„Es muß so sein, Mutter, es war von Anfang an der Wille der heiligen Jungfrau. Auch Frau Kunigunde denkt wie ich. Mit dem Beginn der nächsten Woche scheide ich aus diesem Hause und trete in mein neues, stilles Heim ein. Willst du bis dahin bei mir bleiben, Mutter?“ — —

Wenige Tage später war Irmgards Stelle auf Maltheim leer, zwei einsame Frauen blickten ihr trauernd und sehnsüchtig nach. Frau Kunigunde hatte Afra nicht von sich gelassen, und auf ihr dringendes Bitten hatte diese sich entschlossen, bis zu Ulrichs Rückkehr auf Maltheim zu bleiben. Am Tage ging es noch an, da machten sich beide in Küche und Keller, im Garten und in der Milchkammer, am Waschfaß und auf dem Bleichplatze zu schaffen und ließen sich keine Zeit zu trüben Gedanken. Aber wenn der Abend kam und des Tages Arbeit ruhte, dann saßen die beiden Mütter bei einander und sprachen von ihrem Kinde und beweinten das herbe Schicksal, das beiden die liebliche Tochter von der Seite gerissen hatte. Dennoch waren beide davon durchdrungen, daß Irmgards Entschluß der einzig richtige gewesen, daß sie weder als Edelfräulein auf Maltheim, noch als die Tochter einer früheren Magd auf dem Annenhof hätte leben können. Das Kloster erschien beiden wie ein stiller Friedenshafen, in dem das zertrümmerte Lebensschifflein sicher vor Anker gehen durfte.

Dreizehntes Kapitel.
Sankt Sebaldus-Tag.

Kommt und laßt uns vereint den heiligen Sebald erheben!

Dankt ihm in frommem Gebet, preist ihn mit jubelnder Lust.

Seit alten Zeiten wurde der neunzehnte August in Nürnberg als hoher Festtag gefeiert, galt er doch dem Andenken des heiligen Sebaldus, den die Stadt als ihren eigensten Schutzpatron verehrte. Sechshundert Jahre mochte es her sein, so erzählte die fromme Legende, als der heilige Sebald mit seinen Gefährten Wilibald und Wunibald die Länder an der Donau durchzog, lehrend und taufend und seine Predigt durch wunderbare Thaten bekräftigend. Da geschah es einst, als die frommen Männer den Strom erreicht hatten, daß die reißende Flut, welche mit Eisschollen trieb, die Brücke zertrümmerte; zagend sahen die Genossen den Führer an, der aber zog seine Kutte aus, legte sie auf das wildbewegte Wasser und stellte sich darauf. Siehe, da trug ihn die Flut gehorsam bis ans andre Ufer und netzte ihm kaum die Füße. Die andern folgten seinem Beispiel; fast erstarrt kamen die Gottesmänner drüben an und traten in eine dürftige Hütte, in der kein Feuer brannte, denn das Holz war den Bewohnern ausgegangen. Da hieß Sebaldus die Frau, Eisschollen auf den Herd tragen und anzünden, alsbald brannten sie lichterloh und verbreiteten liebliche Wärme. Anbetend sanken die Hüttenbewohner vor dem Heiligen auf die Kniee und wagten es, ihm eine Bitte vorzutragen. Ihr einziges Hab’ und Gut, ein paar Ochsen, war ihnen entlaufen; vergebens hatte der Mann sie gesucht, bis die Dunkelheit einbrach. „Geh noch einmal hinaus,“ gebot Sebaldus, „und bete auf dem Wege, und du wirst sie finden.“ „In der Nacht?“ fragte der Bauer zweifelnd; aber er folgte dennoch dem Gebot, und der Wald leuchtete ihm entgegen, wie von hellem Sonnenschein beglänzt. Er betete und fand die Tiere; zum Dank gelobte er sich dem Heiligen zu jedem Dienst, den dieser von ihm verlangen würde.

