„Ihr seid eine Thörin, Magdalene,“ sagte die Volkamerin strenge, „hat Euch das Leben denn gar so weich gebettet, daß Ihr hartnäckig an Eurer gegenwärtigen Lage festhalten müßt? Mich dünkt, Ihr könntet froh sein, wenn Euch einer eine geachtete Stellung und ein wohl eingerichtetes Haus anböte, worin Ihr als Herrin walten könntet, statt daß Ihr jetzt nur jedermanns gehorsame Dienerin seid.“

„Laßt mir die Base in Frieden,“ fiel Frau Ursula ein, indem sie liebevoll den Arm um die Gescholtene legte, „wir alle haben sie herzlich lieb, und unsre Kinder könnten die Muhme Lehne schlecht entbehren.“

Magdalene drückte dankbar die Hand der Ebnerin und war froh, als die Aufmerksamkeit der Frauen sich wieder auf die Vorgänge draußen richtete. Die Kinder jauchzten laut auf, als jetzt ein lustiger Zug um die Ecke bog, voran ein Pickelhering, der auf einem Esel ritt und eine mächtige Narrenfahne schwang. Seine Kleidung schillerte in allen Farben des Regenbogens; die Eselsohren auf der hohen Mütze, die dicke Nase, der flatternde Spitzbart sahen gar lächerlich aus, und die Glöckchen, die ihm an Ohren, Gürtel, Ellenbogen und Schnabelschuhen befestigt waren und bei jedem Schritt seines Reittieres einen hellen Ton gaben, erhöhten noch den drolligen Eindruck. Ihm folgte auf einem niedrigen Wagen der Fasching selbst, eine Gestalt von unförmlicher Dicke, umkränzt von Würsten, Schincken und Kürbisflaschen; hinterdrein wurde auf einem Thronsessel sein Weib, die prächtig geputzte Fastnacht getragen, welche aus einem riesigen Korbe Brezeln und Wecken unter das jubilierende Volk streute. Ein lustiges Gesindel von Narren und Masken umschwärmte den Zug; sie schlugen Purzelbäume, ließen ihre Schellen klingen, rasselten mit den Trommeln, bliesen auf Trompeten und Schalmeien, — kurz, sie trieben jede Art von ausgelassenen Scherzen, und in diesen betäubenden Lärm mischte sich das Jauchzen und Lachen der zuschauenden Kinder.

„Wo steckt denn Euer Berthold, Ursula?“ fragte die Hallerin, „hat Euer Gatte ihn mit sich auf die Straße genommen?“

„Mein Gatte? wo denkt Ihr hin!“ versetzte die Ebnerin achselzuckend, „der sitzt in seinem Schreibgemach, wohin von dem ganzen Treiben auch nicht ein Laut dringt. Ich schickte Berthold, auf seine Bitte, unter der Obhut eines Dieners hinaus; ein junges Herz will doch auch seinen Teil an der allgemeinen Lustigkeit haben.“

„Fast wundre ich mich, daß Euer gestrenger Herr es ihm gestattet hat,“ bemerkte die Volkamerin.

„Er hat es nicht verboten,“ versetzte Frau Ursula kurz und wendete das Gespräch auf etwas anderes. Ihr war nicht ganz wohl zu Mut, denn sie hatte die Erlaubnis ihres Eheherrn nicht eingeholt und sah nun schon seit einer Weile unruhig nach Berthold aus. Wenn in der aufgeregten Menge dem Knaben ein Leid zustieße! wenn er nicht zu rechter Zeit zurückkehrte! sie wußte, daß der Hausherr dann unmutig die Stirn runzeln und strenge Worte sprechen würde, und sie fürchtete die Zeichen seines Unwillens noch mehr für ihren Sohn, als für sich selbst.

Wie würde sie gezittert haben, hätten ihre Blicke ein paar Straßen weiter gereicht! Da war ein Bäuerlein, das auch an dem Faschingsjubel seinen Teil haben wollte und dabei dem starken Nürnberger Biere mehr als billig zugesprochen hatte; unsicher schwankte es durch die belebten Gassen, und seine kleine Begleiterin hatte Mühe, seine Schritte zu lenken und ihn vor unliebsamen Zusammenstößen zu bewahren. Mit gütlichem Zureden und sanften Stößen hatte sie ihn endlich in ein stilleres Gäßchen gedrängt, wo sie hoffen konnte, ungefährdet das Thor zu erreichen, als plötzlich eine Rotte vermummter Buben den beiden mit lautem Geschrei entgegenkam. Im Augenblick waren sie umringt; die tolle Schar ließ ihren Übermut an dem halbberauschten Bauer aus, indem sie ihn von rechts und links zupfte und stieß, und seine taumelnden Versuche, sich seiner Peiniger zu erwehren, mit Hohngelächter begleitete. Vergebens versuchte das Mädchen, dem Vater beizustehn, ein großer Bursche drängte sie fort, riß ihr den Korb vom Arm und stürzte ihn um, so daß sein Inhalt auf die Straße kollerte. „O meine Wecken!“ rief die Kleine jammernd, „ich wollte sie den Geschwistern mitbringen, sie haben noch nie Weizengebacknes gegessen!“

„Die kleinen Dorfteufel mögen sich mit Haferbrot begnügen!“ schrie der Bursche lachend, „die Wecken sind viel zu gut für das lumpige Gesindel, die gebühren den Stadtkindern.“ Er wollte das Mädchen festhalten, doch traf ihn unvermutet der Schlag einer Narrenpritsche ins Gesicht, so daß er den Arm fahren ließ und sich dem Gegner zuwandte. Ein maskierter Knabe, viel kleiner und schlanker als er selbst, stand vor ihm.

„Laß los!“ rief er dem Großen herrisch zu, „und du, kleine Dirne, lies deine Wecken auf und mach’, daß du fortkommst, ich will dein Beschützer sein.“