Der Alte sah sie fragend an, erstaunt über die plötzliche Heftigkeit, die gegen ihr sonstiges, stilles Wesen seltsam abstach. „Solltet Ihr die Magdalene sein, von der er einmal sprach?“ fragte er nachdenklich.
„So hat er von mir gesprochen? dachte er noch an mich? hat er mich lieb behalten?“ drängte Magdalene, indem ihr die hellen Thränen in die Augen traten, „o lieber Meister, erzählt mir alles ganz genau; seht, es sind bald zwanzig Jahre, seit er seine Vaterstadt verließ, und seitdem hat kein Sterbenswörtchen von ihm meine durstige Seele erquickt.“
„Ja, meine werte Jungfer,“ versetzte der alte Mann mit größter Freundlichkeit, „viel Neues kann ich Euch auch nicht erzählen. Laßt sehen, es sind wenigstens fünfzehn Jahre her, seit ich ihn da unten in Venedig traf, denn ich war noch ein rüstiger Mann in der Blüte meines Lebens. Viele schöne Stunden habe ich damals mit dem Adam verlebt, der ein gar trefflicher, froher Geselle war, und manch artiges Bildchen kann ich Euch zeigen, das er mir zum Andenken verehrt hat.“
„Heute ist’s zu spät,“ erwiderte Magdalene, indem sie sich zögernd erhob, „die Base Ebnerin würde sich ängstigen, wenn wir so lange ausblieben. Aber ich darf wiederkommen, Meister, nicht wahr? Ihr erzählt mir dann alles von meinem Adam und zeigt mir jeden Strich von seiner lieben Hand?“
„Gern, werte Jungfer, von Herzen gern. Meister Andreas Fiedler und seine Eva werden Euch stets willkommen heißen, wenn Ihr unser bescheidenes Häuschen für Euren Besuch nicht zu gering achtet.“
Von nun an verging selten eine Woche, in der Magdalene nicht bei dem alten Paar eingekehrt wäre, und kam sie anfangs nur, um von ihrem Adam zu hören und zu sprechen, so lernte sie bald die beiden so hochschätzen, daß sie gern um ihrer selbst willen wiederkam. Es herrschte solch ein seliger Friede in dem kleinen Hause, solche ungetrübte Eintracht und eine lautere Frömmigkeit, welche gleichwohl ein ganz andres Gepräge trug, als die der meisten andern Menschen. Nie führten sie einen der zahllosen Heiligen im Munde, in deren Anrufung und Verehrung damals fast die ganze Gottesfurcht der großen Menge bestand, und die oft in ein abgöttisches Wesen ausartete. Als Magdalene einmal eine Bemerkung darüber machte, erwiderte Meister Andreas lächelnd: „Wozu soll ich mich bei den Dienern aufhalten, die doch auch nur an der Thür meines Gottes stehen, während ich gradeswegs zu dem Herrn hereingehen darf, der die Freundlichkeit und Leutseligkeit selbst ist?“ Das gab dem Mädchen viel zu denken.
Auch Berthold, für den sonst Stillsitzen die schwerste Aufgabe war, ging gern einmal mit zu den alten Leuten; die vielen Bilder, die der Meister ihm zeigte, die schönen Geschichten, die er ihm dazu erzählte, fesselte seinen lebhaften, unruhigen Sinn, und er wußte seiner Mutter immer viel von dem kleinen Hause im Hundsgäßlein zu berichten. So kam der Name Meister Fiedlers auch vor die Ohren des Herrn Wilibald Ebner, der ein seltsames Gesicht dazu machte und zuerst geneigt schien, den Verkehr zu verbieten. Doch besann er sich eines besseren und ließ die Sache ungehindert ihren Weg gehen.
Viertes Kapitel.
Die Tochter des Herrn von Maltheim.
O Sankt Lorenz, wer führt die unliebsamen Gäste ins Haus mir?