Endlich war die Stunde für den Beginn der Prozession gekommen, Pauken- und Posaunenschall bezeichnete den Anfang des Festes. Eine Anzahl berittener Patriziersöhne, im schönsten Schmuck, mit wehenden Federbüschen, eröffnete den Zug, gefolgt von einem Fähnlein zünftigen Fußvolks. Dann kam die Schuljugend mit ihren Lehrern, die Mädchen in hellen Gewändern mit Blumenkränzen, die Knaben mit zahlreichen Prozessionsfahnen, die dreizipflig an einer Kreuzstange hingen. Es folgte die Klostergeistlichkeit in grauen, weißen, schwarzen und braunen Kutten, jeder Konvent mit Kreuz und Fahne; in festlichem Ornat ging der Bischof unter einem Baldachin, hinter ihm die Weltpriester mit ihren prachtvollen Kirchenfahnen; dann die Zünfte mit den Zeichen ihrer Hantierung, die meisten mit brennenden Kerzen in den Händen, während zahllose Chorknaben die Weihrauchgefäße schwangen, und Musik und Gesang den ganzen Zug begleitete. Das Schönste aber war eine Schar von Mädchen und Jünglingen, welche verschiedene Heilige darstellten und in der Tracht alter Gemälde auftraten. Da war König David im Purpurmantel mit goldener Harfe, der heilige Petrus mit den Himmelsschlüsseln, Sankt Laurentius mit dem eisernen Rost, auf dem er den Märtyrertod gefunden, die heilige Agnes mit dem Lamm, die heilige Cäcilie mit der Orgel und viele andere. Gar lieblich anzuschauen war die heilige Margarete, welche von Herrn Wilibald Ebners ältestem Töchterlein dargestellt wurde; so mochte die Heilige wohl ausgesehen haben, so fromm und demütig, so rein und furchtlos, als sie, nur mit einer Palme bewaffnet, über den grimmigen Drachen hinschritt.

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Eine Stimme rief plötzlich ihren Namen ....


GRÖSSERES BILD

Margarete Ebnerin war sich des Eindrucks, den sie auf die Zuschauer machte, nicht bewußt; ihre Gedanken waren aufwärts gerichtet, oder mit ihrem Bruder beschäftigt. Warum durfte er heute nicht unter den Genossen sein, die so stolz und stattlich daherritten, wie gut hätte er dazu gepaßt! Sie fragte sich, ob er sich wohl schon völlig in das geistliche Wesen eingelebt hätte, oder ob er immer noch in geheimer und offner Auflehnung gegen die strenge Klosterzucht beharre? Nur selten hatte der Vater den Sohn besuchen dürfen; er hatte ihn immer düster und unglücklich gefunden, und der Prior hatte jetzt jeden Verkehr mit den Seinen untersagt, bis der widerstrebende Novize sich völlig der geistlichen Regel unterworfen haben würde. Das dauerte nun schon drei Jahre; wie viele heiße Gebete stiegen täglich für ihn zum Himmel auf! war es möglich, daß sie unerhört bleiben sollten? —

Eine Stimme aus der Menge rief plötzlich ihren Namen; der Ton berührte sie wunderbar, er war ihr so fremd geworden und doch so wohlbekannt! Eine heiße Röte stieg in ihre Wangen, unwillkürlich hob sie den Blick empor, um den Rufenden anzusehen. Eine hohe, männliche Gestalt, in dem schwarzen Samtwams, dem kurzen Mantel und schwarzen Barett eines Baccalaureus, drängte sich durch die Reihen der Gaffenden, die ihn nur widerwillig durchließen, und streckte grüßend die Hände aus. Trotz der vier Jahre der Trennung erkannte sie ihn auf den ersten Blick an den goldenen Locken und den blauen Augen. In der ersten Überraschung war es, als ob sie stehen bleiben und seinen Gruß erwidern wollte, doch besann sie sich schnell, daß sie mitten in einer kirchlichen Feier stände; sie neigte das Haupt noch tiefer herab und schritt, scheinbar unbewegt, vorwärts. Aber in ihrem Herzen war plötzlich heller Sonnenschein, sie konnte an nichts anderes denken, als an den Jugendfreund, und zu all der Musik der verschiedenen Instrumente und zu dem tausendstimmigen Chor um sie her sang sie in ihrem Herzen nur die Worte: „der Ulrich, der Ulrich ist wieder im Land!“

Der Zug hatte jetzt die Kirche erreicht, welche zum festlichen Tage den schönsten Schmuck angelegt hatte. Die Wände waren mit gewebten Teppichen bekleidet, auf denen die Wunderthaten des heiligen Sebaldus in bunten Farben dargestellt waren; auf allen Altären prangten Blumen und geweihte Kerzen, und ein sanfter Weihrauchduft erfüllte das herrliche Gebäude. Inmitten des Hauptschiffes ragte ein verhüllter Bau empor, welcher das neue Sebaldusgrab einschloß; um denselben gruppierten sich die Hauptteilnehmer des Festzuges, während die Gewerke und die Söldner an den Thüren die Wache hielten. Der ganze Kirchplatz war von einer wogenden Menschenmenge erfüllt, die in ihrem Hin- und Herdrängen und mit ihren zahllosen, summenden Stimmen den Eindruck einer bewegten Meeresflut machte.

Nach vollendeter Messe trat der Bischof, gefolgt von einer Schar von Geistlichen, die ihn wie ein Glorienschein umgab, in das Mittelschiff und gab mit erhobener Hand ein Zeichen; nun stimmten alle Chöre einen Lobpsalm an, die Posaunen dröhnten dazwischen, und die Decken sanken herab. Ein halb unterdrücktes: Ah! erklang von allen Lippen, als das unvergleichliche Kunstwerk frei vor allen Blicken dastand. Eine erzne Kapelle umschließt den silbernen Sarg des Heiligen; kunstreiche Pfeiler tragen die schön geschwungnen Bogen des Gewölbes, an sie lehnen sich die zwölf Apostel, als die wahrhaften Stützen der Kirche. Zwischen den Pfeilern erheben sich hohe Leuchter, aber ihre Lichte sind auch wieder schlanke Säulchen, welche das Gewölbe tragen helfen. Drei vielfach durchbrochene Türmchen krönen das Werk, dessen untere Platte auf kriechenden Schnecken ruht, und das durch unzählige, kleine Figuren, unter ihnen das Bild des Meisters im Schurzfell, geziert wird.

Margarete konnte heute ihre Gedanken nicht in rechter Andacht sammeln; statt ihre Blicke auf das herrliche Kunstwerk zu richten und der Weiherede des hochwürdigsten Bischofs zu lauschen, ließ sie ihre Augen verstohlen in der Kirche umherschweifen, um ihren Freund zu entdecken. Als sie aber seinem Blick begegnete, der fest auf sie geheftet war, da erschrak sie und schaute nicht wieder auf; sie fühlte sich tief beschämt über ihr unfrommes Gebaren und suchte jeden Gedanken zu verbannen, der nicht eng mit dem heiligen Feste zusammenhing.