Von der Marter alle.
Des sollen wir alle froh sein,
Christe soll unser Trost sein.
Kyrie eleison!“
Den Schluß bildet die Himmelfahrt, Christus nimmt von den Seinen Abschied und verschwindet vor ihren Augen; zu gleicher Zeit thut sich oben der Himmel auf, wo die Engelscharen den verklärten Überwinder mit Jauchzen und Preisen empfangen. Gott Vater eilt ihm entgegen und führt ihn zu seinem Thron, wo er zu seiner Rechten Platz nimmt. Satan wird hereingeführt; er sieht mit Entsetzen, daß all seine Anschläge zunichte gemacht sind, bekennt sich als vollständig überwunden und stürzt mit teuflischem Geheul von dannen. Ein Engelchor zum Preise Gottes und seines Sohnes schließt das Spiel. —
Eine Weile verharrten die Zuschauer in andächtigem Schweigen, tief ergriffen von allem, was sie mit erlebt; dann aber begann ein Summen vieler Stimmen, ein Scharren unzähliger Füße, und in dichten Wogen drängte die Menge aus den engen Sitzreihen ins Freie. Magdalene hielt Berthold fest an der Hand, um ihn nicht zu verlieren; plötzlich sahen sie vor sich eine alte Frau stolpern und zu Boden fallen. Von gleichem Eifer getrieben, sprangen beide hinzu und halfen ihr aufstehen; Magdalene schob ihren Arm in den der Alten, Berthold lehnte sich fest an ihre andere Seite, und so führten sie dieselbe bis auf einen etwas freieren Raum, wo sie sich hinsetzen und erholen konnte. „Es ist die gute Alte, die mich zur Fastnacht so liebreich aufgenommen!“ rief Berthold mit Erstaunen, „wie schön, Mutter, daß ich Euch hier wiederfinde; ich hatte Euch wahrhaftig ganz vergessen!“
„Ihr habt es heute wett gemacht, Junker,“ versetzte die Frau, „mich freut’s daß Ihr mich wenigstens erkannt habt. Und ist dies Eure werte Frau Mutter, die Gattin des Herrn Wilibald Ebner?“
„O nein, nein,“ rief der Knabe laut lachend, „das ist nur die Muhme Lene; mein Mütterchen ist um einen Kopf größer und viel schöner und vornehmer.“
Da die alte Frau noch zitterte und schwankte, erbot sich Magdalene, sie heimzugeleiten; alle drei erreichten unter freundlichem Plaudern das kleine Haus im Hundsgäßlein und traten zusammen ein. Das Stübchen bot einen anheimelnden Anblick dar; alles glänzte von Sauberkeit und Nettigkeit, am Fenster standen geweihte Palmen und Veilchen in Scherben mit frischem Wasser, und auf seinem Platz im Lehnstuhl saß der alte Mann, auf dem ehrwürdigen Kopf ein schwarzes Käppchen, unter dem sich die silbergrauen Locken hervordrängten, die gefalteten Hände müßig im Schoße; er mußte wohl guten Gedanken nachgehangen haben, denn auf seinen Zügen lag es wie ein Hauch von Verklärung.
„Ist dir die Zeit sehr lang geworden, mein alter Andreas?“ fragte die Frau in herzlichem Ton; „dem, der allein zu Hause sitzt, scheint sie immer länger, als dem, der draußen viel Schönes zu sehen und zu hören bekommt. Aber nun bringe ich dir auch liebe Gäste mit, die sich meiner aufs gütigste angenommen haben.“