Der kirchlichen Vermählung folgte eine Reihe von glänzenden Festen. Der Hof von Burgund hatte sich stets durch Prachtliebe ausgezeichnet; er zog die adlige Jugend aus allen Ländern an sich, denn nirgends wurden ritterliche Übungen so leidenschaftlich betrieben, standen die alten Ritterspiele in so hoher Blüte, wie hier. So gab es alle Tage Turniere für den Hof und die hohen Gäste des fürstlichen Paares, Banketts von seiten der Stadt, Preis- und Wettschießen für den kleineren Bürger, Spiel und Tanz für die Jugend, Speisung der Armen, und was sich der Geist der Zeit an Lustbarkeiten irgend erdenken konnte. Auch Herr Ebner und seine Gattin nahmen an mehreren dieser Feste teil, aber wenn Frau Ursulas Erscheinung auch immer schön und würdig war, so war sie doch bei weitem nicht die erste an Glanz und Reichtum, denn die Frauen von Gent trugen sich alle wie Königinnen, und ihr kostbares Geschmeide, die Pracht ihrer Gewänder stellte fast die der anwesenden Fürstinnen in Schatten.

Endlich war der Festjubel verrauscht, das herzogliche Paar verließ Gent, um in den übrigen Städten des Landes seinen frohen Einzug zu halten; auch die Nürnberger rüsteten sich zur Heimfahrt. Am Abend vor der Abreise saßen die beiden Männer noch lange in ernster Unterredung beisammen. Herr Ebner redete dringend auf den jüngeren Freund ein, der anfangs kopfschüttelnd zuhörte und manches Bedenken zu haben schien; allmählich aber schwand sein Widerstand, und als die beiden sich trennten, geschah es mit so herzlichem Händedruck, daß sie wohl einig geworden sein mußten. Am nächsten Morgen schied man mit Versicherungen aufrichtiger Freundschaft von beiden Seiten. „Gebt uns bald Gelegenheit, Vetter, Euch Eure Gastfreundschaft in unserm Hause zu vergelten,“ sagte Frau Ursula; — „behaltet mich in gutem Andenken, bis ich zu Euch komme, Frau Base,“ bat Lorenz; — „auf baldiges Wiedersehen in Nürnberg!“ klang es herüber und hinüber, und Grüße und Winke wurden gewechselt, solange der Wagen noch in Sicht war.

Im folgenden Frühjahr erschien Lorenz Tucher in Nürnberg, wo er wie ein alter Freund und lieber Verwandter empfangen wurde. Er hatte sein Haus in Gent verkauft und wollte für immer nach der alten Heimat übersiedeln. In kurzer Zeit war er im Ebnerhause vollkommen heimisch und verkehrte in brüderlicher Weise mit den Töchtern, doch gab es zwischen ihm und Margarete manchen stillen Kampf, denn das hochgesinnte Mädchen nahm ebenso oft einen Anstoß an seiner kühlen Beurteilung mancher Dinge, die ihr groß und würdig erschienen, wie er an ihrer warmen Begeisterung für vieles, was ihm der Beachtung unwert dünkte. Elsbeth dagegen sah mit unbegrenzter Bewunderung zu dem neuen Vetter auf und war bereit, jeden seiner Aussprüche als unfehlbares Orakel zu betrachten. Er beschäftigte sich zuweilen denn auch in herablassender Freundlichkeit mit dem Bäschen, wie man sich wohl mit einem kleinen Kätzchen abgiebt, dessen drollige Sprünge selbst einen ernsten Mann in müßiger Stunde ergötzen mögen.

Zwölftes Kapitel.
Mutter und Tochter.

Unwiderstehlich spricht zu dem Kinde die Stimme der Mutter,

Prallt sie auch anfangs zurück, endlich gewinnt sie den Sieg.

Die vier Jahre, welche für Ulrichs Studienzeit bestimmt waren, gingen ihrem Ende entgegen, und auf Maltheim zählten Mutter und Tochter schon die Wochen bis zu seiner Heimkehr. Frau Kunigunde war eben in ihrer Vorratskammer beschäftigt — dieselbe war der Stolz und die Freude ihres Hausfrauenherzens, und sie würde den Schlüssel dazu keiner fremden Hand anvertraut haben —, als ihr ein Mädchen gemeldet wurde, das in einer dringenden Angelegenheit die Herrin zu sprechen wünschte. Sorgfältig verschloß diese den Raum, der die besten Schätze ihres Hauses enthielt, und stieg hinab in die Halle, wo sie die Dirne fand, welche ganz erschöpft auf einen Schemel gesunken war. Dieselbe beugte sich über die Hand der Edelfrau und bat sie in schluchzenden Tönen, ihr zu ihrer Mutter zu folgen, welche krank daniederläge und keine Ruhe finden könne, weil ein schweres Geheimnis sie drücke. Erst allmählich erkannte Frau Kunigunde in der Sprechenden die blonde Nelleke, Frau Barbaras Tochter, und eine bange Ahnung stieg in ihrem Herzen auf. Auf wen konnte das Geheimnis, von dem jene sprach, sich beziehen, als auf Irmgard, und was konnte die Sterbende ihr zu sagen haben, als etwas, was ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte? Dennoch war sie sogleich entschlossen, dem Rufe zu folgen, um endlich die volle Wahrheit zu erfahren. Sie traf ohne Zögern die nötigen Anstalten, sagte Irmgard, daß ein wichtiges Geschäft sie zwinge, sich in die Stadt zu begeben, legte ihr die Sorge für den Vater ans Herz und brach nach wenig Stunden auf, von einigen Dienern begleitet, deren einer Nelleke vor sich aufs Pferd nahm. Einige heiße, trockne Wochen hatten die Landstraße in einen leidlichen Zustand versetzt, man kam ziemlich schnell vorwärts und erreichte noch bei hellem Tage die Stadt. Die Edelfrau gönnte sich keine Ruhe nach dem ermüdenden Ritt; kaum vom Pferde gestiegen, eilte sie nach der Schenke zum blauen Affen und ließ sich in die Kammer führen, wo Frau Bärbel schon seit Wochen auf dem Krankenbette lag.

Die behäbige Frau war sehr verändert, die vollen Backen waren eingefallen und von fahler Blässe, die Augen irrten angstvoll suchend umher und leuchteten auf, als sie endlich auf Frau Kunigundens Antlitz hafteten. „Den Heiligen sei Dank, daß Ihr kommt, edle Frau!“ stöhnte sie, „ich konnte nicht sterben, ohne Euch alles bekannt zu haben. Neiget Euer Ohr zu mir, meine Kraft ist schwach — die Mutter Gottes helfe mir, meine Beichte zu Ende zu bringen.“

Frau Kunigunde setzte sich neben das Lager und preßte Hände und Lippen fest zusammen, um das heftige Schlagen ihres Herzens zu unterdrücken. „Sprich ohne Scheu, Bärbel,“ sagte sie mit erkünstelter Ruhe, „ich höre jedes Wort.“