Oft hatte Karl der Kühne in seiner stolzen Seele den Gedanken gehegt, das Vasallenverhältnis zu lösen und den Herzogshut mit der Königskrone zu vertauschen; seine wiederholten Niederlagen gegen die schweizerischen Eidgenossen und sein Tod bei Nanzig hatten aber allen ehrgeizigen Plänen ein frühes Ende bereitet. Nun war die ganze, unermeßliche Erbschaft seiner einzigen Tochter, der zwanzigjährigen Maria, zugefallen, und von allen Seiten drängten sich die Freier herzu, um mit ihrer Hand die reiche Herrschaft und den Herzogsstuhl zu erwerben. Maria von Burgund zog allen andern Bewerbern den deutschen Kaisersohn, Maximilian von Österreich vor; die Verlobung wurde in seiner Abwesenheit feierlich vollzogen, und am 18. August sollte zu Gent ein glänzendes Vermählungsfest der vereinsamten Fürstentochter einen Gatten, dem Lande einen festen, männlichen Herrscher geben.
Es war ein schwüler Augustabend, als Herr Wilibald Ebner und seine Gattin in die Thore von Gent einfuhren. Eine zahllose Menschenmenge wogte in den Straßen auf und ab, war doch die Stadt schon zu gewöhnlicher Zeit so bevölkert, daß man mittags eine Glocke läuten ließ, zum Zeichen, daß die Mütter ihre Kinder aus dem Wege räumen sollten, damit sie nicht durch die Scharen heimkehrender Arbeiter über den Haufen gerannt werden möchten. Nun kam noch eine Menge von Fremden dazu, welche aus aller Welt Enden herbeigeströmt waren, um den Glanz der fürstlichen Hochzeit anzusehen; kein Wunder also, wenn die Straßen überfüllt waren und der Wagen nur langsam vorwärts kam. Endlich hielt er vor der ansehnlichen Herberge, welche dem Ratsherrn empfohlen worden war. Der behäbige Wirt mit schneeweißer Schürze stand vor der Thür, doch zuckte er bei Herrn Wilibalds Begehr nur lächelnd die Achseln und erklärte, sein Haus sei bis unters Dach mit Gästen besetzt, und er hätte nicht mehr so viel Platz, um ein Mäuslein zu beherbergen, geschweige denn einen so stattlichen Herrn mit Wagen, Pferden und Gefolge. Nicht besser ging es dem Kaufherrn an drei, vier andern Stellen, überall waren die Herbergen voll, dabei dunkelte es schon, und Frau Ursula war so erschöpft, daß sie dringend nach Ruhe verlangte. Ratlos stand der Nürnberger da, als er hinter sich eine Stimme hörte, welche in unverkennbar süddeutscher Mundart sagte: „Kann ich Euch behilflich sein, Herr Landsmann? mich dünkt, Ihr seid in Verlegenheit.“
Als Ebner sich umwandte und den Sprecher ansah, trat er erschrocken einen Schritt zurück, denn es schien ihm, als stände Berthold leibhaftig vor ihm. Doch schon der zweite Blick genügte, um die Täuschung zu zerstören, denn der Fremde war wohl um zehn Jahre älter, als sein Sohn, und seine ganze Erscheinung trug das Gepräge reifer Männlichkeit. „Habe ich die Ehre, einen Angehörigen der freien Reichsstadt Nürnberg in Euch zu begrüßen?“ fragte er den jüngeren Mann höflich. „Ich bin der Ratsherr Ebner und als Vertreter unsrer Stadt hieher gesandt.“
„Ich bin aus Bamberg gebürtig,“ versetzte der Genter, „doch habe ich einige Jahre meiner Jugend im schönen Nürnberg verlebt. Es sollte mir eine Freude sein, werter Herr, Euch in meinem Quartier einstweilen ein Unterkommen anzubieten, denn es dürfte schwer sein, heute abend noch eine Herberge zu finden.“
„Ihr seid sehr gütig,“ versetzte Herr Wilibald, „doch bin ich nicht allein, sondern habe meine Gattin mit mir, für die mir ein Ruheplätzchen dringend erwünscht wäre. Wollt Ihr Eure Gastfreundschaft so weit ausdehnen?“
„Mein bescheidnes Haus ist zwar wenig zur Aufnahme zarter Damen eingerichtet, doch wenn Ihr gütig vorlieb nehmen wollt — ein Zimmer und ein Ruhebett findet sich wohl.“
„So nehme ich Euer Anerbieten dankbar an,“ sagte Herr Ebner und schritt mit dem Fremden die Straße entlang während der Wagen ihnen langsam folgte. In einer Gasse, die von dem lärmenden Verkehr der Hauptstraßen ein wenig abseits lag, hielt der junge Mann vor einem zweistöckigen Hause still; eine Glocke rief ein paar Diener herbei, und man half Frau Ursula aus dem Wagen. „Seid willkommen, werte Frau, im Hause Lorenz Tuchers,“ sagte der Genter mit höflicher Verbeugung, indem er die Patrizierin die steinernen Stufen hinaufführte.
Frau Ursula blieb überrascht stehen. „Ihr seid ein Tucher? auch ich bin von Geburt eine Tucherin — hat ein freundlicher Stern uns zu einem Verwandten geführt?“
Der Grad der Verwandtschaft ließ sich zwar nicht feststellen, doch war sie sicher irgendwie vorhanden, und Name und Herkunft genügten, um hier in der Fremde schnell ein enges Band um die zufällig Vereinten zu schlingen. Lorenz Tuchers Haus war auch keineswegs so dürftig ausgestattet, um nicht selbst verwöhnten Gästen einen angenehmen Aufenthalt darzubieten, und die Nürnberger ließen sich gern überreden, sich kein anderes Quartier zu suchen, sondern bei dem Vetter zu bleiben.
Der nächste Tag war nach der langen anstrengenden Reise ganz der Ruhe gewidmet; man brachte manche Stunde in traulicher Unterhaltung zu und unterrichtete sich über die beiderseitigen Verhältnisse. Lorenz erzählte von seinen Seereisen, die er zu verschiedenen Malen gemacht hatte, um alle Stapelplätze des mächtigen Hansabundes zu besuchen; er war mit flandrischen Tuchen und feiner Leinwand nach Bergen in Norwegen gefahren, wo die deutschen Kaufleute ein eignes Stadtviertel inne hatten und sich in Wohnung und Sitte von allen andern Nationen abschlossen; von Schonen hatte er Heringe geholt, die als unentbehrliche Fastenspeise in alle Länder Europas verschickt wurden; selbst bis in das ferne Nowgorod war er gekommen, wo man Leder, Honig und Wachs gegen die Erzeugnisse des Südens eintauschte.