Auch von den Verhältnissen in Burgund wußte er viel Interessantes zu erzählen, was den Nürnbergern noch neu war, denn in einer Zeit, wo man Zeitungen noch nicht hatte, wurden die Ereignisse eines Landes oft nur langsam, auf dem Wege von Mund zu Mund, in anderen bekannt. Er machte eine traurige Schilderung von der Verlassenheit, in der sich die junge Herzogin nach dem Untergange ihres Vaters befunden hätte.
„Man erzählte uns,“ bemerkte Ebner, „daß König Ludwig von Frankreich, ihr erlauchter Pate, sich der Fürstentochter warm und väterlich angenommen habe.“
„In der That,“ erwiderte Tucher ironisch, „er war so liebevoll, daß er ihr das schwere Amt des Regierens möglichst erleichtern wollte, deshalb suchte er große Stücke des Reiches an sich zu reißen; und er meinte es so väterlich, daß er Maria zu seiner Schwiegertochter machen wollte, obgleich sein Söhnchen erst sieben Jahre zählt und an Leib und Seele ein Schwächling sein soll.“
„Unglaublich!“ sagte Frau Ursula entrüstet, „wie kann man im Ernst an die Verbindung einer zwanzigjährigen Prinzessin mit einem kleinen Kinde denken!“
„Der Herzogin gefiel der Freier auch nicht sonderlich,“ fuhr Lorenz fort, „sie warf sich ganz ihren getreuen Ständen in die Arme, erbat ihren Schutz gegen den übermächtigen Nachbar und versprach dagegen, ihnen alle die Freiheiten und Gerechtsame zurückzugeben, die ihr gewaltthätiger Vater ihnen widerrechtlich entrissen hatte. Aber so unberechenbar und wetterwendisch ist ein Weiberkopf: kaum hatte sie sich den Ständen gegenüber feierlich verpflichtet, da reute sie’s wieder; sie schickte die Räte ihres Vaters Huguenot und d’Himbrecourt, geborene Franzosen und den Ständen als Werkzeuge ihrer Unterdrückung tief verhaßt, zum Könige und erbot sich zu allerlei Zugeständnissen, wenn er sie im ruhigen Besitz ihrer Herrschaft lasse. Der hinterlistige Monarch aber verriet Marias zweideutiges Spiel an die burgundischen Abgesandten, die ihrerseits mit ihr unterhandeln wollten, und im ganzen Lande entbrannte eine heiße Entrüstung, die sich, da man sie nicht an der Herzogin selbst auslassen konnte, gegen die französisch gesinnten Räte wendete. Man warf sie in den Kerker, machte ihnen den Prozeß und verurteilte sie als Verräter zum Tode. Vergebens flehte die Fürstin die Richter um Gnade an, sie fand nur taube Ohren. Sie versuchte es, sich an ihr Volk zu wenden; ich selbst habe sie gesehen, wie sie ohne Begleitung, im Trauergewande, das Haupt mit einem schwarzen Schleier umhüllt, mit aufgelösten Haaren und verzweiflungsvollen Gebärden die Straßen durcheilte und die Menge beschwor, den Tod ihrer getreusten Anhänger zu verhindern. Umsonst! einzelne wurden von ihrem Jammer wohl gerührt, aber die große Menge blieb unbewegt, und als die blutigen Häupter der beiden Verräter auf dem offnen Markte vom Schafott niederrollten, — da erhob das zuschauende Volk ein lautes Freudengeschrei.“
„Heilige Anna, wie entsetzlich!“ rief Frau Ursula schaudernd und bekreuzte sich. „Furchtbares Los einer Fürstin, durch eigne Unklugheit ihre besten Freunde ins Verderben zu stürzen! Was fing die unglückliche Maria nach diesem Tage an?“
„Sie verließ Gent, das ihr durch dieses blutige Schauspiel unerträglich geworden war, und ging nach Brügge. Dort traf wenige Wochen später eine stattliche Gesandtschaft ein, mit dem Kanzler des Deutschen Reiches, dem Erzbischof von Mainz, an der Spitze. Sie legten der Fürstin einen Ehevertrag vor, den vor Jahren ihr Vater mit Kaiser Friedrich zu Trier abgeschlossen hatte, und überreichten ihr den Ring, den sie selbst damals dem knabenhaften Bräutigam übersendet hatte. Da besann sie sich nicht lange, — man sagt, sie hätte dem Kaisersohn immer eine stille Liebe bewahrt, obgleich sie ihn nur im Bilde gesehen — sondern gab freudig ihr Jawort und forderte Maximilian auf, sofort zu ihr zu kommen und das alte Versprechen einzulösen.“
„Es ist schön und erhebend,“ bemerkte Frau Ursula sinnend, „daß auch in den höchsten Kreisen die Liebe einmal zu ihrem vollen Rechte kommt. Man meint sonst wohl, daß nur die kühle Erwägung politischer Vorteile ein fürstliches Paar vor dem Altar vereinige.“
„Für Maria mag die Liebe die Hauptsache sein,“ meinte Lorenz trocken, „für das Land wäre ein gefüllter Beutel sicher keine üble Zugabe gewesen. Aber man sagt, daß der Kaisersohn, trotz seiner hohen Stellung, nicht über bedeutende Mittel verfüge, und dann prophezeie ich ihm einen schweren Stand, denn in einem so reichen Lande, wie dieses ist, giebt in den Augen der großen Menge nur das Gold dem Manne eine Bedeutung.“
„Ich bin überzeugt,“ erwiderte die Ebnerin mit leisem Unmut, „daß Maximilian überall einen siegenden Eindruck machen wird, denn man findet nicht oft seinesgleichen an Hoheit und Ritterlichkeit der Erscheinung, und ein echter Fürst kann des Goldes entbehren, um die Herzen des Volkes zu gewinnen.“