Kehret der Wandrer zurück, der lang’ in der Ferne verweilte,
Fremd schaut alles ihn an, fremde erscheinet er selbst.
Mehrere Jahre waren vergangen, seit Junker Veit von Rotenhahn die Burg Hohenheiligen verlassen hatte; ungefährdet waren seitdem die Warenzüge auf jener Straße gefahren, und man hatte den gefürchteten Wegelagerer fast vergessen, oder man erinnerte sich seiner nur mit einem Gefühl der Genugthuung darüber, daß man des adligen Räubers Herr geworden war. Da geschah es eines Tages, daß einige Knechte schreiend und jammernd am Stadtthor erschienen, mit der Nachricht, sie wären plötzlich von einer Schar vermummter Reiter überfallen worden, als sie nichts ahnend durch den Reichswald zogen; man hätte die Mehrzahl der Begleiter gefesselt und nebst den Wagen unter lautem Hallo fortgeführt. Eine große Aufregung bemächtigte sich der Stadt; sollte Junker Veit die Frechheit besessen haben, zurückzukehren und sein räuberisches Handwerk von neuem aufzunehmen? — Die Überfälle mehrten sich, und jede Woche brachte neue Klagen; doch war die Sache diesmal viel besser geordnet, als früher; die Ritter vom Stegreif waren zahlreicher und besser bewaffnet, sie lauerten bald hier, bald da den Zügen auf und hatten verschiedene Schlupfwinkel, in denen sie mit ihrem Raube verschwanden. Die Erkundigungen, welche Herr Wilibald Ebner von seinem Vogt im Dorf Hohenheiligen einzog, führten zu der Erkenntnis, daß man es nicht allein mit dem von Rotenhahn, sondern mit einer ganzen Räuberbande zu thun habe, welche auf einer Anzahl fester Burgen in der Umgegend hause und sich zu Schutz und Trutz verbündet habe. Man bemerkte, daß jeder der Raubritter an der Satteldecke das Zeichen eines weißen Wolfes trage, und daß sie stets mit demselben Ruf auf ihre Beute einzudringen pflegten. „Die Wölfe kommen!“ das wurde bald der Schreckensschrei, mit welchem die reisenden Kaufleute ihre Bedeckung zur äußersten Wachsamkeit und zum mannhaften Widerstande aufriefen; dennoch blieben die Wölfe nur zu oft die Sieger im Streit. —
Ebenso groß wie in Nürnberg war der Schrecken auf Maltheim gewesen, als dort eines Tages Frau Walburg erschien und ihr väterliches Erbe in Anspruch nahm. Frau Kunigunde, die ganz allein war, wußte nicht, wie sie sich der Stieftochter erwehren sollte, deren Anmaßung durch keine Autorität mehr in Schranken gehalten wurde. Man solle ihr Dorf und Flur Hohenheiligen als Erbteil übergeben, so lautete ihr Begehr, Maltheim möge Ulrich behalten. Die Antwort, daß Hohenheiligen längst verkauft sei, versetzte sie in die bitterste Entrüstung, und mit rauhen Worten verlangte sie eine Summe, welche diesem Besitz entspräche, widrigenfalls sie sich an das kaiserliche Landgericht wenden werde, um ihr gutes Recht zu erlangen. Sie habe schlagende Beweise in Händen, daß Irmgard nicht des Ritters Kind gewesen sei, also auch keinen Anspruch an seine Hinterlassenschaft habe, und sie riete Frau Kunigunden, das alte Märchen nicht noch einmal vorzubringen.
Was sollte die Edelfrau thun? das bare Geld war immer ein knapper Artikel auf Maltheim gewesen, seit Herr Werner seine Tasche nicht mehr auf Kriegszügen durch Beute und Lösegeld gefüllt hatte; das Kaufgeld von Hohenheiligen hatte nur hingereicht, um Ulrichs Studienjahre zu sichern und Irmgards Brautschatz beim Eintritt in das Kloster zu erlegen. Schon lange lebte Frau Kunigunde aufs sparsamste, und ihr ganzes Streben war darauf gerichtet, Maltheim von den Schulden zu befreien, die darauf lasteten, um ihrem Sohne sein väterliches Erbe ohne Pfandlehen zu übergeben. An Walburg hatte sie nicht mehr gedacht; sie hoffte, Junker Veit und seine Familie würden nie wieder in die Heimat zurückkehren. Nur mit Mühe und durch mancherlei Opfer ließ sich die Stieftochter bewegen, sich bis zu Ulrichs Rückkehr zu gedulden.
