Als die Feier beendet war, verließ der Zug in der vorigen Ordnung das Gotteshaus, und neue Hunderte strömten herein, um das Meisterwerk einheimischen Kunstfleißes anzustaunen und ihre Andacht am Sebaldusgrabe zu verrichten. Stundenlang wogte der Strom hin und wieder, denn es war kaum ein Männlein oder Fräulein in der Stadt, das nicht gewünscht hätte, heute an dieser Stätte zu stehen und zum heiligen Sebaldus zu beten. Gehörte der Morgen dem kirchlichen Dienst, so entfaltete sich in den Nachmittagsstunden das fröhlichste Volksfest; überall wurde gegeigt und getrommelt, geschmaust und getanzt. Die unteren Klassen tummelten sich wohlgemut auf Straßen und Plätzen umher und trieben allerlei Kurzweil; die Familien der höheren Stände begaben sich in mancherlei Fuhrwerken, schwerfälligen Karossen oder leichten Korbwägelchen, hinaus in die Landhäuser, wo in den Gärten reicher Patrizier sich heitere Gesellschaften zusammenfanden.
Auch der derzeit gebietende Bürgermeister, Herr Friedrich Volkamer (von den drei erwählten Häuptern des städtischen Regiments, den sogenannten Losungern, führte jedes Jahr ein andrer den Vorsitz im Rat), hatte einen reichen Kreis von Gästen auf seinem prächtigen Landsitze versammelt, unter denen sich auch Herr Wilibald Ebner mit seinen Töchtern befand. Frau Ursula war daheimgeblieben, sie konnte es schwer über sich gewinnen, die Genossen ihres Berthold fröhlich beisammen zu sehen, während er für immer gefangen und von jeder Lebensfreude ausgeschlossen war. Das Haus der Volkamers war mit all der Pracht und dem künstlerischen Geschmack eingerichtet, welche zu jener Zeit dem reichen und kunstliebenden Bewohner Nürnbergs zur Verfügung standen. Im geräumigen Vorsaal verbreitete ein kleiner Springbrunnen erfrischende Kühle; die zierlichsten Erz-Figürchen sprudelten das klare Naß in ein großes Becken, in welchem eine Menge von Goldfischen schwamm; das abfließende Wasser aber setzte eine verborgne Orgel in Bewegung, welche fortwährend eine leise, liebliche Musik ertönen ließ. Der große Speisesaal, dessen geöffnete Thüren in den Garten führten, war mit Bildern reich geziert; auf der köstlich geschmückten Tafel prangte eine Fülle von Gold- und Silbergeschirr, das zum Teil aus der Hand Meister Dürers, des Goldschmieds, hervorgegangen war. Besondere Bewunderung erregte ein Tafelaufsatz von blinkendem Silber, eine weibliche Figur, welche einen reich verzierten Fruchtkorb in den emporgehobenen Händen trägt und mit dem reizenden Köpfchen stützt. Das Stück war ein Meisterwerk in Zeichnung und Ausführung, und doch war es die Arbeit eines Knaben und stammte von Meister Dürers Sohne Albrecht, der auf des Vaters Wunsch bisher noch dessen Handwerk betrieb.
Man saß lange bei Tische, und die Gänge schienen kein Ende zu nehmen; da gab es Biersuppe mit Brot und Käse, grünen Kohl mit gebratenem Hammelskopf, Kalbfleisch mit einer Tunke von Pfeffer und Safran, Hirsebrei mit fetter Wurst und ein gebratenes Reh mit Knoblauch und Zwiebeln. Dazu trank man eine Fülle der feurigsten Weine aus Deutschland und Italien, denn die Speisen waren stark gewürzt und erregten rechtschaffenen Durst. Die Unterhaltung der älteren Gäste wurde immer lebhafter und lauter, die Jugend dagegen warf sehnsüchtige Blicke in den Garten hinaus und wünschte das Ende der Tafel herbei, um sich draußen bei Spiel und Tanz zu vergnügen. Endlich bezeichneten süße Kuchen und saftiges Obst den Schluß des Gastmahls; der Koch erschien mit einem silbernen Waschbecken, an dem ein Hirschkopf befestigt war, dessen Geweih ein reich gesticktes Handtuch trug; aus einer silbernen Kanne goß er Wasser über die Hände der Gäste, welche, nachdem sie das Tuch benutzt hatten, eine Gabe für die Dienerschaft in seine Zipfel knüpften.
