„Ich habe Euch einst belogen,“ begann die Sterbende leise und abgebrochen, „es war Euer eignes Kind, das ich im Garten begrub, und ein fremdes, das ich an seiner Statt in die Wiege legte.“

„Wo habt Ihr meine Irmgard begraben?“ fragte die Edelfrau tonlos.

„Unter der großen Linde, rechts vom Altan. Ich habe inbrünstige Gebete darüber gesprochen.“

„Und wo kam das fremde Kind her?“

„Mein Gatte hatte es auf der Landstraße gefunden.“

Ein langes Schweigen folgte. Durch Frau Kunigundens Seele ging wie ein zweischneidiges Schwert der Schmerz um den Tod des eignen Kindes und ein Gefühl, als ob Irmgard von ihrem Herzen losgerissen würde.

„Sagt, daß Ihr mir vergebt, gnädige Gebieterin,“ bat Barbara mit leiser, angstvoller Stimme.

„Vergeben? wie könnte ich das!“ erwiderte die beraubte Mutter mit unterdrückter Heftigkeit. „Warum, o warum habt Ihr mir das gethan?“

„Ich konnte Euren Schmerz nicht ansehen — er brach mir fast das Herz. Und als an demselben Tage Klaus mir das fremde Kind brachte, das ebenso helle Härchen und dunkle Augen hatte wie das unsrige — und so zart und fein war — da meinte ich, es sei ein Fingerzeig der heiligen Jungfrau, die Euren Kummer lindern wollte. Während Ihr in tiefer Ohnmacht lagt, vertauschte ich die Kinder, ohne daß es jemand sah. Aber von Stund’ an hatte ich keine Ruhe mehr — ich konnte Euch nicht mehr frei ins Gesicht sehen, es litt mich nicht länger auf der Burg. Jahrelang trug ich mein Geheimnis mit mir umher, ohne es zu verraten; erst, als Pater Benedikt nach Nürnberg kam, faßte ich mir ein Herz und beichtete ihm meine Schuld. Er strafte mich mit strengen Worten und legte mir harte Bußen auf, dennoch aber ließ er mich geloben, gegen jedermann darüber zu schweigen, solange Euer edler Gemahl am Leben sei. Aber nun tritt der Tod an mich heran — ich konnte nicht scheiden mit der Lüge auf dem Herzen — — o laßt mich nicht sterben, ohne daß Ihr mir vergeben habt!“ Sie sank erschöpft in ihre Kissen zurück, und eine namenlose Angst malte sich auf dem abgezehrten Antlitz.

Die Todesqual der alten Dienerin ging Frau Kunigunden tief zu Herzen; welche Gedanken auch ihre Seele bestürmten, so drängte sie dieselben doch zurück und dachte mit gütigem Sinn nur daran, das arme Weib zu trösten. „Du hast es gut mit mir gemeint,“ sagte sie nach einer Pause mit bebender Stimme, „und du konntest wohl nicht ermessen, was deine That bedeute. Ich will dir deinen Tod nicht erschweren — ziehe hin in Frieden, und möge dir Gott verzeihen — wie ich es thue.“