Es war ein schmerzliches Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn: der Vater tot, die Schwester im Kloster, der alte Besitz gefährdet, überall Unsicherheit und Streit. Ulrich war inzwischen zum Manne gereift; er hatte Philosophie und altes Recht studiert und sich auf der Universität Ehren erworben, die sonst erst älteren Gelehrten zufielen, aber sein Sinn war auf das Ideale gerichtet geblieben und unter den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens wußte er nicht Bescheid. Er hatte sich daher bald nach seiner Rückkehr nach Nürnberg begeben, um sich Rats zu erholen und die alten Freunde zu begrüßen; beides war nicht nach seinen Wünschen ausgefallen. Die Rechtskundigen hatten sich Bedenkzeit ausgebeten, ehe sie sich in dieser Sache entscheiden könnten, und das Wiedersehen, auf das er sich am meisten gefreut, hatte ihm eine bittre Täuschung gebracht.
Eine Woche nach dem Sebaldusfeste machte er sich wieder auf den Weg nach der Stadt, um das Urteil sachverständiger Männer über die Teilung des väterlichen Erbes zu hören. Der ganze Zank um das Mein und Dein war seinem feinfühligen Sinn unendlich lästig; er hätte am liebsten Maltheim verkauft, den Erlös mit Walburg geteilt und wäre mit seiner Mutter fortgezogen in ein anderes Land, um ein neues Leben der Arbeit und des geistigen Strebens zu beginnen. Was fesselte ihn denn noch an die Heimat? überall stieß er auf wehmutsvolle Erinnerungen, auf traurige Veränderungen; die Enthüllungen über Irmgards Herkunft entrissen seinem Herzen die geliebte Schwester, — es schien ihm, als lägen die vier Jahre seiner Abwesenheit wie eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem Einst und dem Jetzt.
In der Stadt angekommen, fand er es noch zu früh, um zu dem berühmten Rechtsgelehrten, Herrn Pirkheimer, zu gehen, und er beschloß daher, erst bei Meister Andreas Fiedler vorzusprechen, dem er von seiner Knabenzeit her ein herzliches Andenken bewahrte. Manchmal hatte er mit Berthold und Margarete zu den Füßen des alten Mannes gesessen und seinen guten, frommen Worten gelauscht, die zwar mitunter ganz anders klangen, als die seines Lehrers, aber dennoch einen tiefen Eindruck auf sein Gemüt machten. Frau Eva begrüßte ihn mit herzlicher Freude und führte ihn in das Vorderzimmer, wo immer noch, wie vor Jahren, der Alte auf seinem Lehnstuhl am Fenster saß, zeichnend und schneidend. Vor ihm stand eine schlanke, jugendliche Frauengestalt, die dem Eintretenden den Rücken zukehrte. Bei dem freudigen Ausruf des Meisters wendete dieselbe sich schnell um — Margarete Ebnerin stand Ulrich gegenüber. Eine glühende Röte stieg in ihre Wangen, als sie ihn wiedersah; ihr erstes Gefühl trieb sie, auf ihn zuzueilen und ihm beide Hände zum Gruß zu reichen, aber bei einem Blick in sein ernstes Gesicht, auf seine förmliche Verneigung sanken ihre Arme schlaff herab, und sie wendete sich traurig ab.
Ulrich trat zu dem Alten und begrüßte ihn mit Herzlichkeit; er zog einen Schemel heran und begann lebhaft zu fragen und zu erzählen, ohne auf das Mädchen zu achten. Sie wollte aufstehen und fortgehen, aber sie konnte sich nicht rühren; wie gebannt blieb sie sitzen und betrachtete verstohlen die wohlbekannten Züge des schönen Gesichts, das durch die zunehmende Männlichkeit und das weiche Bärtchen auf der Oberlippe nichts von seinen edlen Linien verloren hatte. Aufmerksam lauschte sie dabei auf jedes seiner Worte.
„Ja, ich bin auch in Rom gewesen,“ erwiderte Ulrich jetzt auf eine Frage des Meisters, „und herrliche Wunder der Kunst haben sich dort meinem staunenden Blick gezeigt. Welche Kirchen! alles strahlt von Glanz und Farben, von allen Wänden grüßen uns die herrlichsten Gemälde, unser Ohr schwelgt in Wohllaut, die Pracht der Gottesdienste nimmt alle Sinne gefangen. Und doch hatte ich zuweilen das Gefühl, als ob in unserm ärmeren und kälteren Deutschland mehr Tiefe und Innigkeit des Glaubens zu finden sei, als in jenem gesegneten Lande voll Glut und Schönheit, wo alles nach außen drängt; als ob an den reichbesetzten Tafeln, wo man dem Auge und dem Ohr die auserlesensten Leckerbissen auftischt, das deutsche Gemüt hungrig und durstig bliebe.“