Auch im Ebnerschen Hause herrschte volle Aschermittwochsstimmung. Just war in die tiefste Ungnade gefallen; trübselig saß er in seiner Kammer und murmelte die gelobten Gebete, die ihm sehr sauer wurden. Auch Berthold wäre der Strafe für sein spätes Ausbleiben nicht entgangen, hätte er sich nicht als Andenken an seine Rauferei ein Dutzend brauner und blauer Flecke heimgebracht, bei deren Anblick die Strenge der Mutter in weiches Mitleid zerschmolz. Und als er ihr erzählte, daß er die Schläge bei der Verteidigung eines wehrlosen Mädchens erhalten habe, da konnte sie vollends nicht mehr zürnen, sondern belohnte den ritterlichen Kämpen mit Kuß und Lobspruch. — —

Die Fastenzeit ging zu Ende; ihre ernste Bedeutung mußte sich selbst einem stumpfen Gemüt durch die tägliche Entbehrung gewohnter Genüsse einprägen. Nun rüstete sich alles, um das Osterfest mit Freuden zu begehen, und in allen Häusern der Stadt gab es ein eifriges Waschen und Scheuern, Putzen und Schmücken, Backen und Braten. Die letzten Nachwehen des Winters waren überwunden, überall drängten sich Knospen ans Licht, blühten die Veilchen, zwitscherten die Vögel — Natur und Menschheit waren in gleicher Weise bereit, ein Auferstehungsfest zu feiern. Die Ostersonne ging in blendendem Glanze über der Reichsstadt auf, von allen Türmen läuteten die Glocken, geputzte Menschen zogen scharenweise, mit Gebetbüchern und frischen Sträußchen in den Händen, den Kirchen zu, und wo sich Bekannte trafen, da grüßten sie sich mit dem uralten, freudigen Ostergruß: „der Herr ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Überall sah man glückliche Gesichter, hörte man frohe Stimmen, und am Nachmittage tummelten sich unzählige Gruppen von Spaziergängern vor den Thoren und auf der Hallerwiese, deren kunstreich angepflanzte Strauchpartieen im ersten, grünen Hauch des Frühlings prangten.

Der zweite Feiertag brachte nach herkömmlicher Weise das Osterspiel, das auf dem großen Platz hinter der Johanniskirche, vor dem Tiergärtner Thor, zu Nutz und Frommen der Bevölkerung von der Geistlichkeit aufgeführt wurde. Da drängte sich alles hinzu, Große und Kleine, Hohe und Geringe; nur wenige Häupter der alten, städtischen Geschlechter, unter ihnen Herr Wilibald Ebner, dünkten sich zu vornehm, um sich mit ihren Frauen unter die Volksmenge zu mischen. So war denn Muhme Lene allein mit Berthold hingegangen, um das Spiel anzusehn, das in seinen Hauptzügen alt und feststehend war, aber in jedem Jahr durch neue Zuthaten erweitert und verschönert wurde.

Ein riesiges Brettergerüst stellte die Bühne dar, denn dieselbe mußte drei übereinander liegende Schauplätze umfassen, Himmel, Erde und Hölle. Zuerst öffnete sich der Himmel: Gott Vater sitzt auf einem Thron, von Engelscharen umgeben, zu seiner Seite halten die Erzengel Michael und Gabriel die Wacht. In vollstimmigem Chor singen die Himmlischen das Lob Gottes des Schöpfers und seines Sohnes, welcher gerade auf Erden weilt, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Da tritt Satanas ein; scheu und verlegen senkt er den Blick vor der göttlichen Glorie; er bekennt, daß er sich vergebens bemüht habe, den Gottessohn in Versuchung zu führen, daß jener ihn aber dreimal siegreich aus dem Felde geschlagen habe, — und von neuem brechen die Engel in den Lobgesang zu Ehren Christi aus. Aber der Satan ist noch nicht von seiner unantastbaren Heiligkeit überzeugt; der Menschenleib, meinte er, müsse dem Teufel irgend eine schwache Stelle darbieten. Gott Vater gestattet ihm, den Sohn aufs neue zu versuchen, ja, ihn zu martern und zu töten, und froh der gewordenen Erlaubnis geht der Böse von dannen.

