer Schilderung von Rom, daß Euch Italien das nicht gehalten hätte, was es Euch versprach.“
Er wendete sich lebhaft zu ihr hin: „Ich habe dort viel gelernt und erfahren, aber ich habe auch eingesehen, daß Ihr recht hattet, Margarete, als Ihr mich vor dem Fluge des Ikarus warntet. Wie oft habe ich mit geknickten Flügeln am Boden gelegen, wenn mir im Widerstreit der Meinungen die reine Wahrheit zu entfliehen schien und ich schier verzweifelte, sie jemals zu erfassen! Dann habe ich an Euch gedacht, liebe Margarete; Ihr schient mir tröstend zuzuwinken und mich zu neuem Suchen zu ermutigen, und wenn ich im Streben und Forschen nicht müde wurde, so habe ich’s Euch zu danken.“
Sie sah ihn beglückt an und senkte dann das errötende Antlitz, wie eine Blume vor dem heißen Sonnenstrahl. „So habt Ihr wirklich meiner gedacht in all den langen Jahren Eurer Abwesenheit?“ flüsterte sie.
„Täglich, Margarete, und bei jeder neuen Erkenntnis, zu der ich hindurchdrang, freute ich mich auf die Zeit, da ich sie Euch würde mitteilen dürfen. Aber habt Ihr die alte Freundschaft auch so treu bewahrt?“
„Gewiß!“ sagte sie fest und sah ihn treuherzig an; „was hätte mir auch das Andenken an die glückliche Kindheit rauben sollen? Bin ich doch viel ärmer geworden, seit Ihr uns verließt, Ulrich, da ich Berthold und Irmgard hingeben mußte.“