Die Edelfrau sah bald ein, daß sie eine treuere Pflegerin, als Afra, nicht hätte finden können, denn jene war Tag und Nacht auf ihrem Platze. Die Kranke erkannte sie anfangs nicht, denn sie lag fast immer in einem Zustande, der halb Schlaf und halb Betäubung war; doch nach einigen Tagen bemerkte Afra, daß Irmgards Augen fest und mit Bewußtsein auf sie gerichtet waren. Sie unterdrückte eine zitternde Furcht vor einem heftigen Ausbruch des Abscheus, wie damals, als sie zuerst auf der Burg erschienen war, aber das Mädchen blieb ruhig und sagte nur leise: „Ich kenne Euch, wie kommt Ihr hieher?“
„Frau Kunigunde hat mich rufen lassen, um ihr beizustehn.“
„Euch? und warum gerade Euch?“
„Pater Anselm wußte, daß ich mit Kranken umzugehen verstehe. Ich gehe, sobald ich nicht mehr gebraucht werde. Soll ich gleich gehen?“
„Nein, bleibt!“ versetzte Irmgard kurz; „ich glaube, Ihr meint es gut mit mir.“ So blieb Afra, und es bildete sich allmählich ein freundliches Verhältnis zwischen ihr und dem Fräulein, das nur langsam genas. „Erzählt mir die Geschichte Eures Lebens,“ bat sie einmal, und Afra erzählte, anfangs vorsichtig und zurückhaltend, bei den Lichtpunkten ihrer Erinnerung verweilend, um die Genesende nicht zu erregen, nach und nach immer ausführlicher, denn Irmgard hörte nicht auf, zu forschen und zu fragen, bis sie alles erfahren hatte.
In der Seele des jungen Mädchens vollzog sich eine gewaltige Wandlung: der heftige Widerstand, den sie damals Afras Ansprüchen entgegengesetzt, war gebrochen; sie fühlte es mit unwiderleglicher Gewalt, daß sie wirklich die Tochter dieser Frau sei. Diese Überzeugung, welche durch Walburgs frühere Behauptung vorbereitet worden war, stürzte alles um, was bisher ihr Denken und Thun bestimmt hatte. Der Stolz, mit dem sie auf ihre adlige Geburt, auf die langen Reihen ritterlicher Ahnen geblickt hatte, war ein lächerliches Unding, wenn sie von einfachen Handwerkern abstammte, ihr ganzes Leben hier auf der Burg war eine Lüge! Ihr war es, als finge das goldene Kettlein, das sie seit ihrer Kindheit getragen, an ihrem Halse zu brennen an; sie öffnete das Schlößchen und legte das alte Schmuckstück ab. An einer feinen Kette hing ein Goldplättchen, auf dem fünf blaue Steine ein Vergißmeinnicht bildeten; das war wohl über zweihundert Jahre alt und stammte von einer Ahnfrau des Hauses, deren Andenken in hohen Ehren gehalten wurde. Wie stolz war Irmgard gewesen, als die Mutter ihr das einfache Kleinod umhing und sie ermahnte, es wohl zu bewahren und jener Frau Jutta von Maltheim und Buchenbühl ähnlich zu werden, ihren Eltern ebenso gehorsam, ihrem einstigen Gatten ebenso treu zu sein. Oft hatte ihr die Mutter die Geschichte jener Ahnfrau erzählen müssen, deren Bräutigam unter dem Zeichen des Kreuzes in das Heilige Land gezogen war, und von dem sie jahrelang nichts gehört hatte; wie sie ihm trotzdem die Treue bewahrt habe, obgleich jedermann von seinem Tode überzeugt gewesen sei; wie sie all ihren Schmuck, bis auf dies eine Kettlein, verkauft habe, um einen Spielmann auszurüsten und nach ihm auszusenden. Der aber habe allzu lange nach dem Ritter suchen müssen, und beide seien erst in dem Augenblick zurückgekehrt, als das Fräulein, dem Befehl ihres Vaters folgend, einem Kaufmann die Hand zum Ehebunde habe reichen sollen. Beim Anblick des Geliebten sei sie totenbleich zu Boden gefallen, der Ritter aber habe den Bräutigam zum blutigen Kampf herausgefordert, habe ihn besiegt, und als Siegespreis die Hand seiner Dame erhalten.