Jetzt öffnet sich der mittlere Schauplatz, man sieht Christus, auf einem Esel reitend, seinen Einzug in Jerusalem halten, jubelndes Volk ringsum, das ihm die Kleider auf den Weg breitet und Palmen streut. Die Jünger triumphieren über des Meisters Verherrlichung, nur Judas schaut düster darein. Er bleibt allein zurück, und Satan flüstert ihm den Gedanken des Verrats ins Ohr. Die nächste Scene zeigt Judas vor dem hohen Rat, mit der Frage: was wollt Ihr mir geben, ich will ihn Euch verraten. Es folgt eine Verhandlung voll derber Komik, ein Feilschen und Handeln ohne Ende, denn selbst in ernster Darstellung verlangt der Sinn des Volkes Stoff zum Lachen, und Judas ist gewissermaßen die komische Person in diesem tragischen Spiel. Die Einsetzung des heiligen Abendmahls, Christi Seelenkampf in Gethsemane, Judas’ Verrat und die Gefangennehmung des Heilandes, sein Verhör und seine Verurteilung durch Pilatus — das alles entrollt sich in kurzen, erschütternden Bildern vor den Augen der Menge, die bald in andächtigem Schweigen lauscht, bald in lautes Gelächter, bald in Schluchzen und Thränen ausbricht.

Als der Vorhang von neuem aufgeht, sieht man die drei Kreuze aufgerichtet. Die Getreuen umstehen den sterbenden Erlöser, die Trauer der Maria bricht in ergreifender Klage aus: „O weh der Leiden, der Tod will uns scheiden; Tod, nimm uns beide, daß er nicht allein zum Jammer von mir scheide. Herzenskind, deine Augen sind dir so gar verblichen, deine Macht und Kraft ist dir so gar entwichen! O weh, was soll ich armes Weib, seit ich dich, liebes Kind mein, leiden sah so große Pein; des sticht mich zu dieser Stund’ ein Schwert durch meines Herzens Grund. Ach liebes Kind, sprich doch ein Wort, daß ich deine Mutter bin! weh mir, er kann nicht, er ist dahin!“ Johannes will die Weinende von der Stätte des Jammers fortführen, aber kaum ist sie entfernt, so ertönt vom Kreuz herab der erschütternde Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und mit dem Aufschrei: „O weh, ich hörte einen Ruf, das war mein Kind Jesus, das in seinen Ängsten rief!“ eilt Maria zurück, um auszuharren, bis mit dem Wort: „Es ist vollbracht!“ die Marter Christi ihr Ende erreicht hat. —

Es folgt eine längere Pause, denn man hat stundenlang gesehen und zugehört und die heftigsten Gemütsbewegungen durchgemacht. Der Leib macht seine Rechte geltend, man will essen und trinken, ehe man mehr von der gewaltigen Geschichte in sich aufnimmt, aber keiner denkt daran, den Platz zu verlassen, ehe das letzte Wort gesprochen ist.

Die nächste Scene spielt in der Hölle, die als ein groteskes Zerrbild des Himmels erscheint. Satan sitzt in abschreckender Majestät auf seinem Thron, seine Scharen um ihn her, deren komische Geberden und derbe Späße mächtig auf das Zwerchfell der Zuschauer wirken. Der Böse triumphiert, daß er durch seine Künste zwei Jünger zu Verrat und Verleugnung verführt, den Sohn Gottes dem Tode überliefert und das Werk der Erlösung vereitelt habe. Ein Haufe kleiner Teufelchen schleppt den Judas herein, der in der Verzweiflung seinem Leben ein Ende gemacht hat. Mit spöttischer Höflichkeit steigt Satan von seinem Throne und bietet ihn dem Verräter an, der durch seine unerhörte Bosheit selbst ihn übertroffen habe; dann aber giebt er den Seinen den Befehl, den Unseligen zu martern und zu peinigen, und vor den Augen der Zuschauer wird er in das ewige Feuer geworfen.

Wieder öffnet sich der mittlere Schauplatz, die Auferstehung stellt sich den Blicken dar. Als Christus im leuchtend weißen Gewande den Seinen erscheint, als die Jünger auf der Bühne den Lobgesang ertönen lassen, da ergreift es die Menge mächtig, und wie aus einem Munde stimmt sie ein in den Ostergesang:

„Christ ist erstanden