Der Alte rückte grüßend sein Käppchen und streckte beiden die Hände entgegen. „Sieh da, unser kleiner Junker,“ sagte er herzlich, „seid willkommen, ehrsame Frau, und verzeiht, wenn ich Euch sitzend begrüßen muß, meine Füße gehorchen mir nicht mehr.“
„Wie traurig!“ sagte Magdalene voll Teilnahme, „seid Ihr schon lange so hilflos, Vater?“
„Seit vier Jahren schon muß meine Eva mein Stab und meine Stütze sein, — dem Herrn sei Dank, daß er mir solch ein treffliches Weib geschenkt hat! Seht, von unten bin ich zwar gelähmt, aber oben fehlt mir nichts, Kopf und Augen sind klar, die Hände zu aller Arbeit tüchtig, — das ist eine große Gnadengabe meines himmlischen Vaters.“
„Und womit beschäftigt Ihr Euch vom Morgen bis zum Abend?“
„Der Tag ist mir stets zu kurz für das, was ich schaffen möchte; ich zeichne Bilder, um die Bücher damit zu schmücken, und schneide sie in Holz.“
„So seid Ihr ein Künstler, Meister? wollt Ihr mich etwas von Euren Sachen sehen lassen?“
Er streckte den Arm aus und nahm vom Bord, der hinter ihm an der Wand hinlief, einen dicken Band. „Seht,“ sagte er mit wohlgefälligem Lächeln, „dies ist in schönem Druck die ganze Geschichte unsres Heilandes, die habe ich mit vielen Tafeln verziert.“
Neugierig blickte Magdalene in das Buch, sie verstand etwas vom Zeichnen, und ihre Neugier verwandelte sich bald in Staunen und Bewunderung, denn was sie sah, stand hoch über den gewöhnlichen Holzschnitten, mit denen man Gebetbücher und Heiligengeschichten zu verzieren pflegte. „Wie schön!“ rief sie aus, „wie lieblich ist die reine Magd Maria dargestellt, und wie leuchtet die Gottheit aus den Augen des Kindes! Und wie herrlich ist diese Tafel, welche die Anbetung der heiligen drei Könige zeigt!“
„Die ist nicht von mir entworfen,“ sagte der Alte, „sondern von einem lieben, jungen Freunde — wollte Gott, ich dürfte ihn noch einmal wiedersehn! Er hatte herrliche Gaben, der Adam Krafft!“
„Adam Krafft!“ rief Magdalene in höchster Überraschung aus, „Ihr kennt ihn? lebt er noch? wird er endlich zurückkehren? O sprecht, lieber Meister, — Ihr wißt nicht, was dieser Name in meinem Herzen für Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen weckt, eine ganze Welt von Freud und Leid!“