Die Mutter blickte erstaunt auf; der förmliche Ton, in dem jene sprach, überraschte sie. „Ich habe ja noch dich, mein liebes Kind.“
„Aber nicht mehr für lange — ich muß fort.“
„Du willst mich verlassen, jetzt, da ich traurig und einsam bin? Irmgard, hat deine Mutter das um dich verdient?“
„O macht mir das Herz nicht schwer, Frau — Frau Kunigunde von Maltheim,“ rief das Mädchen, in Thränen ausbrechend, „Ihr wißt es doch besser als ich, daß ich Euer Kind nicht bin, daß Ihr den Findling nur aus Erbarmen aufgenommen habt! Ich kann nicht länger bei Euch bleiben, aber ich kann auch nicht bei meiner Mutter leben — laßt mich ins Kloster gehn, das ist der einzige Ort auf Erden, wo ich Ruhe und Frieden finden kann.“
Mit namenlosem Erstaunen vernahm die Edelfrau diese Rede; wie hatte sie gesonnen und gegrübelt, auf welche Weise sie Irmgard die bittere Kunde beibringen könne, — und nun kam jene ihr zuvor, sie wußte alles und hatte aus eignem Antrieb den Entschluß gefaßt, vor dem sie selbst noch zurückbebte, und den sie doch als den einzig schicklichen Ausweg in dieser Lage betrachten mußte. Sie that ihre Arme auf: „mein Kind, meine geliebte Tochter!“ rief sie, „komm an meine Brust und laß uns in alter Liebe alles miteinander besprechen, was uns beide so schmerzlich bewegt. Hat dich die heilige Jungfrau mir nicht übergeben, daß du mein Trost und meine Freude sein solltest? und bist du nicht deines Vaters teuerster Schatz bis an sein Ende gewesen? Und wenn du uns nicht durch deine Geburt angehörst, hat unsre jahrelange Liebe uns keinen Anspruch an dich erworben?“
Da schmolz die Rinde von Härte und Bitterkeit, die sich um Irmgards Gemüt gelegt hatte, sie sank in die Arme der treuen Mutter und sagte ihr alles, was ihr banges Herz erfüllte.
Einige Tage danach erschien Afra, nach der man geschickt hatte, wieder auf der Burg. Irmgard ging ihr entgegen und reichte ihr die Hand; sie war noch bleicher als gewöhnlich, aber in ihren Zügen lag eine tiefe Ruhe: der schwere Kampf war ausgestritten, in ihrer Seele volle Klarheit. „Seid willkommen, liebe Mutter!“ sagte sie sanft, „ich stehe an der Schwelle eines neuen Lebens und bitte um Euren Segen.“
Afra starrte sie an, als dürfe sie ihren Ohren nicht trauen. „Matthäa!“ rief sie dann jauchzend, „mein süßes Kind, erkennst du endlich deine Mutter? O Gott im Himmel, habe Dank für diese Gnade! Du hast mir meinen Liebling wiedergeschenkt!“ Sie zog Irmgard an ihr Herz und überschüttete sie mit heißen Küssen und Liebkosungen; dann schob sie sie einen Schritt von sich fort, um ihr Gesicht, ihre Gestalt mit trunknem Blick zu betrachten. Endlich faßte sie sich, verbarg ihr thränenbenetztes Gesicht einen Augenblick in ihren Händen und schaute ruhiger auf. „Fürchte nichts, mein Liebling,“ sagte sie wehmutsvoll, „denke nicht, daß deine Mutter dein Glück trüben, deine hohe Stellung dir rauben will. Du sollst für jedermann das Edelfräulein bleiben, und die edle Frau Kunigunde soll deine Mutter sein, wie bisher. Nur zuweilen, in dunkler Abendstunde, darf ich mich herschleichen, nicht wahr? und wenn kein Auge uns sieht und kein Ohr uns hört, dann darf ich dich meine Matthäa nennen und dich küssen; und wenn du krank bist, darf ich dich pflegen, und wenn du dich einmal verheiratest, darf ich dir folgen und dir dienen und dein Haus verwalten helfen — nicht wahr, mein Kind? du sollst dich nie, nie meiner schämen dürfen, denn nie will ich es einem Menschenohr anvertrauen, daß du meine Tochter bist!“
Irmgard war tief ergriffen von so selbstloser Liebe. „O meine Mutter,“ sagte sie bewegt, „wie gut bist du! Nein, ich werde mich nie deiner schämen, denn du bist edel von Gesinnung und groß an Liebe und Aufopferung! Aber ich werde nicht hierbleiben und nie einem Gatten folgen — ich gehe ins Kloster.“
„Ins Kloster!“ wiederholte Afra traurig, „ist dir die Welt vergällt, das frohe Leben zur Last geworden? Ins Kloster! dahin kann ich dir nicht folgen, dort kann ich meinem Kinde nicht dienen. O Matthäa, muß es so sein?“