Nun konnte man endlich hinaus in den Garten, der zu den Sehenswürdigkeiten Nürnbergs gehörte. Kunstreich angelegte Blumenstücke wechselten mit geschornen Laubwänden und Bogengängen, welche den schattigsten Aufenthalt darboten. In Absätzen, die durch steinerne Brustwehren geschützt und durch breite Treppen verbunden waren, senkte sich der Garten bis zu einem grünen Wiesenplan herab, und, von unten gesehen, hob sich das Haus mit seinem gewaltigen Söller frei und prächtig aus seiner grünen Umgebung heraus.
Während die junge Welt hier in kleinen Gruppen lustwandelte und alle Herrlichkeiten beschaute, traten zwei neue Gäste auf den kiesbestreuten Vorplatz, bei deren Anblick Margaretens Herz heftig zu schlagen begann, denn der eine war ohne Zweifel der, mit welchem alle ihre Gedanken beschäftigt waren — Ulrich von Maltheim. Wie schön und stattlich sah er aus in dem dunklen Gewande, welches seine edlen Züge, die weiße Stirn und die goldenen Locken nur noch glänzender hervortreten ließ! Aber auch sie bot einen reizenden Anblick dar, in dem lichtblauen Kleide, das, an Hals und Ärmeln mit schneeweißer Leinwand gepufft und mit goldenen Streifen umsäumt, ihre jungfräuliche Gestalt fest und anmutig umschloß, mit dem goldnen Netzhäubchen auf dem glänzend braunen Haar und den klaren, grauen Augen, die so ernst und klug, und doch so mädchenhaft und sittsam um sich schauten. Jetzt hatte auch Ulrich sie erkannt, und nachdem er die Wirte begrüßt, eilte er mit ausgestreckter Hand und einem fröhlichen Lächeln auf sie zu.
„Grüß’ Gott, liebe Margarete,“ sagte er innig, „welche Freude, dich endlich wiederzusehen! sei mir tausendmal gegrüßt!“ Er beugte sich über sie, um, wie er früher immer gethan, ihre Stirn zu küssen, aber sie wich verwirrt vor ihm zurück. Eine plötzliche Verschämtheit kam über sie — wie viele Augen waren hier auf sie gerichtet! „Willkommen daheim, Herr von Maltheim,“ sagte sie in förmlichem Ton und neigte sich höflich vor ihm, wie vor einem Fremden, während sie zugleich ihre Hand aus der seinigen zog.
Er sah sie erschrocken an. „So kühl, Margarete? sind wir nicht mehr Freunde, wie wir es immer gewesen?“
„Die Kinderjahre sind vorüber,“ versetzte sie mit gesenkten Augen. „Ihr kehrt als der gebietende Herr von Maltheim zurück, nicht mehr als Junker Ulrich.“
Er zog sich mit einem gekränkten Ausdruck von ihr zurück, begrüßte flüchtig die übrigen, die ihm von früher her bekannt waren und gesellte sich zu den älteren Männern, die unter der großen Linde vor dem Hause in behaglicher Unterhaltung saßen.
Inzwischen berieten die Mädchen und jungen Männer, welch ein Spiel sie unternehmen wollten. „Das Minneturnier!“ riefen mehrere Stimmen, und einer der jungen Leute unternahm es, dies allbeliebte Spiel in Gang zu setzen. Jedes der Mädchen erhielt eine Schleife, die sie an ihre Brust steckte, und ein langes Band von derselben Farbe; die Jünglinge teilten sich in zwei Parteien, Ausforderer und Verteidiger, während der Ordner das Amt eines Minnevogtes versah. Nun erkor sich jeder Verteidiger eines der Mädchen zu seiner Dame, die andern aber forderten die Damen zum Kampf heraus; dann ließ der Verteidiger sich auf Hände und Kniee nieder, das Mädchen setzte sich ihm auf den Rücken und hob den Fuß empor, gegen dessen Sohle der Angreifer einen Stoß mit seiner Fußsohle führte. Wer dabei hinfiel, hatte verloren, ward gebunden und mußte sich auslösen, die Mädchen durch einen Kuß, die jungen Männer durch eine Blume oder eine zierliche Gabe. Die Damen hätten bei diesem Spiel wohl immer verloren, hätten sie nicht den Minnevogt zu Hilfe rufen dürfen, welcher sie stützte und ihrem Stoß dadurch größeren Nachdruck gab.