Eine Weile wurde mit Eifer und vielem Gelächter gespielt; es fehlte auch nicht an kleinen Listen, in denen sich geheimes Wohlgefallen oder versteckte Abneigung verriet; dann stellte es sich heraus, daß der eine Minnevogt unmöglich allen angegriffnen Damen helfen konnte. Man sah sich daher nach einem zweiten um, und einige schlugen vor, Ulrich dazu heranzuziehen. Sogleich erbot sich Elsbeth Ebnerin, ihn aufzufordern, und ohne auf Margaretens abmahnende Blicke zu achten, eilte sie die Treppen hinauf und trat auf ihn zu. „Wollt Ihr nicht mit uns spielen, Ulrich?“ fragte sie in dem vertraulichen Ton einer alten Bekannten, „es fehlt uns gerade noch ein Teilnehmer, und wir würden uns freuen, Euch unter uns zu sehn.“

„Verzeiht mir, wertes Fräulein,“ erwiderte er ernst und höflich, „wenn ich Eurem Rufe nicht folge; ich habe vor zu kurzer Zeit meinen teuren Vater verloren, um mit den Fröhlichen froh zu sein.“

Etwas kleinlaut kehrte Elsbeth mit diesem Bescheide zu den Genossen zurück, Margarete aber dachte mit tiefer Bekümmernis daran, wie vieles Ulrich bei seiner Heimkehr verändert gefunden, und wie wenig Teilnahme sie ihm gezeigt habe. Sie nahm an allen Spielen nur noch mechanischen Anteil; ihre Gedanken weilten bei dem Freunde, den sie so kühl begrüßt hatte, während sie doch so warm für ihn fühlte. — —

Ein ganz anderes Bild zeigte zu derselben Stunde der Garten hinter dem Wirtshaus zur goldenen Rose am Markt, wo sich die Kunstgenossen von Nürnberg zusammengethan hatten, um den Festtag in ihrer Weise zu begehen. Unter schattigen Linden und Akazien hatte man lange Tafeln gedeckt, an denen Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen in bunter Reihe Platz genommen hatten, während die Kinder sich in lauter Fröhlichkeit um sie her tummelten. Die Ehrenplätze an der Spitze nahmen Peter Vischer und Adam Krafft ein, welche sich in die bewundernde Anerkennung ihrer Mitbürger teilten.

Meister Adam hatte in den verflossnen Jahren die Kirchen und öffentlichen Gebäude seiner Vaterstadt mit kunstreicher Hand geschmückt, und manches unsterbliche Werk der Bildnerei bezeugte, daß die zwanzig Jahre seiner Wanderschaft nicht ohne herrliche Früchte geblieben waren. Erst vor kurzem war in der Lorenzkirche sein Sakramentshäuschen enthüllt worden, — ein köstlicher Schrein zur Aufbewahrung der geweihten Hostie. So zierlich erschienen die Formen des schlanken Türmchens, so lebensvoll und anmutig umschlang das reiche Ranken- und Blätterwerk den erznen Schrank in der Mitte, daß die Beschauer nicht glauben wollten, das Ganze sei ein Werk des Meißels aus hartem Stein, sondern daß das Gerücht auftauchte, Adam Krafft habe die Kunst entdeckt, Steine zu erweichen und flüssig in Formen zu gießen. An der heutigen Tafel bildeten die beiden neuesten Kunstwerke lange den Gegenstand des Gespräches; man stritt hin und her, welches das vollendetere Werk wäre, aber man kam zu keinem Schluß, bis endlich Vischer erklärte, es sei in Nürnberg keine kunstvollere Arbeit vorhanden, als das Sakramentshäuschen, und Krafft entschied, das Sebaldusgrab könne nicht übertroffen werden. Da erhob sich lauter Jubel unter den Tischgenossen, und in vielstimmigem Chor wurden die beiden Meister als der Stolz von Nürnberg gepriesen.

