Sie erhob sich schnell, denn ihre Fassung drohte sie zu verlassen, und, gefolgt von den Segenswünschen und Dankesworten der Sterbenden, eilte sie fort. —
Als Frau Kunigunde am nächsten Tage mit schwerem Herzen nach Hause zurückkehrte, wurde sie von verstörten Gesichtern empfangen und sah mit einem Blick, daß etwas Ernstes geschehen sei. Voll Angst und Sorge eilte sie hinauf in das Zimmer ihres Gatten, wo ihr Pater Anselmus, der neben seinem geistlichen Amt die Stelle eines Arztes auf Meilen in die Runde versah, mit ernster Miene entgegentrat. „Faßt Euch, edle Frau,“ begann er, „bereitet Euch auf eine traurige Kunde vor.“
„Was ist’s?“ fragte sie bebend, „ist mein Gatte ..?“ ihre Lippen weigerten sich, das schreckliche Wort auszusprechen.
„Euer Gatte lebt, aber die Hand des Herrn hat ihn schwer getroffen, Ihr werdet ihn sehr verändert finden.“
Die Edelfrau ließ sich nicht länger zurückhalten, sie trat an das Lager des Ritters, der still, mit geschlossenen Augen, dalag; nur der keuchende Atem verriet, daß in der bewegungslosen Gestalt noch Leben sei. Ein Schlagfluß — selbst heute noch eine Erscheinung, die unvermittelt und unerklärt in das blühende Leben eingreift, die bei dem damaligen Stande der Wissenschaft aber vollends geheimnisvoll und unheimlich erscheinen mußte — hatte den alten Herrn zu Boden geworfen und ihm die Fähigkeit der Sprache und Bewegung geraubt. Von Grauen erfüllt, hatten die Diener sich zurückgezogen und Irmgard und Pater Anselm allein bei dem Geschlagenen gelassen. Seit dem gestrigen Abend hatte das kleine Fräulein das Bett des Vaters nicht verlassen, jetzt hatte die Ermüdung der durchwachten Nacht sie übermannt; im großen Lehnstuhl zusammengekauert, war sie in so tiefen Schlaf gesunken, daß selbst das Kommen der Mutter sie nicht erweckte. Mit blutendem Herzen blickte jene von dem Gatten auf die Tochter, sollte sie beide hingeben müssen? sollte die weiße Rose, die sie so treu gepflegt hatte, von ihr genommen werden und sie nicht mehr durch ihren lieblichen Anblick und süßen Duft erquicken? —
Unermüdlich teilten sich die beiden Frauen in die schwere Pflege des Kranken, dem die geschwundenen Kräfte nicht wiederkehren wollten. Zuweilen glitt, wenn die Tochter zu ihm trat, ein schwacher Schimmer von Freude über das wachsbleiche Antlitz, oder es malte sich eine Unruhe darauf, sobald die Gattin das Gemach verließ; aber das waren auch die einzigen Spuren von Bewußtsein. Doch Frau Kunigundens Prüfungen waren noch nicht zu Ende: eines Morgens blieb Irmgard, welche sich immer müder umhergeschleppt hatte, auf ihrem Lager liegen, und Pater Anselmus erklärte, daß sich infolge übermäßiger Anstrengung ein schleichendes Fieber ihrer bemächtigt habe. Trostlos vernahm die Edelfrau diesen Ausspruch, wem sollte sie Irmgards Pflege anvertrauen? sie selbst war durch die Hilflosigkeit des Gatten vollauf in Anspruch genommen. In dieser Not wußte der Pater einen Rat und versprach, ihr eine Pflegerin zuzuführen, auf deren Gewissenhaftigkeit sie sich unbedingt verlassen könne.
An demselben Abend klopfte es an Frau Kunigundens Thür, und vor ihr stand eine Frau, deren Kopf ein großes Tuch verhüllte. „Pater Anselmus schickt mich,“ begann dieselbe mit leiser, stockender Stimme, „wollt Ihr mir gestatten, meine — — Eure — — das kranke Fräulein zu pflegen?“
„Wer seid Ihr?“ fragte die Edeldame, von banger Ahnung ergriffen.
Die Fremde hob flehend die Hände empor. „O, schickt mich nicht fort, ich beschwöre Euch,“ rief sie, und das herabfallende Tuch ließ Afras Züge erkennen, „erlaubt mir nur, Euch und dem Fräulein zu dienen wie die geringste Magd, ich begehre nichts darüber hinaus. Vergeßt, was ich einst gesagt und gedacht, laßt — o laßt mich bei Euch bleiben!“
Ein paar Augenblicke vergingen, Frau Kunigunde kämpfte mit sich selbst, dann reichte sie Afra die Hand und sagte fest: „Es sei! ich will Euch unser geliebtes Kind anvertrauen — ich weiß, Ihr werdet es treu versorgen, und der Himmel gebe seinen Segen dazu!“