„Ich glaube wohl; es giebt nur den einen des Namens hier in Nürnberg.“

„Sonderbar!“ sagte der Alte, indem er nachdenklich das graue Haupt hin- und herwiegte, „des Wilibalds Sohn in unserm Hause!“ Und die beiden alten Leute versanken in tiefes Sinnen, in das sich mancherlei schmerzliche Erinnerungen zu flechten schienen, denn die Frau fuhr ein paarmal mit dem Zipfel der Schürze über die Augen, und über dem freundlichen Gesicht des Mannes lag ein trüber Schatten.

Inzwischen war Just, der Diener, welcher Berthold begleiten sollte, in tausend Ängsten durch die Straßen geirrt, um seinen jungen Herrn zu suchen. Er war, wie er sich selbst zur Beruhigung sagte, nur für einen einzigen Augenblick in eine Schenke getreten, um ein Maß Bier hinabzustürzen, denn er fühlte sich schier verschmachtet vom langen Umherlaufen, Gaffen und Lachen. Nun fuhr er auf jeden verlarvten Knaben zu, um seinen Junker zu entdecken, aber er fand ihn nicht, und vergebens gelobte er seinem Schutzpatron eine immer längere Reihe von Gebeten, sogar eine Kerze für seinen Altar, wenn er ihm den Ausreißer wieder in die Arme führe. Schon fing es an zu dämmern, und er konnte sich denken, mit welcher Ungeduld die Frau Ratsherrin den Sohn erwarten würde. Sie war zwar immer sanft und mild, aber diesmal war die Sache doch zu ernst, und mit dem gestrengen Herrn war ohnehin nicht zu scherzen, der fuhr immer gleich mit erschrecklichem Ernst darein, obgleich er wenig Worte dabei machte. Als Just angstvoll nach Hause schlich und vom Thorweg aus noch einmal seine suchenden Blicke umherschickte, sah er eine kleine Gestalt auf sich zukommen, ohne Kappe und mit wirrem Haar, das zierliche Narrenkleid zerrissen und beschmutzt. Just stürzte auf den Knaben zu und hob ihn jubelnd in die Höhe.

„Heiliger Sebaldus, sei tausendmal bedankt!“ rief er, „da ist mein Junkerlein heil und gesund! Aber wo habt Ihr Euch umhergetrieben und wie habt Ihr Euch zugerichtet? kann man auch nicht ein kurzes Augenblickchen die Augen von Euch abwenden, ohne daß Ihr die größten Dummheiten macht?“

„Ich erzähle es dir ein andermal,“ sagte Berthold gähnend und reckte die Arme, als ob alle Glieder ihn schmerzten; „jetzt bin ich zu müde.“

Auf dem Vorsaal empfing ihn Muhme Lene. „Den Heiligen sei Dank, daß du da bist,“ sagte sie inbrünstig, „deine Mutter hat sich sehr um dich gesorgt.“

„Und der Herr Vater?“

„Der hat deine Abwesenheit noch gar nicht bemerkt.“

„Dann ist’s gut,“ sagte Berthold beruhigt, „die Herzmutter wird nicht so arg zürnen, wenn sie hört, wie es mir ergangen ist.“ —

Am folgenden Tage beleuchtete die Sonne ein ganz andres Bild in den Straßen der freien Reichsstadt. Verstummt waren Lachen, Lust und Scherz, spurlos verschwunden die bunten Gestalten, die darin ihr tolles Spiel getrieben. Ein dumpfes Schweigen schien auf allen Häusern zu lasten, bis ernst und feierlich die Glocken von St. Sebald, St. Lorenz und all den andern Kirchen zu läuten begannen. In einzelnen Gruppen, die kaum miteinander flüsterten, in dunklen Gewändern und mit ernsten Gesichtern, wandelten die Bürger mit Weib und Kind zu den Gotteshäusern und warfen sich vor den verhüllten Altären auf die Kniee. Die Orgel schwieg, nur hin und wieder unterbrach ein eintönig gesungener Bußpsalm die drückende Stille. Dann erschien der Priester, mahnte in strengen Worten zur Buße und Einkehr, zu Gebet und Kreuzigung des Fleisches und streute die geweihte Asche auf die Häupter der Betenden. — Auf den Fastnachtsjubel war der Aschermittwoch gefolgt, welcher die lange, ernste Fastenzeit einleitete.