Bald danach ging es mit Sankt Sebald zum Sterben, und seine Genossen fragten ihn weinend, wo er begraben sein wolle. Er gebot ihnen, jene Bauersleute um ihre Ochsen zu bitten und dieselben vor seinen Leichenwagen zu spannen; niemand solle sie lenken, aber wo sie stehen blieben, da solle man seine Leiche in die Erde senken. Die frommen Männer suchten die Hütte an der Donau auf und erinnerten das Ehepaar an sein Versprechen, aber jene wollten nichts davon wissen, sie hätten sich nur dem Lebenden verpflichtet, nicht dem Toten. Kaum hatten sie das Wort gesprochen, so brachen die beiden Stiere mit wütendem Gebrüll aus dem Stall und rannten davon, vor dem Leichenwagen aber blieben sie stehen und ließen sich geduldig anspannen. Dann lenkten sie nach der Stelle hin, wo der Neroberg mit dem grauen Turm, dem ältesten Wahrzeichen Nürnbergs, emporragte, und standen vor der kleinen Kapelle des heiligen Petrus still. Kein Ruf, kein Peitschenschlag vermochte sie von dieser Stelle zu vertreiben; da erkannten die Begleiter, daß es die Stätte sei, die der heilige Sebaldus sich zur Rast erkoren hatte, und sie begruben ihn dort. Als aber ein Blitz die Petrikapelle traf und einäscherte, da ward man inne, daß sie des großen Heiligen, der auch im Grabe noch herrliche Wunder wirkte, nicht wert gewesen sei; man legte die Gebeine in einen mächtigen Sarg von gediegenem Silber und führte darüber die gewaltige Sebalduskirche auf. Der Sarg ward ein Ziel der Wallfahrt für alle, die auf Nürnberger Grund und Boden wohnten; man legte reiche Gaben darauf nieder und erkannte immer deutlicher, daß Sankt Sebald der Stadt hold und wohlgesinnt sei. Aber den Vätern leuchtete auch ein, daß der kostbare Sarkophag einer schützenden Hülle bedürfe, wenn sein Glanz nicht durch die tausende andächtiger Küsse, die in jedem Jahr darauf gedrückt wurden, beschädigt werden sollte, sie beauftragten daher den trefflichen Rotgießer, Peter Vischer, einen kunstreichen Tempel zu fertigen, welcher den Sarg wohl den Blicken, aber nicht den Händen und Lippen der Gläubigen aussetze. Dies Kunstwerk war eben vollendet worden und sollte am diesjährigen Sebaldustage enthüllt werden.[2]

[2] Thatsächlich wurde Vischers Sebaldusgrab, wie Adam Kraffts Sakramentshäuschen, erst einige Jahrzehnte später, nach 1500, vollendet, während unsre Erzählung erst bis zum Jahre 1480 vorgeschritten ist; doch haben wir die Beschreibung dieser Kunstwerke hier vorweg genommen, um die Schilderung dieser Periode Nürnbergischer Kunstblüte zu vervollständigen. Beide Künstler waren um diese Zeit in ihrer Vaterstadt thätig.

Schon seit mehreren Tagen bemerkte man eine freudige Erregung in der Stadt, denn alle Klassen, alle Geschlechter wollten an dem großen Kirchenfeste teilnehmen. Als der festliche Morgen anbrach, tönten alle Glocken in feierlicher Harmonie zusammen; gern lauschten die Einwohner den ernsten Klängen, die ihnen von früher Kindheit an lieb und vertraut waren, und begrüßten mit Freude die Töne besonders bekannter Glocken. „Das ist die große Susanna,“ hieß es, „die übertönt alle übrigen, und das ist die kleine Maria, die hat den hellsten Klang.“ In den Straßen wogte eine erwartungsvolle Menge, hier eilten Mitglieder der verschiedenen Innungen zu den bestimmten Sammelplätzen, dort ging eine Schar würdiger Männer nach dem Rathause; geputzte Kinder zogen haufenweise nach den Klosterschulen, und reich geschmückte Jünglinge und Jungfrauen schlüpften, mit schützenden Mänteln angethan, nach der Kirche, von welcher der Festzug ausgehen sollte.