In Frau Kunigundens Seele stieg eine eifersüchtige Regung auf; sie liebte die Erinnerung an diesen Friedrich nicht, welcher ein Sohn aus des Ritters erster Ehe gewesen war. Erst nach seinem Tode hatte Herr Werner den zweiten Ehebund mit der bedeutend jüngeren Frau geschlossen, welche anfangs schwere Tage verlebt hatte. Denn sie fand eine erwachsene Tochter vor, die es gewohnt gewesen war, als Herrin auf der Burg zu gebieten, und die sich nur widerwillig der Stiefmutter beugte, welche wenig älter war als sie selbst. Es hatte sich zwischen den beiden Frauen kein freundliches Verhältnis herstellen wollen; beide hatten sich unglücklich gefühlt, und als der kecke Junker Veit von Rotenhahn um Fräulein Walburg geworben, hatte sie ihm freudig ihr Jawort gegeben, obgleich er nur ein heimatloser Abenteurer war, der nirgend ein Fleckchen Erde sein eigen nannte, sondern von einem Fürstenhof zum andern zog, um seine Dienste anzubieten. Der Ritter von Maltheim hatte zuerst die Ehe nicht zugeben wollen, aber die eigenwillige Tochter hatte ihm seine Zustimmung halb abgeschmeichelt, halb abgetrotzt; die Hochzeit ward gefeiert, und das junge Paar zog von dannen. Seit manchem Jahr hatte der Vater nichts von Walburg gehört, und Frau Kunigunde hoffte im stillen, die störrische Hausgenossin nie wiederzusehn.

„Komm her, Ulrich,“ sagte der Ritter, als Irmgard mit ihrer Wärterin verschwunden war, „ich hab mit dir zu reden. Hast du schon einmal ernstlich bedacht, Knabe, daß du der Erbe eines alten, herrlichen Namens bist, und daß es deine heilige Pflicht ist, dich deiner glorreichen Ahnen wert zu zeigen?“

Ulrich sah eine Weile sinnend vor sich hin, dann hob er den Blick mit tiefem Ernst empor.

„Kann man nur mit dem Schwert den Ruhm erwerben, Herr Vater? und giebt es für einen Edelmann nichts zu thun, als Schlachten zu schlagen?“

Der alte Ritter sah seinen Sohn ganz verblüfft an. „Wunderliche Frage!“ brummte er, „wie willst du dich denn auszeichnen, wenn nicht durch Tapferkeit, und wo willst du Ruhm erwerben, wenn nicht auf dem Schlachtfelde? Sieh doch die Reihe unserer Vorfahren an, haben sie nicht alle als Krieger und Helden geglänzt? Alle haben treu zu ihrem Kaiser gehalten und wacker auf seine Feinde — oder ihre eigenen — losgeschlagen; ich selbst habe im Gefolge meines tapfern Herrn, des Markgrafen, wohl hundert Fehden ausfechten helfen, und man hat mich deshalb oft das Schwert des Achilles genannt, — wo findest du ähnlichen Ruhm? Willst du ein Pfaffe werden und nach Inful und Krummstab, oder gar nach Sankt Peters Stuhl trachten?“

„Nein, Vater,“ versetzte Ulrich, „ein Priester möchte ich nicht werden, und eine Kutte will ich nicht tragen. Aber ich möchte etwas thun, um die Menschen besser und glücklicher zu machen, um die Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen und die Wehrlosen gegen die Gewalt der Mächtigen zu schützen. Pater Benedikt hat mir von den großen Universitäten zu Padua und Bologna erzählt, wo man lernen kann, was Recht und Unrecht ist; das möchte ich studieren und dann die Fürsten beraten, damit Mord, Brand und Fehde aufhöre, und aller Streit fortan friedlich geschlichtet werde.“

In sprachlosem Erstaunen hatte Herr Werner dem Knaben zugehört, der mit leuchtenden Augen vor ihm stand; dann brach er zornig los: „Also solche Hirngespinste setzt dir Pater Benedikt in den Kopf? Thörichtes Geschwätz von Friede und Gerechtigkeit — das Recht ist immer auf Seiten des Stärkeren gewesen und wird es bleiben, solange die Erde steht. Meinst du, der Krieg solle fortan mit Tinte und Feder geführt werden, statt mit klingenden Waffen und frischem Dreinschlagen? Heiliger Georg, bewahre mich vor solch einer faulen Welt! — ich will nichts mit ihr zu schaffen haben, und ich hoffe, es wird auch im Paradiese noch Feinde geben, denen ich mit meinem guten Schwert zu Leibe gehen kann. Es ist Zeit, daß ich dich von der Leitung des Pfaffen befreie, er hat schon zu sehr jeden ritterlichen Funken in dir erstickt — Heiliger Kilian! muß mein einziger Erbe an adliger Gesinnung hinter dem Sohne eines Krämers zurückstehen?“

Besänftigend legte Frau Kunigunde die Hand auf den Arm ihres Gatten. „Erzürnt Euch nicht so sehr über seine kindischen Gedanken,“ sagte sie bittend, „Ihr schadet Euch, lieber Herr. Ulrich ist ja noch so jung; in seinem Kopf spiegeln die Dinge sich anders, als in Eurem erfahrnen Blick, und er spricht wohl nur nach, was ihm der Pater vorgesagt hat. Laßt ihn nur verständiger werden, dann werdet ihr sicher Freude an ihm erleben.“

Des Ritters Gesicht zuckte in heftigem Schmerz. „Mein Fuß, mein Fuß!“ stöhnte er, „o wie das bohrt und mich peinigt, als säßen lauter boshafte Teufel darin! Geh mir aus den Augen, Knabe, deine abgeschmackten Reden haben mich krank gemacht!“ Er lehnte sich bleich und matt in seinen Stuhl zurück; schweigend verließ Ulrich den Altan.

Frau Kunigunde eilte ihrem Ehegemahl mit den gewohnten Linderungsmitteln zu Hilfe und blieb bei ihm, auch, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte, obgleich ihr Herz sie unbeschreiblich zu ihrem Knaben zog. Wie gern hätte sie ihn in ihre Arme genommen und getröstet, wie gern ihm ganz leise zugeflüstert, daß sie immer stolz auf ihn sein wolle, auch wenn er kein blutdürstiger Kriegsheld, sondern ein Apostel des Friedens und der Gerechtigkeit würde! Stammte sie doch selbst, wie ihr Gatte zuweilen mit einiger Geringschätzung hervorhob, aus einem friedliebenden Hause, das von jeher Kunst und Wissenschaft gepflegt hatte, warum sollte sie traurig sein, wenn ihr Sohn die besten Eigenschaften ihrer Sippe erbte? —