Adam Krafft dankte mit wenigen, fast abwehrenden Worten; obgleich er ein berühmter Mann war, dessen Ruf weit über seine Vaterstadt hinausging, war er doch von kindlich einfacher und bescheidener Gemütsart. Um so stolzer schaute seine Magdalene drein, die ihm zur Seite saß; gab es doch für sie kein höheres Entzücken, als die Anerkennung, welche man ihrem Adam zollte. Die elf Jahre ihres Ehestandes erschienen ihr beim Rückblick wie ein einziger Sommertag voll Glück und Freude, und doch waren sie voll Mühe und Arbeit gewesen, denn anfangs ging es in dem kleinen Häuschen oft recht dürftig her, die Einnahmen waren eben bescheiden, die Ansprüche der Kunst oft bedeutend. Da hieß es, sich einrichten, und Magdalene verstand es vortrefflich, mit wenigem hauszuhalten; sie arbeitete und schaffte vom Morgen bis zum Abend und wußte dem Gatten jede Sorge fernzuhalten, denn sie war nicht wie andre Frauen, die mit jeder Klage zum Manne laufen und Hilfe und Teilnahme begehren. Der Künstler fand bei ihr jederzeit ein offnes Ohr und ein empfängliches Herz für seine Pläne, eine stolze Freude an seinen Erfolgen, ein begütigendes Wort bei seinen Ärgernissen, und die Zärtlichkeit und Harmonie der beiden Ehegatten war unter den Freunden des Hauses sprichwörtlich geworden.

Neben Magdalene saß Meister Andreas Fiedler mit seiner Eva, welche mit den Kraffts durch die innigste Freundschaft verbunden waren. Seit Jahren hatte der alte Mann sein Haus nicht verlassen, aber heute hatte Adam darauf bestanden, daß er auch seinen Teil an der allgemeinen Festfreude haben sollte. Mit mehreren seiner Schüler, die einen Handwagen zogen, war er mittags im Hundsgäßlein erschienen; die Jünglinge hatten den Alten sorgsam hineingehoben und ihn erst nach der Lorenz- und dann nach der Sebalduskirche gefahren, um die beiden neuen Kunstwerke zu betrachten; dann aber hatten sie ihn, trotz seines ängstlichen Widerspruchs, in den Garten der goldenen Rose gebracht, wo er nun mitten unter den berühmtesten Männern von Nürnberg saß und sich nicht satt sehen und hören konnte an allem, was um ihn her geschah.

Auch Hans Fiedler saß an einer der Tafeln, welche dem jüngeren Nachwuchs eingeräumt worden waren; als Kraffts Schüler fiel auch auf ihn ein Schimmer von des Meisters Ehren. Mehrere Söhne Peter Vischers, die Gehilfen ihres großen Vaters, nebst Lehrlingen aus andern Werkstätten, hatten sich hier mit den rosigen Töchtern verschiedener Meister zu einem fröhlichen Kreise vereint, in dem es an Scherz und Lachen, an heiterer und ernster Wechselrede nicht fehlte.

Hans saß neben Meister Dürers holdem Töchterlein Sabine, an deren munterm Geplauder er ein besonderes Wohlgefallen fand; auch sah er nicht ungern in die lachenden, blauen Augen und auf die dicken, blonden Zöpfe, die sich unter dem üblichen Netzhäubchen kaum bergen ließen.

Als es anfing zu dunkeln, zündeten die jungen Leute eine Menge bunter Papierlaternen an, welche an Fäden von den Bäumen herabhingen und den Platz mit einem geheimnisvollen Dämmerlicht übergossen; in dem ließ es sich noch ungestörter mit der hübschen Nachbarin plaudern und scherzen. Der köstliche Abend stimmte die jungen Gesellen poetisch, man hörte allerlei Reimfragen und Sprüche erschallen. „Nun sage mir, Meister Traugemut,“ rief einer über den Tisch dem andern zu, „zwei und siebzig Lande sind dir kund: durch was ist der Rhein so tief? durch was sind die Frauen so lieb? durch was sind die Matten so grüne? durch was sind die Ritter so kühne? Kannst du mir darauf rechte Antwort geben, so will ich deine Weisheit hoch erheben.“