Heiliger! brächtest du doch schleunig sie wieder hinaus!

Über der Burg Maltheim lag heller Frühlingssonnenschein, der die alten Mauern wunderbar verschönte und sich in den unzähligen, kleinen Scheiben auf der Südseite behaglich spiegelte. Zwitschernde Schwalben segelten mit weit ausgespannten, metallisch glänzenden Flügeln hin und her, mit Strohhalmen und kleinen Zweigen im Schnabel, um die Nester instandzusetzen, welche die Winterstürme arg zerzaust und beschädigt hatten. Zwischen allen Ritzen sproßten frische, grüne Triebe hervor, hier ein bescheidenes Blümchen, dort ein schlankes Bäumchen, das unsicher im leisen Frühlingswinde hin und her schwankte, da seine Wurzeln zwischen Mauersteinen und Felsspalten nur geringen Halt fanden. Der Wald, der in einiger Entfernung die Burg umgab, hatte sein zartestes Blätterkleid angelegt, wozu die dunklen Tannen eine wirksame Verbrämung bildeten, und aus dem Burggärtchen drang der würzige Duft blühender Obstbäume bis zu dem steinernen Altan hinauf, auf dem Herr Werner von Maltheim mit seiner Familie den lieblichen Tag genoß.

Der Ritter saß im bequemen Hauskleide in einem Lehnstuhl, dessen Behaglichkeit durch weiche Kissen und Decken noch erhöht worden war; sein rechtes Bein, das mit Binden und Tüchern wohl verwahrt war, ruhte lang ausgestreckt auf einem Schemel; neben ihm auf der steinernen Balustrade stand ein Deckelkrug, aus dem er hin und wieder einen mäßigen Schluck nahm. Der tapfere Herr sah lange nicht so rüstig und unternehmend aus, wie einige Wochen früher; die frische Röte seines Gesichts war ganz verblichen, und auf seiner Stirn hatten heftige Schmerzen ihre unverkennbaren Furchen gezogen. Es war ihm auch schlecht ergangen, denn er war wieder einmal seinem grimmigsten, unversöhnlichsten Feinde erlegen, der ihn aus tückischem Hinterhalt zu überfallen pflegte, wenn er am wenigsten an ihn dachte, und seine Tage bei Jagden und Waffenspielen, die halben Nächte bei frohem Becherklang durchschwärmt hatte. Das war die Gicht, die ihn dann überwältigte und in schwere Fesseln schlug, und gegen diesen Feind half keine Tapferkeit und kein Schwert, sondern nur Geduld und stilles Aushalten, im Verein mit den Tränkchen und Kräuterbädern seiner Hausfrau, die sich auf die Bereitung von Arzeneien trefflich verstand. Neben dem Ritter saß Frau Kunigunde mit einer Arbeit in den fleißigen Händen, und um die Eltern tummelten sich in heiterem Spiel Ulrich und Irmgard. Die Kleine hatte sich seit dem Winter erfreulich entwickelt, sie lief sicher umher, die dunklen Augen glänzten vor Vergnügen, die aschblonden Löckchen ringelten sich üppig um das zarte Gesicht, das immer noch eine auffallende Blässe zeigte. Zwischen den Geschwistern bestand eine zärtliche Liebe, welche Ulrich zum gehorsamen Diener des kleinen Fräuleins machte. Sobald seine Lehrstunden beendet waren, die Pater Benedikt mit großem Ernst abhielt, eilte er zu Irmgard und suchte sie in jeder Weise zu unterhalten; wenn aber einmal der gestrenge Lehrmeister den Unterricht über die Gebühr ausdehnte, so klopften ein paar weiche Händchen an die Thür der Bücherei, und der ungeduldige Ruf: „Ulli, Ulli!“ schallte im Gange wieder.

Eine Schwalbe hielt in ihrem Fluge still, duckte sich auf der steinernen Brustwehr nieder und schaute mit den klugen Äugelein die Kinder an. Irmgard lief jauchzend auf sie zu und streckte die Hände aus — im Nu war der Vogel verschwunden. „Greif ihn, Ulli,“ rief sie eifrig, „ich will ihn haben!“

„Viel verlangt, mein weißes Röslein,“ sagte er lachend, „gieb mir Flügel, um mich in die Luft zu heben, auf zwei Füßen holt man die Vögel nicht ein.“

„Greif ihn mir!“ bat sie dringender, und als er vor ihr niederkniete und ihr sagte, daß er zu ungeschickt dazu sei, faßte sie in seine blonden Locken und zauste so wacker darin, bis sie die Händchen voll goldener Fäden hatte. Er ließ es sich ohne einen Schmerzenslaut gefallen. „Ich will ein Netz aufstellen, kleine Herrin,“ sagte er begütigend, „morgen sollst du den Vogel haben.“

Mit behaglichem Lächeln hatte Herr Werner den beiden eine Weile zugesehen, jetzt versank er in ein tiefes Brüten. „Was sinnt Ihr, lieber Herr?“ fragte Frau Kunigunde nach längerer Pause, „Ihr seht nicht froh aus, schmerzt Euer Fuß Euch wieder?“

„Nein, das nicht,“ erwiderte er, „aber das lange Stillsitzen erzeugt allerlei schwere Gedanken. Wenn ich diese alte Burg ansehe, die nun bald vierhundert Jahre auf dieser Stelle steht, und in der eine lange Reihe von Maltheims aus- und eingegangen ist, so muß ich mich fragen, ob auch nach mir alles bleiben wird, wie es ist, und ob nach weiteren vierhundert Jahren noch eine Spur meines Geschlechtes übrig sein wird. Denn es ist eine böse Zeit angebrochen; vieles, was wir von den Vätern überkommen haben, fängt an zu wanken, und das Neue will mir nicht gefallen.“

„Aber es ist nicht immer so gewesen, lieber Herr? gerade diese Burg kann es Euch lehren, das jedes Geschlecht neue Bedürfnisse hat und seinem eignen Sinne folgt. Pater Benedikt hat mir erst kürzlich aus alten Chroniken bewiesen, daß fast jeder Inhaber den Bau in einzelnen Teilen umgestaltet hat, denn was dem Großvater noch ausreichend erschien, das war dem Enkel nicht mehr schön und bequem genug. Wenn jener Ritter von Maltheim und Buchenbühl, der den Ruhm seines Namens so herrlich leuchten ließ, heute wiederkehrte, glaubt Ihr, er fände nicht vieles anders, als er es verlassen hat; meint Ihr, er würde sich nicht wundern über die Ansprüche seiner Nachkommen, die ihre Fenster mit Glas verkleiden und das Feuer in Kachelöfen sperren, damit es besser wärme?“

„Pater Benedikt macht dich ja gewaltig klug, Gundel; ich muß wirklich Respekt vor die haben,“ meinte der Ritter mit gutmütigem Spott. „Ihr mögt auch wohl beide recht haben, — dennoch, wenn ich Ulrich ansehe, so weiß ich, daß er anders geartet ist, als ich oder mein Vater. Er gleicht mehr den Männern deiner Sippe, unter denen mancher geistliche Herr und Gelehrte war. Ja, wenn mein Friedrich noch lebte — der wäre wohl ein echter Maltheim geworden! Hat er doch, so jung er war, sein Leben im ritterlichen Kampfe eingebüßt.“