Und der andre rief zurück: „Das hast du gefragt einen Mann, der dir’s wohl gesagen kann. Von mancher Quelle ist der Rhein so tief, von holder Minne sind die Frauen so lieb, von manchen Kräutern sind die Matten so grüne, von manchen starken Wunden sind die Ritter so kühne.“
Dann hob ein dritter sein Sprüchlein an: „Wer einen Raben will baden weiß und darauf legt seinen ganzen Fleiß, und an der Sonne Schnee will dörren, und allen Wind in ein’ Kasten sperren, und Unglück will tragen feil und Wasser will binden an ein Seil, und einen Kahlen will bescher’n — der thut auch unnütze Arbeit gern.“
Lautes Gelächter lohnte dem Sprecher, und von allen Seiten regneten ähnliche Scherzreime, bis von der Tafel der Alten ein Zeichen Stillschweigen gebot. „Wir wollen eine Singschule halten,“ hieß es, und jeder war damit wohl zufrieden, denn weitaus die meisten in der Gesellschaft gehörten zur löblichen Meistersingerzunft, und wer nicht selbst sang, der besaß doch ein geübtes Ohr, um das Gehörte nach feststehenden Regeln zu beurteilen. Der Meistergesang stand in Nürnberg in höchster Blüte und wurde von jung und alt eifrig gepflegt.
Heute, unter grünen Bäumen, beim hellen Becherklang, ging es natürlich nicht so ernst und feierlich zu, wie bei der eigentlichen Singschule, die man entweder auf dem Rathause oder in der Kirche abhielt. Dort durften nur geistliche Dinge den Inhalt der Gesänge bilden, und das Gemerk, d. h. die erwählten Richter, achteten sorgfältig auf jeden Verstoß, der gegen Inhalt und Form begangen wurde. Heute herrschte größere Freiheit und Ungebundenheit, dennoch wurde einer der älteren Meister zum Merker ernannt, welcher die Ordnung aufrecht zu halten und eine gewisse Kritik zu üben hatte, und dem sich jeder der Anwesenden ohne Widerspruch unterwarf.
Im Garten der goldenen Rose.
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GRÖSSERES BILD
Schon hatten mehrere der älteren Männer allerlei kunstreich verschnörkelte Dichtungen zum besten gegeben, die mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, da erging der Ruf an die Jungen, sich auch hören zu lassen. Ohne Zögern sprang ein junger Geselle auf, der schon lange still und in sich gekehrt dagesessen hatte, bat um gütige Erlaubnis und hub also an:
„Ein Weidmann fing ein Vögelein