„Wir wollen sehen,“ sagte Lorenz achselzuckend, „aber ich kenne meine Genter und Brügger Bürger zu gut, um zu glauben, daß sie sich durch einen baumhohen Wuchs und ein huldreiches Lächeln bestechen lassen.“ — —

„Wie gefällt dir unser Wirt?“ fragte Herr Wilibald seine Gattin, als beide allein waren.

„Er macht den Eindruck der Tüchtigkeit und Gediegenheit, aber mir scheint, er ist für seine Jahre zu ernst und nüchtern. Ich habe es gern, wenn junge Menschen noch Feuer und Begeisterung fühlen, wie unser ...“ aufquellende Thränen erstickten ihre Stimme, und Bertholds Name blieb unausgesprochen.

„Du vergißt,“ erwiderte der Gatte etwas unzufrieden, „daß er kein unmündiger Knabe mehr ist, sondern ein Mann, der die Verhältnisse im ruhigen Lichte einer reifen Erfahrung ansieht. Mir sagt er ungemein zu; so, gerade so, hätte ich mir meinen Sohn gewünscht, — wenn es der Himmel nicht anders gefügt hätte. Ich wollte, ich könnte Lorenz überreden, in die Heimat zurückzukehren und in meine Handlung einzutreten; soll auch der Name Ebner in Nürnberg nicht dauern, so könnte sich doch das alte Haus der Tuchers neu beleben.“

Frau Ursula schwieg; — so schnell sollte Bertholds Stelle durch einen Fremden ausgefüllt werden? Es wallte in ihr auf wie Haß gegen Lorenz, der sich anmaßte, den Sohn ersetzen zu wollen — und doch mußte sie sich bei ruhiger Überlegung sagen, daß jener ganz unschuldig an diesen Plänen sei und gewiß nichts davon ahne. —

Am nächsten Morgen verkündete der Klang aller Glocken, daß der Festtag gekommen sei, an welchem Maximilian von Österreich seinen feierlichen Einzug in die Stadt halten sollte. Prächtig hatten sich über Nacht und in den ersten Morgenstunden die Straßen geschmückt; überall wehten bunte Fahnen, hingen farbige Decken und köstliche Teppiche aus den Fenstern, selbst aus den Dachluken heraus; über die Straßen hin zogen sich Laubgewinde, an denen sich Blumenkronen wiegten, oder die mit flatternden Bändern und Sinnsprüchen verziert waren. Die Häuser der adligen Geschlechter hatten ihre schön gemalten Wappenschilder ausgehängt, die Gildehäuser und Trinkstuben ihre Handwerks- und Wahrzeichen. Eine erwartungsvolle Menge in Festkleidern besetzte alle Fenster und Balkone, sogar von den Dächern herab schauten neugierige Augen auf die Straßen, durch welche der Fürst kommen sollte.

Jetzt ließ der Belfried, der schlanke Glockenturm, der sich mitten auf dem Markt erhob, seine helle Stimme erschallen; vor dem Rathause sammelte sich der Zug, welcher dem Erzherzog entgegengehen und ihn am Thor begrüßen sollte. Voran ein glänzender Reitertrupp in Plattenharnischen, auf starken Rossen mit langwallenden Sattelmänteln, auf denen die Wappen des Stadtadels gestickt waren; dann Fußvolk in knappanliegenden Wämsern mit Plattmützen und stumpfen Schuhen, mit Schwert und Spieß bewaffnet. Vor ihnen her schritt gravitätisch der Fähnrich, der seine Fahne kunstreich zu schwenken verstand: bald warf er sie in die Luft und fing sie im Schwunge wieder auf; bald hüllte er sich in das Fahnentuch ein wie in einen Mantel, dann ließ er es wieder in seiner ganzen Länge über den Häuptern hin wehen, daß alle seine Schildereien zu voller Geltung kamen.

