Walburgs Heimkehr.
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GRÖSSERES BILD
Von der Zugbrücke her erscholl jetzt Pferdegetrappel und Rollen von Rädern; bald darauf trat der alte Hausmeister aus der Halle. „Edler Herr, ich melde ehrenwerte Gäste: Junker Veit von Rotenhahn mit seiner Gemahlin und seinen Kindern wünscht Euch zu begrüßen.“
Frau Kunigunde legte die Hand aufs Herz, das plötzlich stillzustehen schien. Walburg hier? all ihr Glück und häusliches Behagen drohte mit einem Schlage in einen tiefen Abgrund zu versinken. Der Ritter richtete sich lebhaft auf. „Meine Tochter? hat der gütige Himmel sie wieder zurückgeführt? Geh, Daniel, und geleite sie zu mir, ich kann ihr ja nicht entgegengehn, — und du, liebes Weib, eile, die unverhofften Gäste willkommen zu heißen.“
Mühsam faßte die Hausfrau sich so weit, um zu thun, was ihr Gatte und ihre Pflicht geboten, aber schon standen die Ankömmlinge in der Halle, und ohne der Mutter zu achten, stürmte Walburg, an jeder Hand einen Knaben, an ihr vorüber. „Mein teurer Vater!“ rief sie, indem sie neben dem Sessel des alten Herrn auf die Kniee sank, „da bin ich wieder daheim! segnet Eure Tochter und Eure Enkel, die sich von Herzen gesehnt haben, Euer geliebtes Antlitz zu schauen und Eure Hände zu küssen!“
Herr Werner war sehr gerührt durch diese gefühlvolle Anrede, er umarmte Walburg und küßte die Knaben, zwei stämmige Burschen von acht und zehn Jahren, welche etwas verdutzt dreinschauten und sich bei dieser zärtlichen Scene offenbar sehr unbehaglich fühlten. Walburg überströmte den Vater mit einer Flut von Versicherungen, wie schmerzlich sie ihn all diese Jahre hindurch vermißt habe, wie glücklich sie sei, wieder als Kind im Vaterhause leben zu dürfen, wie traurig es sie mache, ihn so krank und hinfällig zu finden, wie sie aber alles aufbieten wolle, um ihn zu pflegen und zu erheitern.
Mittlerweile hatte Frau Kunigunde den Junker Veit begrüßt, dessen räuberartiges Aussehen ihr einen neuen Schrecken einflößte. Auf der übermäßig schlanken Gestalt saß ein Kopf, dessen wachsgelbes Gesicht mit den kleinen, unheimlich funkelnden Augen und dem rabenschwarzen Zwickelbart einen fast dämonischen Eindruck machte. Seine Kleidung war ritterlich, trug aber unverkennbare Spuren langen Gebrauchs: die Halskrause hing welk und matt über das arg verschossene, rote Samtwams herab, der kurze Mantel zeigte manchen Riß, der nur unvollkommen geflickt war, und die Federn des Baretts senkten sich, wie geknickte Blumen, traurig hernieder. Auch Frau Walburgs Anzug zeigte nur noch Überreste ehemaligen Glanzes; das Kleid war von kostbarem Stoff, aber stark abgetragen, und in der Pelzverbrämung ihres Überwurfs schienen die Motten manches ungestörte Fest gefeiert zu haben. Sie sah viel älter aus, als ihre Stiefmutter, und so holdselig sie jetzt auch lächelte, so waren doch in ihren Zügen die Spuren von Leidenschaft und Trübsal unschwer zu erkennen.
Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber waren, sagte Frau Kunigunde, sie wolle nun gehen, um den Reisenden Imbiß und Nachtlager zu bereiten, zuvor aber bat sie den Gatten, sich von ihr in die Halle führen zu lassen, damit die kühlere Luft ihm keinen Schaden thäte. „Geht nur an Eure Geschäfte, Frau Mutter,“ rief Walburg eifrig, „wir wollen für des geliebten Vaters Bequemlichkeit schon sorgen; es soll ihm sicher an nichts fehlen, nun ich wieder zu Hause bin.“ Der Ritter nickte ihr freundlich zu und nannte sie sein gutes, treues Kind; Frau Kunigunde aber ging mit einem bittern Gefühl von dannen. Kaum eine Stunde war Walburg im Hause, und schon suchte dieselbe sie aus ihren heiligsten Rechten und Pflichten zu verdrängen; durfte sie das dulden, mußte sie nicht vom ersten Augenblick an ihr gutes Recht als Gattin und Hausfrau verteidigen? Aber dann gab es Zank und Streit ohne Ende, vor dem ihr friedliebender Sinn zurückschreckte, — nein, lieber wollte sie eine Weile in der Stille dulden und jede Pflicht der Gastlichkeit erfüllen; vielleicht befreiten die Heiligen sie dann eher von den lästigen Gästen. Sie beugte einen Augenblick das Knie vor dem Muttergottesbild in ihrem Gemach, benetzte Stirn und Brust mit geweihtem Wasser und ging mit besserem Mut an ihre häuslichen Anordnungen.