Nach eingenommener Mahlzeit scharte die Familie sich um den Ofen, in dem ein tüchtiges Feuer angezündet worden war, denn so schön der Tag gewesen, so kühl wurde der Abend. Frau Kunigunde hatte vollkommen recht gehabt, wenn sie meinte, der berühmte Ahnherr des Hauses, Herr Diether von Maltheim und Buchenbühl, würde seine Burg sehr verändert finden, wenn er aus zweihundertjährigem Todesschlaf erwachen und sein Haus heimsuchen sollte. Die Halle war zwar in ihren Mauern dieselbe geblieben, aber die Einrichtung war viel wohnlicher geworden: statt der offnen Kamine erwärmte ein riesiger Kachelofen den weiten Raum, und die verglasten Fenster wehrten dem Winde, dem Schnee und Regen den Eingang. Um den langen Tisch in der Mitte sammelten sich auch jetzt noch, nach alter Sitte, Herrschaft und Gesinde zur Mahlzeit, danach aber verließ die Dienerschaft die Halle, welche nur der Familie und den Gästen zum Aufenthalt diente. Die Wände waren sauber getüncht und mit kunstreich zusammengestellten Waffen und Jagdtrophäen verziert, in hohen Schränken bewahrte man die kriegerische Ausrüstung für die Burgmannen. Auf einem breiten Kredenztisch mit hohen Borden glänzte manch schönes Stück kostbaren Gerätes, und die Bänke, welche sich um den Ofen an der Wand hinzogen, waren weich gepolstert und mit bunten Decken verhüllt. Auch sonst war im Laufe der Zeit manche Veränderung eingetreten: die Frauengemächer waren aus dem Nebenhause in das obere Stockwerk verlegt, breitere Treppen führten hinauf, zahlreichere Fenster sorgten für mehr Licht und Luft. Die Knechte waren in den Flügel verwiesen, der einst zur Kemenate gedient hatte, doch war eine bessere Verbindung der einzelnen Gebäude hergestellt, — kurz überall zeigten sich Spuren des Fortschritts, Anzeichen, daß die Menschen einen höheren Wert, als früher, auf ihre Heimstätte legten und bemüht waren, dieselbe mit größerer Behaglichkeit auszustatten.
Der Hausmeister hatte einen schweren Eichentisch nahe an den Ofen geschoben und eine frische Kanne schäumenden Bieres nebst hölzernen Bechern daraufgesetzt. „Nein, Gundel,“ rief der Ritter, „heute mußt du mit ein paar Flaschen firnen Weines herausrücken; die Rückkehr meiner lieben Kinder wollen wir mit einem köstlicheren Trunk feiern, als dieser ist.“
„Wie gern nehme ich unsre Gäste mit dem Besten auf, was das Haus bietet,“ versetzte Frau Kunigunde zögernd, „doch bedenkt, lieber Herr, — versprecht mir — Ihr wißt, daß Wein für Euren kranken Fuß Gift ist.“
„Seid ohne Sorge, Frau Mutter,“ fiel Walburg spöttisch ein; „die Freude ist die beste Arznei für den Kranken, und was er aus Freuden thut, wird ihm niemals schaden. Armer Herr Vater, Ihr habt ein gar zu trauriges Leben geführt, dabei kann niemand gesunden. Aber das soll nun alles anders werden!“
Bald stand der Wein auf dem Tische, die silbernen Becher klangen grüßend aneinander. „Und nun erzählt uns von Eurem Leben in diesen zehn Jahren, Veit,“ rief Herr Werner frohgelaunt, „weiß ich doch nichts von Euch, seit Ihr meine herzliebe Tochter in die weite Ferne entführt habt.“
Junker Veit that einen tiefen Zug und begann zu erzählen, — man konnte im Zweifel sein, was er besser verstünde, das Flunkern oder das Zechen, denn in beidem erschien er als Meister. Er hatte jahrelang in ungarischen Diensten gestanden, und wenn man ihm zuhörte, mußte man denken, alle Geschicke Ungarns wären von ihm geleitet worden, seine Kühnheit hätte dem glänzenden Matthias Corvinus auf den Königsthron geholfen, sein tapferes Schwert in unzähligen Schlachten die hereinstürmenden Türken von den Grenzen des Reichs zurückgedrängt, sein scharfer Blick Verschwörungen entdeckt und vereitelt. Frau Walburg unterstützte den Bericht ihres Eheherrn durch eingestreute Bemerkungen über die Ehrenbezeigungen, mit welchen man denselben am ungarischen Hofe überhäuft, und an denen auch sie vollen Teil gehabt habe, über die reiche Beute, welche er aus den Türkenkriegen heimgebracht, und erging sich in prunkenden Beschreibungen des Glanzes, in welchem sie dort gelebt hätten. „Warum habt ihr denn diesen Schauplatz der Ehren verlassen?“ fragte Frau Kunigunde trocken.
„Mich zog es unwiderstehlich zu dem teuren Vater und der geliebten Heimat zurück,“ erwiderte Walburg, indem sie zärtlich des Ritters Hand drückte, „und ich ließ meinem Gatten keine Ruhe, bis er mich aus dem Prunk der großen Welt wieder in diese liebliche Stille geführt hatte.“
„Mich trieb auch noch ein anderer Grund von dannen,“ sagte Junker Veit mit zwinkernden Augen, indem er den langen Zwickelbart strich; „so lange König Matthias meinen Arm gegen die Türken gebrauchte, stand ich ihm gern zu Diensten, als er sich aber gegen die Kaiserliche Majestät von Deutschland wendete, als er Kaiser Friedrich aus seiner eignen Residenz vertrieb — da empörte sich mein deutsches Herz, und ich sagte ihm den Gehorsam auf. Glaubt mir, Herr Vater, es war mir ein tiefer Kummer, als wir auf unserm Wege dem Kaiser begegneten, der als ein Flüchtling mit einem Gespann Ochsen seine Straße dahinzog und an einer Klosterpforte um Zehrung und Obdach bat.“
„Ihr seid ein wackerer Mann, Veit von Rotenhahn,“ rief Herr Werner herzlich und schüttelte die Hand des schlauen Erzählers mit kräftigem Druck; „Ihr habt recht gethan, denn wenn auch Friedrich wenig königliche Größe zeigt, so bleibt er doch immer unser Herr, und mein Geschlecht hat sich stets durch seine Treue gegen den Kaiser hervorgethan. Mir ist es lieb, daß auch mein Eidam solche Gesinnung hegt und bewährt.“
Es war schon spät am Abend, als man sich trennte; Balduin und Emmo, die beiden Söhne der Rotenhahns, lagen längst in einem Winkel der Halle in tiefem Schlaf. Aber Frau Kunigunde blieb auf ihrem Lager noch lange wach, ihr Herz war tief bedrückt, und sie sah schweren Tagen entgegen.