Nun folgten die Herren vom Rate der Stadt, alle im langen Amtskleide, mit den goldenen Halsketten, eine überaus würdevolle Schar. An sie schloß sich ein Zug von Jungfrauen aus den ersten Familien der Stadt, in weißen, strahlenden Gewändern, mit goldenen Kränzen und duftigen Schleiern in den aufgelösten Locken, fast ausnahmslos hohe Gestalten mit lieblichen Zügen. In unabsehbarer Reihe folgten nun die verschiedenen Gilden zu Fuß und zu Pferde, jede im vorgeschriebenen Gewande, mit stattlichen Bannern und Abzeichen, mit Pfeifern und Trompetern an der Spitze. In der Nähe des Thores stellten sich alle in langem Spalier auf, nur die Ratsherren und die Jungfrauen blieben in der Mitte des Platzes stehen, während die vorderste Reiterschar hinaussprengte, um die Ankommenden schon außerhalb des Thores zu empfangen.

Jetzt gab der Türmer das Zeichen, die Böller krachten, Erzherzog Maximilian betrat die Stadt: eine herrliche Heldengestalt, ganz in glänzenden Stahl gehüllt, mit dem wallenden Purpurmantel darüber. Die wenig hervortretende Stirn, die mächtige Nase, die hängende Unterlippe kennzeichneten den Habsburger; der hohe, reckenhafte Wuchs, die tiefblauen, leuchtenden Augen mit dem kühnen, freien Blick, das goldene Lockenhaar ließen ihn als ein echtes Königsbild erscheinen. Ein langes Gefolge von Fürsten und hohen Herren schloß sich an, aber den Ehrenplatz an der Seite des edlen Bräutigams nahm ein schlichter Ritter ein. „Wer ist der Bevorzugte?“ flüsterte unter den Zuschauern einer dem andern zu. „Das ist Ritter Kunz von Rosen,“ hieß es, „der lustige Rat des Prinzen und zugleich sein bester Freund, der nie von seiner Seite weicht. Er ist der treue Genosse all seiner Abenteuer und soll seinem Herrn schon mehr als einmal das Leben gerettet haben, wenn dieser sich in tollkühnem Mut in die größten Gefahren begeben hatte.“

Leutselig grüßte Max nach allen Seiten; die Ansprache der Väter der Stadt nahm er mit huldvoller Freundlichkeit entgegen, den Jungfrauen begegnete er mit ritterlicher Artigkeit. Seine jugendliche Kraft und Schönheit, verbunden mit seiner echt fürstlichen Haltung machte einen so tiefen Eindruck auf die Menge, daß das anfängliche, kritische Schweigen schnell einer wachsenden Begeisterung wich und das Jubeln und Schreien eine betäubende Höhe erreichte. Plötzlich gab er seinem Roß die Sporen, daß es sich aufbäumte, und sprengte mit ungeduldiger Hast vorwärts, man sah es ihm an, daß er Eile hatte, die Braut zu begrüßen. Jetzt kam er in den Bereich des Palastes, auf dessen Balkon die junge Fürstin im Kreise ihrer Frauen stand; mit klopfenden Pulsen schaute sie dem Bräutigam entgegen, dessen Bild sie lange in ihrem Herzen getragen, und den ihre Augen doch noch nie erblickt hatten. Es war ein Augenblick, der alle höfische Etikette über den Haufen warf; unten schwang der Jüngling seinen Federhut und schaute strahlenden Blicks hinauf, von oben beugte sich die Jungfrau über die steinerne Balustrade und ließ ihr Tuch grüßend in der Luft wehen. Noch wenige Sekunden — dann war Maximilian vom Pferde gesprungen, die breite Treppe hinauf geflogen, und nun hielt er die Braut, die ihm entgegeneilte, fest in seinen Armen. — So waren Deutschland und Burgund vereint, und wenn auch ein allzu früher Tod Maria verhinderte, an der Seite ihres Gatten den deutschen Kaiserthron zu besteigen, so war sie doch vom Schicksal bestimmt, die Stammmutter einer langen Reihe deutscher Kaiser zu werden.