Am nächsten Morgen fühlte Herr Werner sich kräftiger, als seit langer Zeit; er hob es rühmend hervor, wie wohl ihm die Freude des Wiedersehens und der gute Wein gethan hätten, und Walburg triumphierte. Mit Ulrich that sie überaus freundlich und empfahl ihm ihre lieben Söhnlein als gute Spielkameraden; als aber Irmgard hereinkam, nahm ihr Gesicht den Ausdruck unangenehmer Überraschung an. „Ich wußte nicht, daß Ihr noch solch ein ungefiedertes Vöglein im Nest habt, Herr Vater,“ sagte sie spöttisch. „Aber wie bleich und krank es aussieht! schwerlich werdet Ihr es aufwachsen sehen!“

„Du irrst, meine Tochter,“ versetzte der Ritter, „dies Kind steht unter besonderer Obhut der heiligen Jungfrau, die es sicher nicht dazu vom Tode errettet hat, damit es uns noch einmal entrissen werde. Seit jener schweren Krankheit ist es so blaß geblieben, aber es ist trotzdem frisch und gesund.“

„Seltsam!“ sagte Walburg, welche die Kleine aufmerksam betrachtete, „ihre Züge zeigen nicht die geringste Ähnlichkeit, weder mit Euch, Herr Vater, noch mit Eurer Gattin. Man könnte glauben, Ihr hättet einen Findling in Euer Haus aufgenommen.“

Frau Kunigunde schlang ihren Arm um Irmgard, als müßte sie sie schützen. „Ich weiß nicht, wie Ihr so reden mögt, Walburg,“ versetzte sie mit zitternder Stimme, „das Kind hat ein Maltheim’sches Gesicht: dunkle Augen und helles Haar, grade wie Euer Vater, als er noch jung war.“

„Meint Ihr, Frau Mutter?“ fragte Walburg in scharfem Ton, „mich dünkt, es gehören ganz besondere Augen dazu, um solche Ähnlichkeit zu finden.“ —

Frau Kunigundens bange Ahnung erwies sich als nur zu gut begründet: böse Wochen zogen an Burg Maltheim vorüber. Nach kurzer, scheinbarer Genesung warf ein heftiger Rückfall den Ritter in sein altes Leiden zurück: stöhnend lag er auf seinem Lager, wollte niemand sehen und ließ alle seine Schmerzen und seine üble Laune an seiner getreuen Gattin aus, der jetzt keiner mehr die Pflege des Kranken streitig machte.

Unterdessen wurden die Gäste mit jedem Tage anmaßender und anspruchsvoller. „Ihr helft uns wohl mit ein wenig Wäsche und Kleidern aus, bis unsre Packwagen nachkommen,“ sagte Walburg kühl und durchstöberte rücksichtslos die wohl geordneten Truhen der Hausfrau, denen sie alles entnahm, was ihr und den Ihrigen nützlich sein konnte. Das Zurückgeben machte ihr wenig Sorge; die Wagen kamen nicht, und die Seelenruhe, mit der das Ehepaar die verspätete Ankunft seiner Habe erwartete, ließ schließen, daß dieselbe nie von Ungarn abgegangen sei. Junker Veit ritt indessen Herrn Werners Pferde, jagte mit seinen Hunden, trank seine Weine und zankte sich mit seinem Hausmeister, wenn dieser ihm nicht in allen Stücken zu Willen war. Emmo und Balduin waren zwei Rangen, die in schrankenloser Freiheit aufgewachsen waren; von ihrer Mutter abwechselnd gehätschelt und beiseite geschoben, von ihrem Vater kaum beachtet, waren Junker Veits kräftige Fäuste das einzige, wovor sie Respekt hatten, denn die pflegten freilich, wo sie zugriffen, auch deutliche Spuren zu hinterlassen. Ulrich ging den Vettern, so weit wie möglich, aus dem Wege; ihre rohen Scherze flößten ihm unendlichen Widerwillen ein, und er widmete sich mit größerem Eifer, als je, den Lehrstunden bei Pater Benedikt; Irmgard weinte, sobald sie die wilden Buben sah, und die weibliche Dienerschaft befand sich stets im Zustande der Empörung wider die Knaben, die keinen Hund und keine Katze, kein Huhn und keine Ente schonten, und an Menschen und Tieren ihre boshaften Streiche ausübten.

Und wie die Herren, so die Diener; der schwarze Janko und der lahme Miklos, zwei echte Heiducken aus den innersten Steppen Ungarns, waren in der Gesindestube bald ebenso ungern gesehen, wie ihre Gebieter in der Halle: sie stahlen wie die Raben, logen, als würden sie dafür bezahlt, fluchten in ihrem fremdländischen Kauderwelsch ganz lästerlich und ließen bei jedem Streit die scharfen Klingen ihrer langen Messer zwischen den Fingern blitzen, so daß der alte Daniel seine liebe Not damit hatte, Ruhe und Frieden unter der Dienerschaft aufrecht zu halten. So kam es, daß kaum ein Tag verging, an dem nicht der Wunsch, die lästigen Eindringlinge los zu werden, auf aller Lippen gelegen hätte.

Walburg saß in der tiefen Fensternische ihres Gemaches und zog mit langen Stichen die Risse in den Wämsern ihrer hoffnungsvollen Sprößlinge zusammen, als Junker Veit eintrat und sich laut gähnend auf sein Lager warf. Er beschäftigte sich eine Weile damit, ein schön gesticktes Kissen auf der Spitze seines langen Dolches tanzen zu lassen, wobei es ihn wenig kümmerte, wenn dieser das Zeug durchschnitt und die Federn herausstäubten. „Ich habe es satt, hier noch länger den Tugendhaften zu spielen,“ brummte er endlich unwirsch, „die Langeweile tötet mich.“

„Besser die Langeweile, als der Hunger oder der Strang,“ versetzte seine Gattin; „du weißt am besten, wie nahe dir beides war.“