Wie oft hatte Irmgard das Vergißmeinnicht betrachtet und sich dabei an Fräulein Juttas Stelle gedacht, wie oft sich im stillen gelobt, nur einem Ritter angehören zu wollen, der so treu, so heldenhaft sei, wie jener Herr Diether. Sie hatte es sogar der Ahnfrau sehr verargt, daß sie sich je habe bestimmen lassen, an einen Städter auch nur zu denken, und sie war entschlossen, in diesem Punkt selbst dem Befehl ihres Vaters zu trotzen, der freilich ebenso dachte wie sie. Was war nun aus all diesen stolzen Träumen geworden? sie war das Kind einer armen Frau, die einst die Magd der Frau Ebnerin gewesen; selbst Berthold würde jetzt nicht mehr daran gedacht haben, sie zu seiner Gattin zu erwählen. Hans Fiedler, den sie stets mit huldreicher Herablassung behandelt, dessen ehrerbietige Huldigung sie hingenommen hatte, wie ein Königskind die Liebe des Schäferknaben — er war ihr Bruder, der über ihr Geschick zu bestimmen haben würde; Ulrich aber stand so hoch, hoch über ihr, daß sie froh sein konnte, wenn er sie einmal zur Gürtelmagd seiner Gemahlin machte. O, es war unsäglich bitter! Irmgard mußte ihre Augen vom Lichte abwenden und ihr Antlitz gegen die Wand kehren, um das brennende Schamgefühl zu verbergen, das ihre bleichen Wangen mit Purpur färbte.
Was sollte nun geschehen? sie konnte nicht auf der Burg bleiben und noch fernerhin die Rolle des Edelfräuleins spielen, — dagegen sträubte sich ihr Wahrheitsgefühl; sie konnte auch nicht auf den Annenhof ziehen und Afras gehorsame Tochter sein, — dagegen bäumte sich ihr Stolz und die jahrelange Gewohnheit. Lange suchte sie vergebens nach einem Ausweg, dann kam ihr plötzlich, wie ein Lichtstrahl in tiefer Nacht, der Gedanke an das Kloster. Ja, das war eine Rettung, und sie griff begierig danach. Dann fiel ihr Berthold ein, und wie sie ihm einst verächtlich zugerufen hatte, sie würde lieber sterben, als eine Nonne werden. Und nun ging sie doch denselben Weg; es stirbt sich nicht so leicht, und der Tod kommt selten, wenn man ihn leidenschaftlich ersehnt. Im stillen bat sie dem fröhlichen Spielgefährten jedes schroffe Wort ab, ja sie fühlte sich ihm näher gerückt durch die Gleichartigkeit ihres Schicksals. „Erstaunlich, daß gerade wir beide der Welt entsagen müssen, wir, die wir uns doch so wohl darin fühlten, so glänzende Pläne machten, so hoch hinaufstrebten! Die Heiligen führen uns wunderbare Wege zu dem Ziel, das sie uns gesteckt haben, wir mögen wollen oder nicht!“ — —
Der Ritter von Maltheim war sanft entschlafen und in der Schloßkapelle bei seinen Vätern beigesetzt. Afra hatte den trauernden Frauen treuen Beistand geleistet; nach dem Begräbnis aber war sie ohne Gruß und Abschied verschwunden. In tiefem Schmerz saßen Frau Kunigunde und Irmgard bei einander, jede von Gedanken erfüllt, die mühsam nach einem Ausdruck rangen.
„Es ist gut für Euch, daß Ulrich bald heimkehrt,“ sagte endlich das Mädchen gepreßt —, „so werdet Ihr doch nicht lange ganz einsam sein.“